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Was die Turin-Flüchtlinge heute machen

Von Dominik Feischl   17. Februar 2011 00:04 Uhr

Hintergrund
Perner und Rottmann

Die Turiner Doping-Affäre um die österreichischen Langläufer und Biathleten gleicht einer seltsam anmutenden Theater-Posse. Eine Aufführung, die bis heute noch nicht beendet worden ist. Nach wie vor läuft in Italien ein Prozess, der die Vorkommnisse von damals aufarbeiten soll. Die Spielfiguren von damals sind längst in anderen Rollen tätig.

Die Hauptdarsteller: Walter Mayer soll der Grund für die Razzia der italienischen Polizei gewesen sein. Der Salzburger, der das österreichische Langlauf-Wunder begründete, ist das Bauernopfer. Früher für seine markigen Sprüche bekannt, ist dem 53-Jährigen nach mehreren Klagen und einem Aufenthalt in Untersuchungshaft wegen vermuteten Dopinghandels mittlerweile leise geworden. Mayer, der mit der ehemaligen Läuferin Eva-Maria Gradwohl liiert ist, wurde vom ÖSV nach den Ereignissen in Turin suspendiert. Das Bundesheer schickte den Unteroffizier im Vorjahr in Frühpension. Mayer wartet nach wie vor auf einen Doping-Prozess gegen ihn. Dazu steckt er in Privatkonkurs und kämpft um seine Scheidung von Ehefrau Gerlinde, die Unterhaltszahlungen fordert.

Sein Co-Trainer Emil Hoch, der wie Mayer nach der Razzia türmte, hat dagegen in seiner Heimat Liechtenstein Fuß gefasst. Er führt heute ein gut gehendes Langlauf-Geschäft.

Die beiden Biathleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann beendeten nach ihrer Flucht aus Turin ihre Karriere. Sämtliche genommenen Dopingtests beider Athleten verliefen zwar negativ, trotzdem wurden sie vom IOC lebenslang von Olympia ausgeschlossen. Eine unabhängige ÖSV-Kommission sah es später als erwiesen an, dass Rottmann und Perner Blutdoping betrieben haben. Während Rottmann heute drei Autobahn-Tankstellen am Walserberg führt, ging der gelernte Koch und Kellner Perner ins Gastgewerbe zurück. Er arbeitet im Hotel seiner Frau in Untertauern mit.

Die Nebendarsteller: Gesperrt wurden auch die Langläufer Martin Tauber, Johannes Eder, Roland Diethart und Jürgen Pinter, obwohl ihnen keine Doping-Vergehen nachgewiesen werden konnten. Nur Pinter ist nach Ablauf seiner Sperre ins ÖSV-Langlaufteam zurückgekehrt. Pikant: Diethart, der nun ein Hotel in der Ramsau führt, gibt heute mit Ex-Olympiasieger Christian Hoffmann, den ebenfalls ein bis heute unerledigtes Dopingverfahren aus der Spur warf, Langlauf-Kurse.

Hinter den Kulissen: Stefan Matschiner will nur als Gast Mayers in Turin gewesen sein. Eine Version, die der Laakirchner in seiner Biografie „Grenzwertig“ nun selbst widerrief. Der Dopingmanager, der seit 2004 ÖSV-Sportler „betreut“ haben soll, flüchtete nach den Razzien ebenfalls. Nur wenig später kehrte er aber wieder nach Italien zurück. Und versorgte einen Sportler für den abschließenden 50-Kilometer-Langlauf mit einem Blutbeutel. Heute will der wegen Dopinghandels gerichtlich verurteilte Matschiner vom seiner Meinung nach „verlogenen Spitzensport“ nichts mehr wissen. Er importiert nun Pilze. Giftige Strafen haben er wie auch alle anderen Protagonisten der Turin-Affäre aber in Zukunft nicht mehr zu erwarten.

Chronologie:

18. Februar 2006: Carabinieri durch-suchen Olympia-Quartiere der Österreicher. Ziel der Aktion war zunächst die Suche nach dem von Olympia verbannten Trainer Walter Mayer.

19. Februar 2006: Mayer flüchtet aus Italien und rast am Abend alkoholisiert in ein Polizeiauto. Er wird in die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses Klagenfurt eingeliefert.

21. Februar 2006: In einer chaotischen Pressekonferenz des ÖSV (Präsident Peter Schröcksnadel: „Austria is a too small country to make good doping“) ) wird die Suspendierung von Perner, Rottmann und Hoch mitgeteilt.
7. Februar 2007: Mayer zieht seine Klagen wegen übler Nachrede gegen IOC-Präsident Rogge und WADA-Chef Pound zurück. Vorher hat Erwin Roth (Bild), Lobbyist der Salzburger Olympia-Bewerbung, Mayer 290.000 Euro für die Exklusiv-Rechte seiner Lebensgeschichte versprochen.

25. April 2007: Das IOC-Komitee verhängt gegen die Biathleten Perner und Rottmann sowie die Langläufer Martin Tauber, Jürgen Pinter, Johannes Eder und Roland Diethart lebenslange Sperren.

4. Juli 2007: Salzburg holt sich bei der Vergabe von Olympia 2014 eine Abfuhr. Sotschi bekommt die Spiele.
August 2008: In Österreich tritt als Spätfolge des Turin-Skandals das neue Anti-Doping-Gesetz mit schärferen Strafbestimmungen in Kraft.

Anfang Jänner 2009: Die Sondergruppe „SoKo Doping“ wird im Bundeskriminalamt eingerichtet. Sie trägt bis Ende des Jahres tausende Seiten an Akten zusammen und ermittelt gegen zahlreiche Verdächtige aus dem Spitzen- und Breitensport.

Ende Jänner 2009: Der Salzburger Olympia-Skandal kommt ins Rollen. Langzeit-Präsident Wallner und ÖOC-Generalsekretär Jungwirth (Bild) geraten ins Fadenkreuz. Im Hintergrund der Recherchen gegen Jungwirth soll auch der ÖSV die Fäden ziehen.
Ende Februar 2009: Jungwirth tritt zurück.

22. März 2009: Walter Mayer wird verhaftet. Die U-Haft dauert bis 30. April. Bis heute gibt es keinen Prozesstermin.

31. März 2009: Mayer-Freund und Doping-Händler Stefan Matschiner wird wegen Verdunkelungs- und Tatbegehungsgefahr verhaftet und bleibt bis 7. Mai hinter Gittern. Im August 2010 gibt er im Gerichts-Prozess zu, Rad-Profi Bernhard Kohl, dessen Schweizer Teamkollegen Markus Zberg sowie die Triathletin Lisa Hütthaler mit Doping-Mitteln versorgt zu haben. Fünf weitere Abnehmer nennt Matschiner nicht. Er kommt mit einer teilbedingten Strafe davon. In seiner im Jänner 2011 erschienenen Biografie („Grenzwertig“) gibt er zu, Blutbeutel zu Olympia 2006 nach Turin transportiert zu haben. Die Namen seiner Kunden verrät er wieder nicht.

Oktober 2010: Wallner und der gesamte ÖOC-Vorstand treten zurück. Karl Stoss wird Präsident, Schröcksnadel kehrt in den neuen Vorstand zurück, der neue Generalsekretär Peter Mennel ist auch ein ÖSV-Mann. Eine Expertenkommission legt Schwarzgeldflüsse in Millionenhöhe frei. Ein Prozesstermin in der Causa Jungwirth gibt es noch nicht, auch der Salzburger Olympiaskandal beschäftigt noch die Staatsanwaltschaft.

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