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Kellermayr: „Im Nachhinein war Dopen ein Blödsinn“

BARCELONA. An die Olympischen Spiele von 1992 in Barcelona erinnert sich der Vöcklabrucker Zehnkämpfer Gernot Kellermayr gerne zurück. An die Zeit danach weniger, als er wegen Dopings gesperrt wurde. Im Interview spricht er über Reue, Rekorde und die Reinheit seines Gewissens.

Kellermayr: „Im Nachhinein war Dopen ein Blödsinn“

Gernot Kellermayr (OÖN) Bild:

OÖN: Wie oft denken Sie an Ihren olympischen Zehnkampf in Barcelona zurück? Zu Beginn hatten Sie diesen sogar dominiert, am Ende wurden Sie Elfter.

Kellermayr: Sehr oft. Wir hatten Gluthitze, im Stadion 50 bis 55 Grad. Ich mag, wenn’s herunterbrennt, das war mein Vorteil. Die anderen jammerten schon vor dem 100-Meter-Lauf. Den hab ich klar gewonnen. Es war brutal heiß. Am ersten Tag hab ich zwölf Liter Wasser getrunken, am zweiten 14. Das war die extremste Belastung, die ich je ausgehalten habe.

OÖN: Ein langes „Durchhaltevermögen“ hat auch der österreichische Zehnkampfrekord, den Sie 1993 aufstellten (8320 Punkte). Haben Sie geglaubt, dass der so lange halten würde?

Kellermayr: Nicht wirklich. Zumal ich das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht hatte, als ich gesperrt wurde. Manchmal stelle ich mich noch mit stolz geschwellter Brust vor den Spiegel und denke: Du hast den Rekord noch. Aber irgendwie ist das auch ein Armutszeugnis für die Leichtathletik. Kürzlich war ich im Trainingszentrum in Rif. Dort hatte ich früher in einer Halle, die nur zwei Meter hoch war, Hürden trainiert. Heute sind die Trainingsbedingungen viel besser.

OÖN: Können Sie mit stolz geschwellter Brust UND reinem Gewissen in den Spiegel blicken?

Kellermayr: Ja sicher. Denn ich glaube nicht, dass es nötig gewesen wäre, zu dopen. Aber es war halt so. Mit dem Wissen, das ich jetzt habe (Anm.: Kellermayr studierte Sportwissenschaften und vertreibt ein Nahrungsergänzungsmittel, welches das Laktat senkt), wäre es nicht nötig gewesen. Im Nachhinein war Dopen ein Blödsinn. Aber ich kann Menschen verstehen, die zu unerlaubten Mitteln greifen. Denn wo beginnt Doping? Ein Bub beginnt mit Eiweißpulver, nimmt Aminosäuren und immer mehr. Dann hat er eine Handvoll Tabletten, und einmal ist ein kleines Tabletterl, ein verbotenes. Aber ich bin kein Mörder, ich hab’ etwas genommen, ich wurde bestraft.

OÖN: Auch mit gesundheitlichen Schäden?

Kellermayr: Nein, ich bin pumperlgesund, darüber wundere ich mich selbst öfters.

OÖN: Sie sprachen vorhin von einem Armutszeugnis für Österreichs Leichtathletik; warum schneidet sie so schlecht ab?

Kellermayr: Es ist seit vielen Jahren der Hund drin. Auch weil es zu wenig Ansporn gibt. Was hast du davon, in Österreich in der Leichtathletik gut zu werden? Ich weiß, wie weh es tut, hart Zehnkampf zu trainieren. Heute ist die Wertschätzung noch geringer. Bist du gut, wird mit dem Finger auf dich gezeigt: „Du nimmst doch was, sonst wärst du nicht vorne.“ Bist du schlecht, wirst du nicht einmal wahrgenommen.

OÖN: Sind nicht auch Sie mitschuld an dem Desaster?

Kellermayr: Wie die Medien, die Politik, die Industrie und so weiter. Das mit Stephanie Graf ist Jahre her, das jetzt aufzuwühlen, zerstört die Leichtathletik. Das Geld, das gegen Doping aufgewendet wird, wäre besser im Nachwuchs investiert.

OÖN: Ist Geld alles?

Kellermayr: Ich glaube nicht, dass es Geld braucht, sondern Euphorie. Meine Frau Irene hat im Raum Vöcklabruck ein Sportkindergartenprojekt gestartet. Ein Mal in der Woche besuchen Trainer die Kinder und üben verschiedene Sportarten aus. Es gibt so viele ältere Leichtathleten, die sich auskennen und ihr Wissen weitergeben würden, aber die werden vom Verband totgeschwiegen und nirgends involviert.

OÖN: Der Salzburger Zehnkämpfer Roland Schwarzl legte bei der EM einen guten Start hin. Seine Bestmarke liegt noch mehr als 200 Punkte hinter Ihrer Marke. Werden Sie den Rekord an ihn verlieren?

Kellermayr: Ich trau es dem Roland zu, er müsste nur mal die Sau herauslassen. Was ihm vielleicht fehlt, ist die Härte und Brutalität zu sich selbst. Wenn er den Rekord holt, würde ich nicht weinen, sondern mich freuen.

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Artikel Von Marlies Czerny 29. Juli 2010 - 00:04 Uhr
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