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Fußball Österreich

Violett im roten Bereich: Was ist da falsch gelaufen?

Von Harald Bartl  16. April 2021 00:04 Uhr

Violett im roten Bereich: Was ist da falsch gelaufen?

WIEN. Das Austria-Debakel: Corona kann nichts dafür, dass die Wiener in Richtung Insolvenz rutschen. Die meisten Probleme sind hausgemacht.

Es sind Tage der Entscheidung beim österreichischen Fußball-Traditionsverein Austria Wien. Soll man tatsächlich den Notausgang "Corona-Insolvenz" nehmen? Für die Violetten wäre es ein verhältnismäßig "eleganter" Weg, auf dem Rücken der Corona-Pandemie die Verfehlungen der vergangenen Jahre mit einem Schlag auszubügeln.

Für den Rest der Liga, der diese Krise ordentlich meistert – und dabei auch so wie die Austria von der öffentlichen Hand unterstützt wird –, wäre es ein Schlag ins Gesicht. 18,8 Millionen Euro beträgt das Minus der Violetten – nicht insgesamt, sondern rein für die abgelaufene Saison. Insgesamt wies der Geschäftsbericht der Violetten Verbindlichkeiten in der Höhe von 78 Millionen Euro aus. Zahlen, die im heimischen Fußball auch historisch ihresgleichen suchen.

Normalerweise müsste die Austria im Falle eines Insolvenzverfahrens automatisch aus der Bundesliga absteigen. Der Corona-Passus verhindert dies aktuell. Gleiches gilt auch für den Fall, dass man jetzt die angeblich fehlenden sieben Millionen Euro mittels Bankgarantie noch irgendwie auftreibt, die Lizenz damit erhält und erst danach eine ordentliche Insolvenz anstrebt. Auch diese Option soll derzeit intern diskutiert werden, weil es wohl zeitlich zu eng werden dürfte, die Gläubiger binnen zwei Wochen vom sofortigen Insolvenzantrag zu überzeugen. So könnte man Zeit gewinnen.

Die sportlichen Auswirkungen einer solchen Insolvenz wären zwar drastisch, im Angesicht der aktuellen Situation aber dennoch verhältnismäßig überschaubar. Der Punkteabzug von maximal sechs Zählern ist in Zeiten der Punkteteilung nach dem Grunddurchgang kein Drama.

Dass alle Spieler – auch jene mit laufenden Verträgen – den Klub kostenlos verlassen dürften, relativiert sich ebenfalls. Sehr viele Verträge laufen ohnehin aus, die aktuelle Gehaltsstruktur ist überdurchschnittlich hoch, riesige Transfererlöse sind nach den zuletzt gezeigten Leistungen kaum zu erwarten. Und auch die bei einer Insolvenz ausgerufene automatische Sperre für den Europacup ist zwar schmerzlich – die Violetten haben aber auch sportlich in der Vorsaison den internationalen Bewerb verpasst. Und die Chancen, dass sich Gleiches wiederholt, sind nach dem Verpassen der Meisterrunde auch heuer gegeben.

Das Austria-Netzwerk

Die Austria-Fans haben in Geschäftsführer Markus Kraetschmer den Hauptschuldigen ausgemacht. Zu einem großen Teil auch zu Recht. Kraetschmer hat den Verein nach dem Ende der Ära von Frank Stronach am Leben gehalten, dabei aber auch die eigene Macht zu stark ausgebaut. Den Kardinalfehler im Fußball – sich zu sehr in die sportlichen Belange einzumischen – hat auch Kraetschmer in besseren Zeiten begangen. Die Zahl der Fehlkäufe war groß, die Erfolge sind seit Jahren bescheiden. Erst mit Peter Stöger wurde zuletzt wieder ein wirklich starker und unabhängiger Sportdirektor geholt. Er brachte die Misere zuletzt treffend auf den Punkt: "Wir hatten einen unfassbaren Rucksack an Gehältern an Spieler zu zahlen, die überhaupt nicht mehr im Klub waren." Auch wenn der Einfluss der staatsnahen Betriebe zuletzt abgenommen hat, so wird der politische Doppelpass weiterhin praktiziert und beispielsweise mit Sponsor Wien-Holding auch sichtbar. ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian ist zwar 2018 als Austria-Präsident zurückgetreten, führt aber gemeinsam mit dem Wiener Ex-Bürgermeister Michael Häupl und dem ehemaligen burgenländischen Landeshauptmann Hans Niessl den Vorsitz im Austria-Kuratorium. Die Hoffnung auf große politische Unterstützung bei der Beschaffung der fehlenden Millionen soll aktuell eher gering sein.

Im Aufsichtsrat der Austria AG sitzen neben Präsident Frank Hensel (REWE) und Ex-Vizekanzler Josef Pröll unter anderem auch Vertreter der Wien Holding (Kurt Gollowitzer), von T-Mobile (Andreas Bierwirth) und Generali (Gregor Pilgram). Hinzu kommt der georgische Investor "Insignia" – der schon beim Einstieg vor einigen Wochen sehr kritisch beäugt wurde. Wer sich im Fußball auf eine derartige Form der Hilfe verlassen muss, dem ist meistens nicht mehr zu helfen.

Die Pleiten in der österreichischen Fußball-Bundesliga im Überblick:

  • 2020 SV MATTERSBURG
    Die Commerzialbank-Affäre um Präsident Martin Pucher ist der Schlusspfiff für den Klub. Die Bundesliga-Lizenz wird vom Verein zurückgegeben, der Spielbetrieb eingestellt. Die sportlich abgestiegene WSG Tirol bleibt in der Liga.
  • 2010 SK Austria Kärnten
    Der mit der Unterstützung des Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider 2007 gegründete Klub erwirbt die Paschinger Bundesliga-Lizenz. Drei Jahre später folgt der Konkurs, der Verein wird aufgelöst.
  • 2007 GAK
    Nach dem Insolvenzantrag werden dem Meister von 2004 28 Punkte abgezogen. Der Verein erhält keine Lizenz. Nach weiteren Insolvenzen wird 2012 auch der Spielbetrieb in der Regionalliga eingestellt und der Klub 2013 in der untersten Liga neu gegründet. Inzwischen spielt der GAK wieder in der zweiten Liga.
  • 2006 Sturm Graz
    Ein 20-prozentiger Zwangsausgleich im Frühjahr 2007 rettet die Steirer nach der Ära von Hannes Kartnig vor dem Zwangsabstieg. Der Abzug von 13 Punkten ist verkraftbar.
  • 2005 SW Bregenz
    Der Vorarlberger Traditionsverein stellt im Juni des Jahres einen Konkursantrag. Der Klub wird in der Folge aufgelöst, als SC Bregenz neu gegründet – und spielt heute in der Regionalliga West.
  • 2002 FC Tirol Innsbruck
    Dem Meister wird die Lizenz entzogen. Beim Konkurs ist von Verbindlichkeiten in der Höhe von 60 Millionen Euro die Rede. Der Neustart erfolgt als Spielgemeinschaft Wacker/Wattens in der Regionalliga.
  • 2000 Vorwärts Steyr
    Die Lizenz für die Saison 1998/1999 hat man unter Auflagen erhalten, nach dem Antrag auf Zwangsausgleich wird 2000 der Spielbetrieb eingestellt. Jetzt spielt man wieder in der zweiten Liga.
  • 1995 LASK
    Nach der Einigung mit den Gläubigern auf eine 20-prozentige Ausgleichsquote bleiben die Schwarz-Weißen in der Bundesliga. 1996 folgt die Umbenennung in LASK Linz, 1997 kommt es zur Fusion mit dem FC Linz.
  • 1994 SK Rapid
    Nach dem gescheiterten Börsegang mit der Rapid-Aktie wird der Antrag auf Ausgleich mit einer Quote von 40 Prozent mit Hilfe einer Bankgarantie der Bank Austria angenommen. Rapid bleibt Bundesligist und holt 1996 den Titel
  • 1994 Wiener Sportklub
    Nach dem Ausgleichsverfahren steigt der Tabellenletzte ab und bildet danach eine Spielvereinigung mit dem SV Gerasdorf. Drei Jahre später folgt ein weiterer Konkurs. Heute spielt der Sportklub in der Regionalliga.
  • 1990 Kremser SC
    Der ÖFB-Cupsieger von 1988 bleibt nach einem Zwangsausgleich (40- Prozent- Quote) zwar in der obersten Liga, stürzt danach jedoch sportlich ab und – geht 1996 in Konkurs. Heute spielt der Klub in der Landesliga.
  • 1984 Union Wels
    Der Spielbetrieb wird noch während der ersten Bundesliga-Saison eingestellt – und das Konkursverfahren eröffnet. Eine zuvor versuchte Übernahme des Klubs durch die Spieler kommt letztendlich nicht zustande.

Artikel von

Harald Bartl

stellvertretender Ressortleiter Sport

Harald Bartl
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