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Steyr

Astrid Miglar: Wenn ein Lächeln zur Bedrohung wird

25. September 2020 12:03 Uhr

Würzige Wortwechsel: Zwei Autoren schreiben ab heute online
Astrid Miglar aus Reichraming (privat)

REICHRAMING. Astrid Miglar setzt heute zu einem Plädoyer für die Stadt Steyr an, landet dann aber in Reichraming. Und plädiert umso mehr fürs Leben am Land.

Wenn ein Lächeln zur Bedrohung wird?

Meine Welt ist klein. Ich lebe am Land. Ich arbeite am Land. Ein Ausflug in die große weite Welt – nach Steyr, das gerade mal 38.000 Einwohner hat – gleicht einer Weltreise. Nicht von der Reisedauer her, denn in etwa fünfundzwanzig Minuten (trotz nur 60 PS) bin ich in Steyr, sondern weil ab und zu Welten aufeinanderprallen.

Stadt versus Land. Bildung trifft auf Dummheit. Freundlichkeit auf Reserviertheit. Weltoffenheit prallt auf konservative Vorurteile. High Society gegen Arbeiterklasse.

Die Liste der klischeebehafteten Belanglosigkeiten könnte eine Weile fortgeführt werden. Sie ist längst ein Irrtum der Geschichte. Nicht erst seit gestern nicht mehr zeitgemäß. Eine Fülle von Floskeln also, denn die Leut‘ vom Land haben die Stadt in aller Ruhe unterwandert. Mit allen liebenswerten Charaktereigenschaften im Gepäck und auch den nicht so liebenswerten. Wir haben uns eingeschlichen, weil wir dort zur Schule gehen, weil wir uns mit den jeweils geliebten Geschlechtern verbünden, daher gelegentlich hemmungslos dieser Liebe folgen oder einer angenehmen Nähe zum Arbeitsplatz zugunsten längeren Schlafes nachgeben.

Ha! So sind wir Leute vom Land nämlich. Ziemlich einfallsreich, ein wenig hinterhältig, jedoch meistens freundlich.

Apropos freundlich: Wandere ich über den Stadtplatz, werde ich nur selten gegrüßt. Meist von jenen, die – so wie ich – aus dem Ennstal in die große Stadt fahren, um dort ihren Erledigungen nachzugehen, Freunde zu treffen, einzukaufen.

Oder von Menschen, die mich noch von früher her kennen, als ich noch in Steyr gearbeitet habe. Oder von denen, die ich, weil ich übermütig bin, freundlich anlächle und die daher glauben, ich würde sie kennen. Manche meinen vielleicht, ich wolle sie verschaukeln. Doch nichts liegt mir ferner. Ich mag es einfach nicht, wenn mir versteinerte Mienen begegnen, was – um eine Entschuldigung für die versteinerten Mienen zu finden – mit der Wahrung einer gewissen Neutralität einhergeht. Diese schöne Erklärung ist nicht mir eingefallen, nein, das hat mir eine Dame, die es wissen muss, weil sie menschliches Verhalten studiert hat, mit nahezu versteinerter Miene nähergebracht. Wäre die Erklärung nicht sinnig rübergekommen, hätte ich doch tatsächlich geglaubt, die pflanzt mich. Aber sie meinte, man würde offenbar wahnsinnig werden, wenn man freundlich schauen tät‘. Oder jeden der 38.000 Einwohner grüßen, was relativ unwahrscheinlich ist, da nur selten alle Steyrerinnen und Steyrer auf einem Haufen zu finden sind.

Aber gut, sie wird schon recht haben.

Ich bringe für die Argumentation der Spezialistin Verständnis auf, lächle dessen ungeachtet weiter. Einfach, um ein wenig Verwirrung zu stiften. Vielleicht sogar, um ein unerwartetes Lächeln zu kassieren. Habe ich auf diese Weise zumindest drei Menschen zum Lächeln gebracht, fahre ich zufrieden nach Hause. Aufs Land.

Wussten Sie eigentlich, dass Dreiviertel der österreichischen Bevölkerung in ländlichen Regionen leben? Das klingt beinahe nach Überbevölkerung. Sie haben also Glück, wenn Sie in der Stadt wohnen, sie gehören zum restlichen Viertel der österreichischen Bevölkerung.

Ländliche Regionen sind trotzdem eher keine Ballungsräume. Ländliche Regionen, auch wenn sie sich am Allerwertesten der Welt befinden, sind Rückzugsorte. Nur selten gibt es bei uns Fitnessstudios, Konzertsäle, Krankenhäuser, Casinos, Kinos oder Opernhäuser. Wobei ich immerhin dem Luxus fröne in meinem eigenen Opernhaus aufzutreten. Regelmäßig. Laut singend. Meist in der Badewanne oder im Keller, wenn ich einer Tätigkeit nachgehe, die mich langweilt. Nur selten aus Ängstlichkeit, weil ich dazu keinen Grund habe. Sollte ich ihnen also singend begegnen, kann es sein, dass ich mich langweile oder bade oder Sie mich erschreckt haben. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich gern singe.

Der Vorteil am Land besteht in ausreichend Grünflächen und Landluft. Grün gibt nicht nur Hoffnung, es beruhigt auch, wenn das Wachstum nicht zu sehr überhandnimmt. Landluft dagegen macht frei, wenn auch die Geruchsbelastung gelegentlich nicht unerheblich ist. Ich denke an Jauche und an ein sonniges Wochenende. Eine unschlagbare Kombination, die meist miteinander einhergeht.

Trotzdem empfehle ich Ihnen: Fliehen sie aufs Land. Solange es noch geht. Solange die Quadratmeterpreise noch leistbar sind. Ich empfehle Reichraming. Warum auch nicht? Ist nicht weit weg von Steyr.

Ach, und wenn ich Ihnen in Steyr über den Weg laufe, lächeln Sie mich ruhig an, damit Sie in den Genuss meiner Mimik kommen, während ich verzweifelt zu ergründen versuche, woher wir uns kennen.

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