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Christian Schacherreiter: Selbstporträt eines ernsten Mannes

Christian Schacherreiter (56) hat über seine Jugend geschrieben. Aber das Buch hat über die Erinnerungserzählungen hinaus eine zweite Ebene. Diese bestimmt den Mehrwert.

Selbstporträt eines ernsten Mannes

Der Autor, heute Schuldirektor, im Alter von zwei Jahren. Bild: privat

Das Bild: Ein ernst blickender Mann vor einer Schreibmaschine blickt zurück in eine weit geschwungene, sanft gewellte, beruhigend wirkende Landschaft mit Weilern, Dörfern, einer kleinen Stadt. Weiter hinten ist eine größere Stadt erkennbar. Und hinter dieser, ganz im Hintergrund, ist nochmals eine Stadt erkennbar, eine Großstadt. Im Vordergrund liegt eine Geige griffbereit. Das Bild ist ein Puzzle. Es besteht aus mindestens 270.000 Einzelteilen. Jedes Teil ist ein Buchstabe. Diese fügen sich zu Sätzen, Absätzen, Kapiteln. In Summe ergeben sie den Bild-Haupttitel „Diese ernsten Spiele“.

Der ernste Mann konkret. Christian Schacherreiter: Germanist, Publizist (Literaturkritiker der OÖNachrichten), Autor von Sachpublikationen insbesondere zu Sprache und Didaktik, Direktor eines Linzer Gymnasiums, in seinen wilden Jahren weitum beachteter Kabarettist gewesen, gemeinsam mit Gerald Fratt.

Die Landschaft konkret: das Innviertel, ausgespannt hauptsächlich zwischen Pramet und Ried – die kleine Stadt im Bild.

Die größere Stadt im Bild: Salzburg.

Die Großstadt noch in Bild-Ferne: Linz.

Schacherreiter beschreibt in einfacher, aber stark bildwirksamer Sprache seine Kindheit und Jugend im Innviertel, in kleinbürgerlichem, außerhalb der Familie spießbürgerlichem Milieu. Sowohl im Dorf als auch in der nächstgrößeren Schul-Stadt Ried die Lebensmaxime für Frauen „Kinder, Küche, Kirche“. Die Erziehungs-Maxime der Lehrer: Gehorsam, Disziplin, keine Fragen, sondern Antworten. Das erwachende Selbstwert-Bewusstsein des Heranwachsenden. Das Auswandern nach Salzburg, Studium, Gemeinsamkeit mit Polit-Radikalismus junger Idealisten mit dem Hang zur Verbesserung der Welt nach ihren Idealismus-Vorstellungen. Ausbildung wissenschaftlich, daneben Weiterbildung an der Geige.

Eine Kindheit im Innviertel

Dann Eintritt ins Berufsleben in Linz, hier auch familiär eingewurzelt, keine Absicht einer Ortsveränderung erkennbar. Das ergibt in Summe ein Normalschicksal, abertausendfach durchpausbar. Dies alleine lässt die selbstkritische Frage Schacherreiters auf Seite 16 des Buches nachstellen: „Die kritische Frage, ob eine Kindheitsgeschichte wie meine überhaupt publikationswürdig sei, ist gerechtfertigt.“

Also stellen wir sie und beantworten sie nach Ziehen der Gesamtsumme mit Ja. Denn: Der Untertitel „Eine Kindheit im Innviertel“ greift zu kurz. Dieses Buch ist sozusagen eine Doppel-Helix. Der eine Strang sind die Miniaturen des Erlebens vom Kind bis zum reifen Mann. Der andere Strang aber ist eine umfassende gesellschaftspolitische Diskussion, die Schacherreiter in Segmente unterteilt einbringt, das Buch als einen Speakers Corner nutzt, um genaue, strenge Analysen zum gesellschaftlichen, politischen, kulturellen, bildungspolitischen Ist-Zustand in unserem Land darzubieten.

Von Bundespolitik – ein Vehikel, das im Leerlauf heult, aber nicht vom Fleck kommt – über bedrohliche Entwicklungen im Parteien-Mosaik, Perspektivlosigkeit der einander blockierenden Großparteien, immer mehr verflachende, alles nivellierende und alles Profiliertere überwuchernde Event-Kultur, Kommentierung der aktuellen Schul-/Bildungs-Politik bis hin zu Ethik-Fragen, Religion. Nur Beispiele.

Das Ganze folgt nicht einer strengen chronologischen und/oder thematischen Linie, wirkt besonders in der zweiten Hälfte irgendwie ruckartig hastig, was aber das Prägende der Mitteilungen nicht mindert. Es ist keine einfache Lektüre, erfordert Mitdenken auch geistig „mündiger“ Bürger, die aber aus den An- und Einsichten großen Gewinn ziehen können.

Tipp: Lebensthemen

Lesethemen – Lebensthemen: Unter dem Titel „Geglückte Kindheit“ liest Christian Schacherreiter heute um 19.30 Uhr im Linzer Stifterhaus aus „Diese ernsten Spiele. Eine Kindheit im Innviertel“. Moderation: Peter Huemer.

 

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Artikel Reinhold Tauber 07. März 2011 - 00:04 Uhr
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