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Reisen

Wir sind Koasa

Von Bernhard Lichtenberger  08. August 2021 14:00 Uhr

Wir sind Koasa
Knapp unterhalb des Stripsenkopfs zeigt sich der Kaiser von seiner wilden Seite.

Majestätisch thront das Kaisergebirge im Norden Tirols. Die Legende hat dem markanten Massiv die Krone aufgesetzt. Um seine vielen Gesichter zu entdecken, begibt sich der Wanderer auf den Koasa-Trail.

Koasa sagen die Einheimischen zum Kaiser, der eine wilde und eine zahme Seite hat, je nach Ansicht. Höhenmäßig treibt er es bei der Ellmauer Halt auf die Spitze, die 2344 Meter misst. Um die Taufe der steinernen Majestät mit den schroffen Zacken ranken sich Legenden. Dem durchreisenden Kaiser Karl V. wird in den Mund gelegt, er habe beim Anblick den Satz "Lange, wenn ich es nicht mehr bin, wirst du noch Kaiser sein" fallen lassen. Gerne wird die Fantasie des Betrachters angestachelt, an den Felsen den Kopf eines Kaisers zu entdecken, es sei das Antlitz des im Tode ruhenden Kaisers Karl des Großen, dem die Krone vom Haupt rutsche.

Mythen hin, Sagen her – das Kaisergebirge hat jedenfalls etwas Anziehendes. Seine vielen Gesichter offenbaren sich auf dem frisch markierten Koasa-Trail. Der 86 Kilometer lange Weitwanderweg bringt es auf satte 4700 Höhenmeter und gliedert sich in fünf Etappen, die einen steten Perspektivenwechsel versprechen. Wiewohl es himmelwärts geht, kündigt auf einem Abschnitt bei Kirchdorf ein geschnitzter, auf einem Felsen hockender Beelzebub Höllisches an: die Teufelsgasse. Ein harmlos wirkender Pfad führt in ein Labyrinth aus felsigen Blöcken und steil aufragenden Wänden, mit Sackgassen und Schlupfwinkeln, in einem steten Auf und Ab. Der mystischen geologischen Formation wird im Volksmund ein satanisches Werk angedichtet. Der Teufel, so erzählt man sich, habe sich wegen sündiger Talbewohner erregt. Er schlug den gassenhaften Irrgarten ins Gestein, auf dass sich die Frevelhaften auf alle Ewigkeit darin verloren. Zu Scherzen aufgelegten Zeitgenossen dürfte der unheimliche Schauer beim Durchschreiten nicht genügt haben – zumindest ließen sich eine Gummifledermaus und eine an den Fels gelehnte Gruselpuppe so erklären.

Der Teufelsgasse wohlbehalten entkommen, strebt man einem Rastplatz zu, der Geselliges verheißt: die auf 1180 Metern gelegene Prostalm. Dabei leitet sich der Name gar nicht vom Zuruf Trinkender ab, sondern vom Probst eines Chiemgauer Klosters, der sich einst hier niederließ. Im Laufe der Zeit blieb allerdings das "b" auf der Strecke. Am Anstoßen stößt man sich dennoch nicht, wie ein erlauschter Dialog beweist, den die leutselige Kathrin mit zwei aufbruchbereiten holländischen Schwestern entfacht: "Woits nu an Schnåps?" Die eine: "Nee, muss Auto fahren." Die andere: "Das muss man schon einmal probieren." Die eine: "Na gut." Kathrin zum Lauscher: "Mågst a oan?" Na, dann Prost!

Am nächsten Tag wechseln wir die Seite, es geht über die Großache nach Erpfendorf, hinein in die Grießbachklamm, die recht hübsch anzusehen ist, jedoch nicht wirklich den Atem raubt. Schließlich kennt der Oberösterreicher seine Dr.-Vogelgesang-Klamm in Spital am Pyhrn, die 1,5 Kilometer lang und wildromantisch ist. Aber das nur am Rande. Über den Jägersteig strebt man keuchend der idyllisch gelegenen Angerlalm zu, auf der Gabriele Wörgötter und ihr Sohn Andreas sich emsig um das Wohl der Wanderer kümmern.

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Auf der Angerlalm: Streicheleinheiten für Max und Moritz

Dennoch bleibt der Chefin Zeit für Streicheleinheiten, die sie zwei Tieren angedeihen lässt, die immer für Gesprächsstoff gut sind. Max und Moritz, vier Jahre alte Brüder, sind Mini-Hausschweine. Grasend halten sie den Rasen vor der Hütte kurz, recken den Rüssel nach dem duftenden Kaiserschmarrn oder dösen vor sich hin. "Bei uns dürfen die Tiere noch Tiere sein", sagt Gabriele. Als die heute feisten Saububen noch klein waren, musste sie ein hütendes Auge auf sie werfen, "wegen der Adler, die von den Loferer Steinbergen hereinfliegen".

Wem eine Einkehr nicht genügt, der lässt den Trail kurz links liegen und wendet sich der nahen Huberalm zu. Wenn’s grad passt, packen dort die Schwestern Martina und Christina Foidl ihre Flügelhörner aus, um dem Koasa ein zweistimmiges Ständchen übers Tal hinüber zu blasen.

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Weil’s grad gepasst hat: Martina von der Huberalm bläst die Weise „Is schon still uman See“.

Jede Etappe hat ihre Feinheiten. Auf dem Weg über den Niederkaiserkamm von St. Johann in Tirol nach Gasteig passiert man die Einsiedelei Maria Blut, die seit drei Jahrhunderten von Eremiten bewohnt und derzeit von einer Ordensschwester betreut wird. Wer sich von St. Johann über den Harschbichl nach Oberndorf aufmacht, wird vom Tosen des Eifersbacher Wasserfalls betört, der in zwei Stufen herabstürzt.

Wo man Latschen brennt

Richtig nah kommt man den schroffen Zinnen des Wilden Kaisers auf der Rundetappe, die am Ende des Kaiserbachtals bei der Griesner Alm startet. Kaum in die Gänge gekommen, zwingt ein Hinweisschild zum Zwischenstopp: "Latschenbrennerei". Von Mai bis Mitte Oktober werken Manfred Lehnert und sein Sohn Alexander in einem kleinen Häuschen, um den Latschen wertvolles Öl der Marke "Kaiseradler" abzuringen. 600 Kilo Latschen, fein gehäckselt, passen in den Brennkessel, der schließlich ein bis eineinhalb Liter Latschenkiefernöl hergibt.

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Manfred Lehnert in der Latschenbrennerei im Kaiserbachtal

Das wird zu Franzbranntwein, der die Durchblutung anregt, einer Salbe gegen raue, rissige Haut oder zu Badesalz verarbeitet. Angefangen hat damit schon 1933 Anna Hoffmann, die Oma von Manfreds Frau Christine, die in Kössen den Verkauf und den Versand betreut.

Etwas Salbe in die trockene Nasenschleimhaut getupft, geht es nun unterhalb des 2190 Meter hohen Totenkirchl, in dessen steilen Wänden sich Kletterer lebendig fühlen, hinauf zum Stipsenjoch und dem darüber thronenden Stipsenkopf mit seinem Aussichtspavillon, von dem aus man sogar den Chiemsee erschaut. Dem Grat folgt man bis zum Feldberg. Beim Abstieg legen wir einen Halt bei der Ranggenalm ans Herz, erstens wegen der Jause, und zweitens wegen des erfrischenden Lächelns von Regina Weingand.

Wir sind Koasa
Neo-Sennerin Regina Weingand

Die 24-Jährige aus Garmisch-Partenkirchen, der das Bäuerliche nicht ganz fremd ist, wagt sich diesen Sommer ans Sennerinnen-Dasein. Danach kehrt sie wieder in ihren Beruf als Krankenschwester auf einer Intensivstation zurück. Gesellschaft leisten der jungen Frau, die es mag, mit den Leuten zu ratschen, ein paar Katzen. Seither bereiten ihr raschelnde und nagende Mäuse keine schlaflosen Nächte mehr. Sie muss ohnehin früh aus den Federn, um sich um neun Milchkühe und ein Kalb zu kümmern und die Kunst des Käsens zu vertiefen. Mit müden Füßen, überwältigenden Bildern im Kopf und bereichert um menschliche Begegnungen auf den einladenden Almen ist der Abschied vom Koasa-Trail eines kaiserlichen Zitates würdig: "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut."

Koasa-Trail

86 Kilometer mit 4700 Höhenmetern legt man in fünf Etappen auf dem Koasa-Trail in der Region St. Johann in Tirol, Oberndorf, Kirchdorf und Erpfendorf zurück. 6 Nächte inkl. Halbpension sind ab 649 Euro pro Person zu buchen. koasatrail.info

Unterkunft: Zum Beispiel der familiengeführte Penzinghof in Oberndorf mit vorzüglicher regionaler Kochkunst, begleitet von den Weinempfehlungen der ersten Sommeliere Österreichs, 18-Meter-Infinity-Pool (natürlich mit Koasa-Blick), Saunalandschaft, Bierwirt des Jahres, Bogen-Parcours mit 34 Stationen. penzinghof.at

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Bernhard Lichtenberger

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