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Kultur

"Die versprechen denen irgendwie halb Österreich"

Von Nora Bruckmüller   09. September 2021 13:43 Uhr

Ibiza-Video

Filmkritik und Regiegespräch: „Hinter den Schlagzeilen“, ab morgen in den Kinos, zeigt die akribischen, hochspannenden Recherchen, die das Ibiza-Video 2019 publik machten.

Am 17. Mai 2019 erschütterte ein Skandal das Land, der die türkis-blaue Regierung zu Fall brachte: Süddeutsche Zeitung (SZ) und Spiegel waren im Begriff, erste Geschichten über das Ibiza-Video zu bringen. Heute eröffnet das digitale DOK.fest München mit dem Film „Hinter den Schlagzeilen“. Die Kino-Premiere findet beim Linzer Crossing Europe statt (1.– 6. 6.).

Der deutsche Journalist und Regisseur Daniel Sager arbeitet darin auf, was im Investigativ-Ressort der SZ passierte, bevor nur eine Zeile über das Ibiza-Video geschrieben worden war. Sager, der die SZ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier begleitete, hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ähnlich wie US-Filmerin Laura Poitras, vor der Edward Snowden auspackte. Ihre Doku „Citzenfour“ holte 2015 den Oscar. Wie diese Arbeit bietet „Hinter den Schlagzeilen“ eine aufwändige, umsichtige Rückschau. Und Szenen, die im Nachhinein satte Komik entfalten. „Ich finde das eigentlich nicht seltsam, sondern dass das eigentlich ganz normal ist“, hört man Bastian Obermayer 2019 zum damaligen Pressesprecher Straches am Handy sagen, als der auf die Recherchen reagiert oder sie wohl infrage stellen wollte. „Wenn S’ mit dem Herrn Strache reden, der wird sich daran erinnern.“

Doch Komik ist für den Film nicht typisch. Er erweist dem Journalismus einen großen Dienst, weil er zwei Dinge akribisch und unaufgeregt sichtbar macht, die zu wenig im öffentlichen Bewusstsein verankert sind. Erstens: die schwierigen, komplexen Entscheidungen, die (nicht nur) im investigativen Sektor Wahrheits- und Sorgfaltspflicht betreffen. Permanent schwingen Fragen mit: Was ist juristisch Recht, was gut und recht für Bürger?

So gibt der Film hochspannende Einblicke in die Zusammenarbeit mit einem digitalen Forensiker (zur Echtheit des an die Zeitung herangetragenen Videos) und Anwälten. Sie erstreckt sich über Monate. Das führt zu zweitens: Der Film zeigt echte Menschen beim Arbeiten, was falscher Vorverurteilung von „den Journalisten“ als Fake-News-Verteilern den Wind aus den Segeln nimmt. Obermayer und Obermaier sprechen nicht bloß von Nervosität. Man merkt sie ihnen an. Man spürt, wie der Druck steigt, die Zeit drängt, die Dimension der Geschichte sowieso. Sie muss hieb- und stichfest sein. Sager wählte dafür eine clevere, packende Dramaturgie: Am Anfang taucht das Material mit großem Potenzial, „eine Regierung zu stürzen“, schnell auf. Dann tut sich dazu lange nichts. Die Redakteure recherchieren etwa zur ermordeten Journalistin Daphne Galizia auf Malta. Im finalen Drittel bricht der „der Krimi“ an – ein sehr guter, weil echter.

„Hinter den Schlagzeilen“: D 2021, 90 Min., fünf von sechs Sternen 

 

Regisseur Daniel Sager im OÖN-Gespräch, das anlässlich des Crossing Europe geführt wurde  

Zwei Urlaube hatte Regisseur Daniel Sager bereits abgesagt, er war in Warteposition. Der heute 35-Jährige wollte 2018/2019 auf keinen Fall versäumen, was in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung (SZ) passiert, wenn der Startschuss zur Story über ein skandalträchtiges Video mit einem hochrangigen Politiker fällt. Es habe das Zeug, eine Regierung zu Fall zu bringen, wird es in seinem Film „Hinter den Schlagzeilen“ später heißen. Sager präsentiert ihn morgen (14.30 Uhr) beim Filmfest Crossing Europe in Linz.

Richtige Zeit, richtiger Ort

Anfangs hatte der gebürtige Berliner lediglich vor, einen Dokumentarfilm über investigativen Journalismus zu drehen und die SZ als Partner gewonnen. Das aber brachte Sager zur richtigen Zeit an den richtigen Ort: An die SZ-Redakteure Bastian Obermayer und Frederik Obermaier wird das Material herangetragen, das seit dem 17. Mai 2019 als Ibiza-Video bekannt ist und die türkis-blaue Regierung beenden sollte.

Erst mehr als ein Jahr nachdem Sager die ersten Szenen dazu gedreht hatte, waren die aufwendigen, komplexen Recherchen und jede erdenkliche Verifikation unter Dach und Fach. „Dann kam aber das Beste: Den dritten Urlaub konnte ich aus Anstand nicht mehr absagen. Wir waren vier Tage in Peru wandern, ohne Netz.“

Als Sager, der selbst als Journalist arbeitet, wieder Empfang hatte, waren schon mehrere SMS da: Das Ibiza-Video wird publik. Er stieg in den nächsten Flieger nach Deutschland, sein Team hatte inzwischen einen Tag lang ohne ihn gedreht. „Das war zum Glück alles organisiert.“ Dieses Engagement mündete in einem Werk, das für Österreich von zeitgeschichtlicher Relevanz und generell ein demokratisches Argument für freien Journalismus ist. „Ich wollte den Menschen damit einen ganz offenen Blick darauf geben, wie Journalisten arbeiten – mit Sorgfaltspflicht, Quellenschutz und Ringen und Diskutieren in den Redaktionen“, sagt Sager. „Um zu zeigen, dass nichts so leichtfertig publiziert wird, wie so mancher denkt.“

Die Arbeit, die der Film zurückhaltend nachzeichnet, belegt dies: Juristische Fragen werden geklärt, digitale Gutachten angefordert, die das Material als echt belegen und Protagonisten anhand ihrer Ohren verifizieren, Ablaufpläne erstellt, Reaktionen eingeholt ...

Bis der Punkt kam, an dem nicht einmal mehr Sager mit ihnen Interviews führen konnte. „Weil die Journalisten unter so großem Druck standen und hochkonzentriert arbeiten mussten.“

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