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Reisen

Die Bedeutung von Tod – eine Reise um die Welt

Von Roswitha Fitzinger  30. Oktober 2021 00:04 Uhr

(Symbolbild)

Gestorben wird überall, doch wie man der Toten gedenkt und um sie trauert, könnte unterschiedlicher nicht sein. Ein Blick auf einige außergewöhnliche Totenrituale.

Tokio: Hightech bis zum Lebensende

Nirgendwo werden Menschen nach dem Tod häufiger eingeäschert als in Japan, dem Land mit der weltweit höchsten Kremationsrate von 99,9 Prozent. Die Aufgeschlossenheit der Japaner für Technologie und Innovation hört auch bei Bestattung und Gedenkstätten nicht auf. In Tokio befindet sich etwa einer der modernsten Hightech-Friedhöfe der Welt, der in einem Hochhaus untergebrachte Daitokuin Ryogoku Ryoen. Mittels Smartcards und elektronischen Lesegeräten wird die jeweilige Urne unter Tausenden vor eine Glaswand und einen mit Blumen geschmückten Grabstein geholt. Wer keine Zeit hat, bedient sich des Onlineservice eines virtuellen Grabbesuchs.

Mit futuristischer Optik fasziniert das Ruriden-Kolumbarium im Kokoku-ji-Tempel. Die buddhistische Anlage beherbergt mehr als 2000 mit LED-Lampen beleuchtete Glasbuddhas. Jeder, der hier einen geliebten Menschen beigesetzt hat, kann diesen mittels Chipkarte quasi wie eine Kerze entzünden.

Noch außergewöhnlicher mutet das „latel“ (last+hotel) in Yokohama an. Platz ist rar und teuer im Land des Lächelns. Das Hotel für Leichname bietet Hinterbliebenen die Möglichkeit, Verstorbene zu jeder Tageszeit zu besuchen und die Totenwache abzuhalten. In den mit Sofas, Fernsehern, Mikrowelle und Dusche ausgestatteten Zimmern können sich ganze Familien einquartieren und sogar übernachten.

Tokio: Hightech bis zum Lebensende
Das Ruriden-Kolumbarium in Tokio: Jedes Urnenfach entspricht einem Buddha

Indonesien: Mit den Mumien unter einem Dach

Ma’Nene nennen die Toraja auf der indonesischen Insel Sulawesi die Zeremonie, bei der Menschen die mit Formalin mumifizierten Körper ihrer Angehörigen aus den Särgen und Gräbern holen. Mit Pinseln werden sie gereinigt, ihnen neue Kleider angezogen, manche von ihnen in ein neues Grab umgebettet. Bis es so weit ist, sprechen die Toraja mit ihren toten Angehörigen, erzählen ihnen, berühren sie. Tränen fließen keine, höchstens Freudentränen. Die Toraja betrachten Ma’Nene als fröhliches Wiedersehen mit ihren verstorbenen Lieben. Sie machen Selfies, es gibt Grabbeigaben und ein Festmahl. In manchen Dörfern wird die Zeremonie jährlich, in anderen nur alle sieben oder zehn Jahre gefeiert.

Das Leben mit den Toten, die familiäre Beziehung auch nach dem körperlichen Tod hinaus ist für die Toraja, für die das Leben auf Erden nur eine Station darstellt, normal. Ist jemand gestorben, wird der Leichnam zunächst einbalsamiert und bleibt bis zur Beerdigung im Haus der Familie – oft wochen-, monate- und sogar jahrelang. Während dieser Zeit wird er wie ein schlafendes Familienmitglied behandelt.

Je höher der Status, desto länger wird der Leichnam im Haus aufbewahrt und umso höher sind auch die Erwartungen an eine besonders große Beerdigung.

Indonesien: Mit den Mumien unter einem Dach
Die Toten werden ausgegraben und neu eingekleidet.

Mexiko: Wenn die Toten drei Tage feiern

Als weltweit führend in Sachen aktiver öffentlicher Trauer gilt Mexiko. Die Tage der Toten, die "Dias de los Muertos", avancierten in vergangenen Jahrzehnten von einem privaten zu einem weltlichen Fest und Symbol nationaler Identität.

Jährlich von 31. Oktober bis zum 2. November kehren in Mexiko die Toten wieder und genießen die Freuden des Lebens. Vor allem kommen sie nach Hause zu ihren Lieben, wo sie willkommen geheißen werden. Altäre werden aufgebaut, geschmückt mit dem Foto der Verstorbenen, ihrem Lieblingsessen und -gegenständen, es soll sie in der Nacht nach Hause locken. Nach alter Tradition schenkt man sich gegenseitig „Calaveritas“, kleine Totenschädel aus Zucker, das "Pan de Muerto", ein leicht gezuckertes Brot in Form von Knochen. Es wird unter Verwandten, Lebenden wie Toten, geteilt.

Gefeiert wird jedoch auch auf den Friedhöfen. Prozessionsähnlich wandert man zu den gesäuberten und mit gelben Tagetes und Amaranth-Blüten geschmückten Gräbern. Um den Seelen den Weg zu zeigen, zünden Angehörige dort Kerzen an und stellen Proviantkörbe auf.

Das Totenfest geht auf die Azteken zurück, mit Ankunft der spanischen Kolonialisten wurde es dem katholischen Pendant von Allerheiligen und Allerseelen angepasst.

Mexiko: Wenn die Toten drei Tage feiern
Die orangefarbene Totenblume vom Haus bis zum Friedhof gilt als Wegweiser für die Toten.

Bolivien: Der Kult um den Totenschädel

Jedes Jahr am 8. November feiert die zweitgrößte indigene Bevölkerungsgruppe Boliviens ihre Ñatitas. So nennen die Aymara ihre Totenschädel, was übersetzt „flache Nasen“ oder „Stupsnasen“ bedeutet. Eine Ñatita besitzt besondere (Schutz-)Kräfte, kein Problem oder Wunsch ist ihr zu groß.

Bei der jährlichen „Fiesta de las natitas“ werden die Schädel mit Blumen, Wattebauschen, aber auch mit Sonnenbrillen und Zigaretten geschmückt und durch die Straßen bis zum Zentralfriedhof in La Paz getragen. Eine Feier für die Lebenden und für die Schädel selbst als Ausdruck der Wertschätzung für die Arbeit, die Ñatitas das ganze Jahr leisten. Der Ursprung des Schädelkults wird im Reich der Tiwanaku vermutet. Die Zivilisation, die bereits vor den Inka in Bolivien existierte, war davon überzeugt, dass Schädel Weisheit und Kraft übertragen können.

Bolivien: Der Kult um den Totenschädel

Buchtipp

Caitlin Doughty: "Wo die Toten tanzen", Malik Verlag, 250 Seiten, 26 Euro

Die amerikanische Bestatterin beschreibt in diesem New-York-Times-Bestseller, wie rund um die Welt gestorben und getrauert wird – und zwar auf informative, respektvolle, aber auch humorvolle Weise. Alles andere als schwere Kost.

Artikel von

Roswitha Fitzinger

Roswita Fitzinger
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