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Landespolitik

Mediziner warnen: Spitäler in Oberösterreich stoßen an ihre Grenzen

Von OÖN/az, APA   27. Oktober 2020 13:24 Uhr

Holger Rumpold (l.), Leiter des Viszeralonkologischen Zentrums am Ordensklinikum Linz, Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Kepler-Uniklinikum, Jens Meier, Vorstand der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Kepler-Uniklinikum

LINZ. Oberösterreichs Spitäler beginnen wieder damit, planbare Eingriffe zu verschieben. Steigen die Corona-Zahlen weiter so stark wie derzeit, droht schon nächste Woche ein Totalstopp bei diesen Leistungen. Drei Mediziner traten am Dienstag in Linz auf und appellierten an die Bevölkerung, kein unnötiges Risiko einzugehen.

Seit Mitte Oktober hat sich die Zahl der Spitals- und Intensivpatienten in Oberösterreichs Spitälern in etwa verdreifacht. Darum traten heute, Dienstag, drei Mediziner auf, um die Bevölkerung zu warnen und zu appellieren, die Corona-Maßnahmen einzuhalten und kein unnötiges Risiko einzugehen.

Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Kepler-Uniklinikum, Jens Meier, Vorstand der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Kepler-Uniklinikum sowie Holger Rumpold, Leiter des Viszeralonkologischen Zentrums am Ordensklinikum Linz betonten, dass man weiter beides wolle – bestmögliche Versorgung von Corona-Patienten und ebensolches für andere Akuterkrankungen und dringliche Eingriffe.

"Auch ein sehr gutes Gesundheitssystem kann an seine Grenzen geraten", warnte Lamprecht. Gefordert sei man vor allem personell. Auf einer Covid-Station brauche man etwa um 50 Prozent mehr Personal als auf einer anderen Station, erläuterte er - das habe vor allem mit der Schutzausrüstung zu tun. Auf Intensivstationen könne sich eine Pflegekraft nicht wie sonst um zwei bis drei Patienten, sondern nur um einen kümmern

Darum haben die Spitäler träger-übergreifend Maßnahmen eingeführt: eine gleichmäßige Verteilung von Corona-Patienten über alle Krankenhäuser (manche Spitäler sind im Intensivbereich schon nahe an der Leistungsgrenze), die Einrichtung von Covid-Stationen in allen Spitälern und die Reduktion von planbaren Eingriffen. Eine „drastische Leistungsanpassung“ werde notwendig sein. Betroffen sind etwa Hüft-Operationen, Augenoperationen oder physiotherapeutische Behandlungen. Denn das Personal wird immer stärker für Corona-Patienten gebraucht, die betreuungsaufwändig sind.

Sollte es mit den Infektionszahlen so weiter gehen wie bisher, droht schon nächste Woche der Totalstopp von sogenannten elektiven Leistungen, also planbaren Eingriffen.

Intensivstationen in Oberösterreich zu 68 Prozent ausgelastet

Insgesamt stehen in den oberösterreichischen Spitälern knapp 7500 Normal- und 243 Intensivbetten zur Verfügung. Derzeit werden - nach einem starken Anstieg in den vergangenen Tagen - mehr als 330 Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern des Bundeslandes behandelt, davon 30 auf Intensivstationen. Die Intensivbetten können zwar etappenweise auf 270, 358 und in einem dritten Schritt sogar auf 420 aufgestockt werden, das Problem sind aber weniger die Beatmungsgeräte etc., sondern das Personal, warnte Meier.

Die Politik sei sich bewusst, dass es hier Personalressourcen bauche und diese nur durch Reduktionen in anderen Bereichen bereitgestellt werden könnten. Man versuche natürlich zusätzliches Personal zu bekommen, etwa aus der Pension zurückzuholen, aber Intensivpflegekräfte und -mediziner könne man nicht "aus dem Boden stampfen", so Meier. Laut der Sprecherin der Oö. Gesundheitsholding, Jutta Oberweger, fallen derzeit 4,7 Prozent des Personals in den Spitäler aus, das sei wesentlich weniger als in der ersten Welle. Zahlen, wie viele Mitarbeiter Corona-infiziert sind, gibt es nicht.

Derzeit seien die Intensivstationen in Oberösterreich zu 68 Prozent ausgelastet, rechnete Meier, vor. Um noch auf Notfälle reagieren zu können, sollten Intensivstationen mit maximal 80 Prozent Auslastung laufen. "Wenn die Intensivstation immer zu 100 Prozent voll ist, kann man keine Reanimationen mehr machen oder Autounfälle aufnehmen." Man werde daher jene Eingriffe, die sich verschieben lassen, verschieben. "Aber auch elektive Eingriffe sind indiziert", warnte er, müssten also irgendwann nachgeholt werden.

Im Schnitt landen fünf bis zehn Prozent der Corona-Patienten im Spital, erklärte Lamprecht, in Oberösterreich seien es aktuell 8,1 Prozent. Derzeit werden zehn Prozent der Intensivbetten von Covid-Patienten, die mit einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von zwei Wochen sehr lange in Intensivbehandlung bleiben, belegt. Auch bei den Normalstationen wird es eng: Derzeit seien zwei Covid-Stationen voll, "das wird nicht ausreichen", so Lamprecht.

Rumpold betonte, es sei Ziel, die Lege-Artis-Versorgung von Krebspatienten weiter aufrecht zu erhalten. Dass während der ersten Welle offenbar viele Krebserkrankungen nicht diagnostiziert wurden, hänge seiner Ansicht nach nicht mit der Verschiebung von Leistungen zusammen, sondern damit, dass diese Personen erst gar nicht "in das medizinische System eingetreten sind", also nicht zum Arzt oder ins Spital gekommen sind.

SPÖ fordert menschliche Lösungen

Der oö. SPÖ-Gesundheitssprecher Peter Binder forderte in einer Aussendung "menschliche Lösungen für das Spitalengpass-Dilemma". Er habe Verständnis, wenn die Spitäler Kapazitäten für den Corona-Ernstfall freihalten, man dürfe aber auch jene Menschen, die "monatelang auf wichtige, schmerzlindernde Operationen warten, nicht im Ungewissen" lassen. Es brauche daher "konkrete Kriterien, welche Operationen verschoben werden und wie lange. Die bessere Krankenversicherung darf dabei nicht entscheidend sein", so Binder. Zudem müsse man einen Plan erstellen, wie man den OP-Rucksack wieder abbaue.

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