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Kultur

Als Mensch Eigenbrötler, als Komponist ein Genie

Von Helmut Atteneder  11. Oktober 2021 00:04 Uhr

Anton Bruckner
Anton Bruckner im Jahr 1894 an seinem Flügel. In seiner rechten Hand hält der Meister die Pergamentrolle seiner Ehrendoktorwürde.

Heute vor 125 Jahren starb Anton Bruckner: Sein musikalisches Vermächtnis ist weltweit bedeutend.

"In seinem stillen Heim, das ihm die Munificenz des Kaisers im Belvedere eingeräumt hat, ist gestern Nachmittags um halb 4 Uhr Dr. Anton Bruckner nach langem schweren Leiden im 73. Lebensjahre an Herzlähmung gestorben. Der Tod erlöste den greisen Componisten von den Qualen eines asthmatischen Leidens, das ihn seit Jahren peinigte."

Die Nachricht vom Tod Anton Bruckners am 11. Oktober 1896 löste ein mediales Beben aus, so auch beim "Neuen Wiener Journal". In der "Presse" war damals zu lesen, dass der 72-Jährige "mit großem Behagen Thee" getrunken habe. Nichts hätte auf das Nahen der Katastrophe hingedeutet. "Dann legte er sich auf die linke Seite, tat zwei tiefe Atemzüge und verschied sanft."

Heute jährt sich der Todestag Anton Bruckners zum 125. Mal, und die Musik des "Genius loci" bestimmt immer noch den musikalischen Alltag im Land. Chöre singen ohne Unterlass sein "Locus iste" oder das bedeutende "Te Deum", das Bruckner einmal "den Stolz meines Lebens" nannte. Seine großen Messen machen Hochämter zu musikalischen Ereignissen, und seine neun Sinfonien gehören zum herausfordernden Standardrepertoire jedes Orchesters.

Beschaulicher Anfang

Begonnen hat alles im sehr Kleinen. Anton Bruckner wird am 4. September 1824 in Ansfelden als Sohn eines Schullehrers geboren. Der Bub ist musikalisch, er komponiert schon mit elf, zwölf Jahren. Als er 13 ist, erfährt sein Leben eine Zäsur: Vater Anton stirbt, seine Mutter bringt ihn zu den Augustiner-Chorherren ins Stift St. Florian. Dort wird er Sängerknabe. Bruckner wird zum Schulgehilfen ausgebildet, seine erste Anstellung führt ihn nach Windhaag bei Freistadt. Sein großes Talent als Organist fällt auf, er wird 1855 Domorganist in Linz, später Chormeister der Liedertafel Frohsinn, er studiert bei Otto Kitzler Komposition.

Wagners Musik als Vorbild

Am 9. Mai 1868 wird seine erste Sinfonie im Linzer Redoutensaal aufgeführt. Bruckner geht nach Wien und wird Professor für Harmonielehre, Kontrapunkt und Orgelspiel. Seine große Spielkunst bringt ihn unter anderem bis nach London, wo er 1871 die neue Orgel in der Albert Hall einweiht.

Bruckner trifft sein großes Vorbild Richard Wagner, dessen Musik – und nicht dessen antisemitisches Gedankengut – er vergöttert. Umgekehrt schaut Johannes Brahms bewundernd auf die Musik Bruckners. Doch dieser kämpft um Anerkennung in Wien, die ihm allerdings lange verwehrt bleibt. Er arbeitet und überarbeitet akribisch, allein von seiner vierten Sinfonie gibt es unzählige Fassungen.

Aber längst ist Bruckner ein oft noch missverstandener Vorreiter seiner Zeit. "Formal und auch in der Harmonik treibt er Dinge, die man damals nicht kannte. Das konnten die Zeitgenossen ja gar nicht verstehen. Er nimmt vorweg, was Mahler später gemacht hat", sagt der Dirigent Franz Welser-Möst zum visionären Ansatz von Bruckners Musik, die auch seine Herkunft und seinen Glauben widerspiegelt. Elemente von Polka und Walzer sowie seine monumentalen Bläsersätze zeugen davon.

Letztere wurden lange Zeit von vielen Orchestern bombastisch gespielt, in den tiefgläubigen Komponisten hineininterpretiert. Welser-Möst: "Ich bin dafür, den Weihrauch bei Bruckner wegzulassen."

Ähnlich geht auch Markus Poschner vor, der als Chefdirigent des Bruckner Orchesters die Partituren Bruckners sanglicher und ein Stück weit volksmusikalisch interpretiert. "Donnerblech, großer Pathos und sehr langsame Tempi – gegen diesen Modus der Dauerüberwältigung wehre ich mich", sagt der Dirigent. Die Folge ist ein neuartig anmutendes, nicht minder großartiges Klangbild.

Genial und schrullig

So genial Bruckner als Musiker und Komponist war, so schrullig war er als Typ. Zeitlebens blieb er unverheiratet, seine gespielte "Vorliebe" für junge Mädchen ist legendär. Der St. Florianer Stiftsbibliothekar Friedrich Buchmayr hat darüber ein launiges Buch geschrieben ("Mensch Bruckner!").

"Anton Bruckner war komplexbehaftet, tollpatschig und rhetorisch eher minderbemittelt. Sein Intellekt war hoch, aber er konnte ihn nicht in jeder Hinsicht zum Ausdruck bringen. Mit seinem Auftreten hat er oft in den Gatsch gegriffen. Aber er wusste immer genau, was er wollte. Seine schrullige Art und Weise setzte er auch bewusst ein", sagt Klaus Petermayr, der wissenschaftliche Leiter des Anton Bruckner Instituts Linz, über den gedrungenen, stets in Schwarz gekleideten Mann.

Als Anton Bruckner im Kustodenstöckl im Schloss Belvedere stirbt, zweifelt längst niemand mehr an seiner Genialität. Obwohl schwer herzkrank und von Diabetes gezeichnet, vollendet er kurz zuvor das Finale seiner neunten Sinfonie. Nach seinem Tod wird er am 15. Oktober in der Gruft unter der von ihm lange Zeit bespielten Orgel im Stift St. Florian beigesetzt.

Artikel von

Helmut Atteneder

Redakteur Kultur

Helmut Atteneder
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