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30 Jahre "geschenktes" Leben

Bild: Volker Weihbold

30 Jahre "geschenktes" Leben

Seit 1988 lebt der Linzer Günter Berlesreiter schon mit einem "neuen" Herz: Bei den European Transplant Games in Lignano räumt er derzeit Medaillen im Laufen und Tischtennis ab.

Von Peter Affenzeller, 20. Juni 2018 - 08:03 Uhr

Den 4. April 1988, Ostermontag, wird Günter Berlesreiter nie vergessen: Um 10:34 Uhr tat sein neues, transplantiertes Herz seine ersten Schläge und er war zurück im Leben. 30 Jahre später ist er gesund, dankbar und auf dem Weg zu den Europäischen Sport-Spielen der Herz- und Lungentransplantierten in Lignano, um seinen 30 Medaillen vielleicht noch einige hinzu zu fügen.

"Ein Herz transplantieren war damals keine Pioniertat mehr, aber schon noch sehr neu: Ich war insgesamt der 73. Patient im AKH Wien, der eines bekommen hat", erinnert sich Berlesreiter. Er war Aufnahmetechniker im ORF Landesstudio und fing sich bei Dreharbeiten in Fernost einen Infekt ein, der zu einer Herzmuskelentzündung führte. "Dilatative Kardiomyopathie heißt das und wäre heute meist sogar behandelbar, aber damals halt noch nicht: Der Herzmuskel ist gewachsen und mein Herz hatte statt der Größe einer Faust etwa die einer Zuckermelone – und dabei immer weniger Leistung", schildert Berlesreiter den Beginn seiner Leidensgeschichte:

Nach hohem Fieber und drei Wochen Krankheit fühlte er sich anfangs wieder gut, verbrachte sogar zwei Urlaube in Griechenland und war wieder bei Dreharbeiten in Simbabwe. Im Winter 1985 holten ihn die Probleme erneut ein: "Ich war fertig, hatte Magen- und Atemprobleme, war bei der geringsten Anstrengung sofort schweißgebadet. Auf dem Weg zum Silvesterfest hab ich mich dahingeschleppt mit Pausen, alle 15 Meter, weil ich keine Luft mehr bekommen hab". Schnell war klar, er würde ein neues Herz brauchen.

Die Ärzte schickten ihn ins Rehabilitationszentrum nach Hochegg im Süden Niederösterreichs. "Dort wurde ich soweit wieder aufgebaut und mein Körper mit spezieller Sporttherapie meinem Herzen so weit angepasst, dass ich nach acht Wochen fast wieder fit war", erinnert er sich – doch das war geborgte Zeit: Nach zweieinhalb Jahren mühsamer Gegenwehr war Berlesreiter im Frühjahr 1988 körperlich am Ende, appetitlos, abgemagert, kraftlos.

Sechs Wochen warten

Letztlich habe er einfach Glück gehabt, nach 6 Wochen Wartezeit ein Spenderherz zu bekommen: "Viele sterben beim Warten, ich hätte vielleicht noch zwei Wochen zu leben gehabt." Heute bedankt sich Berlesreiter jeden Tag gedanklich bei seiner Spenderin: "Durch Zufall hab ich in den Akten mal gesehen, dass es eine 22-jährige Frau aus Wien war…mehr weiß ich nicht über sie", sagt er. "Es ist unser Herz und für mich sind es 30 geschenkte, schöne Jahre". Heute ist Berlesreiter 59, seit einem Jahr in Pension und hält Vorträge an Schulen über das Leben mit einem Spenderherz.

Fotos von der Operation

Schon bei der OP hatte er die Gewissheit, dass alles gut geht: "Ich hab einem OP Gehilfen meine Kamera gegeben, weil ich Fotos wollte", erinnert er sich. Am ersten Tag nach der Transplantation am AKH Wien frühstückte er sitzend im Bett, am zweiten überraschte er seine Frau Irene, heute 57, mit einem Spaziergang samt seiner Infusionsständer. Wenige Tage nach der OP saß Berlesreiter mit den Krankenschwestern beim griechischen Salat. "Wenn‘s Ihnen schmeckt, geniessen Sie es!", meinte der Arzt nur. Angst? Nein…auch nicht vor einer Abstoßung.

"Es war einfach ein unglaubliches Gefühl, wieder Luft zu kriegen. Ich hab noch mit dem Tubus im Hals meiner Frau ‘Daumen hoch‘ gezeigt", schildert er die ersten Tage. Nach drei Wochen im AKH und weiteren fünf auf Reha war er so weit fit, dass er nach Hause durfte. Was sich im Leben seither geändert hat? Sport ist für Berlesreiter wichtiger ge

worden: Skifahren, natürlich Tischtennis, aber dazu auch Ausdauersport wie Nordic Walken und viel Wandern.

Berlesreiter trinkt heute keinen Alkohol, ist strikter Nichtraucher, ernährt sich gesund, nimmt regelmässig seine Medikamente und meidet Auslandsreisen in Länder mit problematischem Hygiene-Standard.

"Zur Grippezeit vermeide ich Menschenansammlungen, fahre nicht mit der Straßenbahn und versuche Infektionen generell zu vermeiden", sagt er: Beruflich habe ihn die Transplantation nicht eingeschränkt, er wechselte nach einiger Zeit als Cutter vom Fernsehen zum Radio und war zuletzt Tontechniker.

Mit Ehefrau Irene einen Tag nach der Transplantation am Krankenbett  
Bild: privat

Achtsam mit dem Körper umgehen

Krank ist er selten und wann, dann hört er aufmerksam in seinen Körper hinein: "Ich kann eventuelle Herzschmerzen durch die fehlenden Nervenbahnen nicht spüren, aber mein Herz hat sogar schon einen schweren Motorrad-Unfall 2002 in der Wachau mit mir überstanden und bekam 2013 zwei Stents eingesetzt, weil Herzkranzgefässe verlegt waren. Auf seinen Reisen hat Berlesreiter immer eine Notfall-Info in Landessprache bei sich, falls er verunglücken sollte. "Gebraucht hab ich es noch nie", sagt er – aber Vorsicht sei besser. Seine Kontroll-Termine hält er zuverlässig ein und achtet sehr auf seinen Körper.

Abgesehen von Urlauben mit seiner Frau Irene, einer Woche Modellfliegen auf der Koralpe mit Linzer Vereinskollegen jedes Jahr sind die Sport-Bewerbe der Transplantierten ein Höhepunkt für ihn:

"Da kommen 250, 300 Menschen aus allen Nationen zusammen, haben ihre Wettkämpfe und am Schluss immer ein großes gemeinsames Fest…und wenn ich mir das dann anschau, denk ich mir: Wir wären eigentlich alle gar nicht mehr da – würden alle nicht mehr leben, wenn wir nicht ein lebenswichtiges Organ bekommen hätten. Aber jetzt sitzen wir zusammen und feiern, feiern unser neues Leben!"

Medaillen bei Transplant Games

Derzeit zeigt Berlesreiter bei den European Transplant Games 2018 in Lignano wieder groß auf: Mit seinen Mannschaftskollegen hat er bereits einige Medaillen in den Lauf- und Tischtennis-Bewerben für Österreich geholt.

Berlesreiter will allen, die auf Organe warten, und auch deren Angehörigen Mut machen, nicht aufzugeben: "Man kann wieder ein schönes Leben haben und es sind geschenkte Jahre", sagt er. Seine 30 Jahre seien der beste Beweis, dass Transplantate bei gesundem Lebenswandel sehr, sehr lange halten können. Über ein zweites "neues Herz" habe er nie nachgedacht:

"Mit dem Herz werd ich jetzt einmal 80 und dann sehen wir weiter!", sagt er. Auch wenn über 80 Jahren nicht mehr "nachtransplantiert" werde: "Dann hab ich eben 50 geschenkte Jahre gehabt, und wer weiß schon, ob ich mit meinem eigenen Herz überhaupt so alt geworden wäre ..."

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