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Reisen

Auf den Hund gekommen

Von Jochen Müssig   15. März 2020 00:04 Uhr

Auf den Hund gekommen
Einer der längsten Stadtsandstrände der Welt: Drei Kilometer misst der Las-Palmas-Strand Las Canteras.

Viele der jährlich drei Millionen Besucher auf Gran Canaria kennen den Süden der Insel wie ihre Westentasche. Doch die Hauptstadt Las Palmas im Norden haben sie nie besucht. Schade …

Francesco kennt eine schöne Geschichte. Er ist gebürtiger Canario, Hauptstädter, Straßenmusikant und Erzähler. Fast jeden Tag macht er in Las Palmas, am Platz der Casa Cólon, Musik. Schön hallen seine Gitarrenklänge durch die engen Gassen. Und Touristen belagern die Casa Cólon, das Haus des Christoph Kolumbus. Es ist eine der prachtvollsten Bauten der Stadt, mit geheimnisvollem Portalschmuck, typisch kanarischen Holzbalkonen, romantischem Patio und Brunnen, als könnte sich der Entdecker Amerikas jeden Augenblick auf dem Balkon dem Volke zeigen.

Tag für Tag verbreitet Francesco – aber auch andere Einheimische und Tour-Guides – das Märchen, dass Kolumbus auf seiner ersten Amerikareise auf Gran Canaria Station gemacht hat. Dabei war die Casa Cólon stets nur die schmucke Residenz der wechselnden Statthalter der spanischen Krone. Kolumbus hat das Haus nie betreten. Forscher gehen sogar davon aus, dass Kolumbus auf seinem Weg nach Indien, der ja bekanntlich in Amerika endete, auf La Gomera, nicht aber auf Gran Canaria, Halt machte. "Aber sollte man deshalb von der schönen Geschichte abgehen?" Francescos treuseliger Blick beantwortet seine eigene Frage suggestiv. Canarios haben eben eine blühende Fantasie. Sie lieben Geschichten und Legenden, sind stolz auf Mythen, auch wenn manche Fakten nicht ganz so stimmen, wie gerne behauptet wird.

Las Palmas spielt bei den meisten Urlaubern kaum eine Rolle, dabei ist die 500.000-Einwohner-Stadt voller Geschichten und Geschichte, sie ist so lebhaft wie kosmopolitisch, so modern wie traditionell. Im Altstadtviertel La Vegueta dominieren kanarische Häuser wie die Casa Cólon und Kopfsteinpflastergassen, die Markthalle und die Fressgasse Calle Mendizábal. Im modernen Stadtteil Santa Catalina beherrschen der Hafen und der drei Kilometer lange, sichelförmig geschwungene Strand Las Canteras, einer der längsten Stadtstrände der Welt, die Szene. Dazwischen liegt eine zum Teil nur 300 Meter breite Landenge, die das Hafenwasser – vor Las Palmas liegen jährlich bis zu 14.000 Frachter vor Anker – vom hellen Badestrand fein säuberlich trennt. Sommers wie winters ist immer etwas los an der Playa und gebadet wird sogar im Jänner, wenn die Wassertemperatur auch einmal unter die 18-Grad-Marke fällt.

"Das passiert aber selten", weiß Manuel. Er ist Concierge in der frisch renovierten, palastähnlichen Hotel-Ikone Santa Catalina. "Bei uns logiert stets der König, wenn er auf der Insel ist", sagt Manuel voller Stolz. "Aber im Hotelpark darf trotzdem jedermann jederzeit spazieren gehen!" Diese Gartendemokratisierung ist der Stadt zu verdanken: Sie hat das von den Briten 1890 erbaute Hotel schon in den 1920er-Jahren gekauft. Das älteste Hotel der Kanarischen Inseln wirkt mit seinen Türmchen zwar wie ein Schloss, aber mit seinen Holzbalkonen gleichzeitig auch wie ein großes kanarisches Landhaus. Die Bediensteten tragen Uniformen des kanarischen Designers Pedro Palmas "und unsere Lobby ist geschmückt mit Gemälden, die kanarische Traditionen thematisieren", erklärt der Concierge des Hauses, dessen Zimmerpreise im Übrigen durchaus bezahlbar sind.

Nur ein paar Gehminuten entfernt trinken die Leute vor dem zartblauen Jugendstil-Pavillon im kleinen Parque San Telmo ihren Café Cortado oder einen trockenen Weißen. Die Schüler veranstalten dort bevorzugt ihre "Fridays for Future"-Demos, und der große unterirdische Busbahnhof macht San Telmo zum Verkehrsknotenpunkt.

Gloria wartet allerdings nicht auf den Bus, sondern auf ihren Fahrlehrer. Sie will den Führerschein machen. "Ohne geht es nicht auf der Insel", sagt sie. "Ich arbeite am Flughafen und mein Freund wohnt entgegengesetzt in Guía …" Aber aus Las Palmas wegziehen? "Niemals! Wir haben mit Las Canteras einen tollen Strand! Wir haben mit der Triana eine schöne Fußgängerzone mit echt guten Boutiquen, klassen Kneipen, krassen Bars …" Gloria mag gar nicht mehr aufhören mit den Vorzügen ihrer Geburtsstadt: "Barcelona könntest du mir schenken, vor allem im Winter. Wir haben da immer mindestens 20 Grad – und Barcelona? Die haben viel Regen."

Wechselnde Hauptstädte

Außerdem ist man schließlich ja auch stolzer Hauptstädter: In Las Palmas und Santa Cruz de Tenerife befinden sich die beiden Regierungssitze der autonomen Region Canarias, zu der die acht bewohnten Kanarischen Inseln gehören. Derzeit ist zwar Santa Cruz die Hauptstadt, aber ab der nächsten Legislaturperiode wird es wieder Las Palmas. Mit diesem Wechselspiel wurde die Konkurrenzsituation zwischen den beiden größten Inseln und ihren Hauptstädten entschärft.

Francesco ist zum Nachmittag auf den Domplatz von Santa Ana gewechselt. Es sind ja nur ein paar Schritte. Er hat sich an der Domfassade genau vor die bronzenen Hundeskulpturen platziert, denn er weiß, dort ist immer viel los und es wird immer die gleiche Frage gestellt: Was machen denn eigentlich diese Hundefiguren dort?

Die Antwort geben die Reiseleiter im Zehn-Minuten-Rhythmus: Eine Reiseleiterin beginnt ihre Erklärung mit einer Gegenfrage: "Haben Sie auf der Insel schon einmal Kanarienvögel gesehen? Nein? Es gibt auch keine, abgesehen von einigen Exemplaren im Zoo oder in Privathaushalten." Der Name Gran Canaria kommt nämlich nicht von den bunten Vögeln, sondern – jetzt deutet die Reiseleiterin auf die Bronzeskulpturen vor ihr – von Hunden: "Der römische Forscher Plinius nannte das heutige Gran Canaria ‚Große Hundeinsel‘, abgeleitet vom Lateinischen, in dem Canis Hund bedeutet."

Deshalb sind die Bronze-Hunde vor Santa Ana eine Reminiszenz, ebenso die Erhebung der Hunde zu Wappentieren der Stadt. In Las Palmas muss man manchen Dingen, wie dem Haus des Kolumbus oder der Insel der Kanarienvögel, eben erst auf die Schliche kommen.

Informationen

 

Klima: Eine Studie der Universität Syracuse (USA) hat Las Palmas als die Stadt mit dem besten Klima der Welt bezeichnet. Die maximalen Durchschnittstemperaturen bewegen sich zwischen 20 (Jänner) und 27 Grad (August/September).

Anreise: Las Palmas wird u. a. ab Wien von Eurowings und Laudamotion angeflogen. Zur Einreise genügt der Personalausweis. Der Bus 60 verbindet den Flughafen mit Las Palmas; alle 30 Min. von 6 bis 22 Uhr. Das Taxi kostet rund 30 Euro. Innerstädtisch ist Taxifahren sehr günstig: Kaum eine Stadtfahrt kostet mehr als 5 Euro.

Unterkunft: „Santa Catalina Royal Hideaway Hotel“, 5-Sterne-Traditionshotel, frisch renoviert, der Fernseher verbirgt sich hinter einem Goldrahmen, gute Restaurants, schönes Spa mit Pools und Saunen; ab 200 Euro, www.royalhideaway.com

„AC Hotel Iberia“, gehobenes Mittelklassehotel von Marriott am Meer, Restaurant, Rooftop-Pool, kostenfreier Airport-Shuttle; ab 80 Euro

www.marriott.de

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