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Tagespost

Der Musterpräsident

Von Josef Achleitner   14. März 2015

Der Musterpräsident
Bescheiden und souverän: Kirchschläger in seiner zweiten Amtszeit

Rudolf Kirchschläger wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Er war zwölf Jahre Bundespräsident und setzte die Maßstäbe für die Führung des prestigereichen, aber machtlosen Amtes in der Hofburg.

  • Rudolf Kirchschläger wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Er war zwölf Jahre Bundespräsident und setzte die Maßstäbe für die Führung des prestigereichen, aber machtlosen Amtes in der Hofburg. 

Der Musterpräsident

Als Rudolf Kirchschläger am 20. März 1915 in Niederkappel im Oberen Mühlviertel geboren wurde, war der Knabe nicht für höhere Weihen vorgesehen. Der Vater, schon 50, arbeitete als Waagmeister in der Papierfabrik Obermühl, war eigentlich Kirchenorganist. Mit drei Jahren verliert Rudi die Mutter, hat aber das Glück, mit der zweiten Frau seines wenige Jahre später ebenfalls gestorbenen Vaters eine Bezugsperson zu finden, die er noch als Bundespräsident in höchsten Ehren hielt: „Sie verdient einfach den Namen Mutter, weil sie immer für mich dagewesen ist.“

Man war arm, Rudolf musste fürs Fahrgeld beim Bäcker oder beim Friseur aushelfen, hat auf diese Weise früh in viele Lebensbereiche Einblick bekommen. Von „freudloser Kindheit“, wie manche Biografen angesichts der einfachen Verhältnisse schreiben, wollte Kirchschläger nicht sprechen. Von Kronstorf, wo der Vater Organist war, ging es auf die Aufbauschule Horn in Niederösterreich, wo er mit Auszeichnung maturierte und seine Frau Herma kennen lernte, mit der er 60 Jahre verheiratet war und die Kinder Christa und Walter hatte.

Als Rudolf Kirchschläger am 30. März 2000 zehn Tage nach seinem 85. Geburtstag starb, galt er als der „Musterpräsident“. Bis weit ins Volk hinein hatte sich die Meinung durchgesetzt, dass Politiker so sein sollten, wie Kirchschläger war, privat und in der Politik: korrekt, echt, würdig, bescheiden und doch souverän.

Seine Souveränität kam aus intensiver Beschäftigung. Schon als Student, später als junger Jurist und dann als Völkerrechtler im Außenamt gab er nur gründlich Studiertes aus der Hand, war dann auch an der Verfassung des Neutralitätsgesetzes und des Staatsvertrages gemeinsam mit dem damaligen Staatssekretär Bruno Kreisky stark beteiligt. Souveränität zeigt Kirchschläger als Chef der Gesandtschaft im kommunistischen Prag während des Russeneinmarschs 1968, als er gegen den Willen der Regierung in Wien Tausende Ausreisevisa unterschrieb und so vielen Menschen das Leben rettete oder sie vor Gefängnis bewahrte.

Kirchschläger war parteilos – als junger Jurist war er aus der ÖVP ausgetreten. SP-Kanzler Bruno Kreisky setzte Kirchschläger, den er als Angebot an bürgerliche Wähler als Außenminister geholt hatte, 1974 als Präsidentschaftskandidaten durch. Der gewann gegen einen im Streit aufgestellten VP-Kandidaten. 1980 hatte Kirchschläger, der praktizierende Katholik, Wähler und Politiker über die Parteigrenzen hinaus überzeugt. Als Kandidat von SPÖ und ÖVP bekam er fast 80 Prozent der Stimmen – ein Ergebnis, das wohl Unikum bleiben wird.

Kirchschläger war der anerkannte seriöse Mahner und unkonventionelle Helfer der einfachen Leute in der Hofburg. Straßen, Plätze, Preise, Feste, Ehrenbürgerschaften erinnern an ihn.

Buch

Der Musterpräsident
1. Wahlsieg: mit Kreisky (M.), Lugger

Er zeigte mit dem Finger auf „Sümpfe“ und „saure Wiesen“

  • Der Theologe Walter Kirchschläger hat die wichtigsten Aussagen aus Reden seines Vaters für ein Buch gesammelt

Es gibt keinen anderen Bundespräsidenten der Ersten und der Zweiten Republik, der so mit bestimmten Aussagen identifiziert wird, dessen Kritik in die Alltagssprache übergeht und teils noch von den nächsten Generationen erinnert wird. Rudolf Kirchschläge selbst, so sein Sohn Walter im Gespräch mit den OÖNachrichten, hat die Kritik an den „Sümpfen und sauren Wiesen“ nicht für die wichtigste Rede seines Lebens gehalten. Aber sie blieb im Gedächtnis haften, weil mit dem Wiener AKH-Skandal ein großer Fall an systematischem Filz zwischen Politik, Wirtschaft und Baumanagement mit Millionenschaden für die Republik aufgedeckt worden war, der schließlich auch mit Gerichtsprozessen und Verurteilungen endete.

Kirchschlägers Eröffnungrede bei der Welser Messe 1980 war eine von mehreren Gelegenheiten, bei der der Präsident mit von allen verstandenen Andeutungen zur Beendigung der Korruption aufrief.: „Ich weiß, wie schwer diese Aufgabe, Wahrheit zu finden, ist. Dies zu präjudizieren steht mir nicht zu. Vielleicht mag das, was ich gesagt habe, manchem etwas altmodisch klingen: Aber meine Lebenserfahrung geht dahin, dass Sumpfblüten unauffällig nur in Sümpfen wachsen können. Beginnen wir also überall mit der Trockenlegung der Sümpfe und nehmen wir, weil wir auf einer Landwirtschaftsmesse sind, gleich die sauren Wiesen dazu.“

Ob Kirchschläger damals geahnt hat, wie lange sein Appell gültig sein würde und wie notwendig er auch heute wäre? Das Prädikat „präzise durchdacht, auf hohem Niveau, aber allgemein verständlich“ gilt nicht nur für Kirchschlägers Korruptionskritik, sondern für fast alle Reden. Die meisten waren selbst konzipiert, in vielen werden Themen angesprochen, die bis Mitte der 1980er Jahre noch kaum mit Aufmerksamkeit rechnen konnten: So etwa die Gleichstellung der Behinderten. Walter Kirchschläger hat für den Band „Ins Heute gesprochen“ Hunderte Reden seines Vaters durchgesehen und die wichtigsten Aussagen ausgewählt. Ein Schatz an politischer Weisheit.

Rudolf Kirchschläger, „Ins Heute gesprochen, styria premium, 24,99 Euro

Interview

Der Musterpräsident
Umjubelt in der Messestadt Wels

Nachgefragt bei Walter Kirchschläger

  • Der Sohn (67) von Rudolf Kirchschläger war Sekretär von Kardinal Franz König, dann Professor für Theologie in Luzern (Schweiz).
  1. Herr Professor, wie war die Reise zurück in die Ära Ihres Vaters?


    Ja, ich habe die Reden nach so langen Jahren wieder gelesen, es war ein längerer Prozess, über einige Monate, eine Zeitreise in mehrfacher Hinsicht: in meine eigene Biografie, weil ich viel in jungen Jahren selbst miterlebt habe. Für mich war es auch ein Rückblick in die Geschichte unseres Landes im Großen und im Kleinen.
  2. Wie war es eigentlich für die Familie, als der Vater Präsident wurde?


    Natürlich völlig ungewohnt, aber nicht schwierig und sehr faszinierend. Es hat sich schnell gezeigt, dass das Leben ganz normal weitergeht. Dazu muss man wissen, dass ich schon 27 war, als Vater Bundespräsident wurde. Im gemeinsamen Haushalt wäre das anders gewesen.
  3. Ihr Vater gilt heute noch als Muster dafür, wie man das Amt ausübt: Korrektheit, Bescheidenheit, persönliche Integrität. War das sein Wesen oder sein Anspruch?


    Er hat den Anspruch gehabt, das Amt in Übereinstimmung mit der Verfassung und zum Wohl möglichst vieler Menschen auszuüben. Die Bescheidenheit begleitete ihn durch sein ganzes Leben als eine seiner wichtigsten Charaktereigenschaften. Er hat darauf geachtet, dass dem Amt Reverenz erwiesen wird, der Person aber nicht darüber hinaus. Politiker waren für ihn ernstzunehmende Persönlichkeiten.

 

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