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Reisen

Auf dem Kutschbock durch Amish Country

Von Manfred Lädtke   31. August 2019 00:04 Uhr

Auf dem Kutschbock durch Amish Country
Amish People sind Selbstversorger.

Nur 220 Kilometer, aber 300 Jahre von Chicago entfernt liegt das sogenannte Amish Country. Zu Besuch bei den friedfertigen Rebellen, in einem Land zwischen Heute und Gestern.

Klapp-klack, klapp-klack. Rhythmisches Hufeklappern begleitet die Kutschfahrt auf schnurgerader Autostraße. Der Mann auf dem Kutschbock trägt einen Bart ohne Oberlippenschnauzer und sieht aus wie Kapitän Ahab. Allerdings würde er niemals Jagd auf Moby Dick machen. Denn erstens ist Jacob Farmer und nicht Walfänger, und zweitens verbietet dem Amish sein orthodoxer Glaube jede Art von Gewalt. Strom, Autos, Telefon, Fernseher und Schmuck sind weitere Einträge auf der Verbotsliste seiner Glaubensgemein-schaft.

Auf dem Kutschbock durch Amish Country
Heuernte im Amish-Land sieht aus wie zu Großvaters Zeiten.

Welcome to Amish Country

Auf der Chaussee von Elkhart nach Goshen rauschen Trucks und Pickups vorbei. Wenn Motorenlärm und Seitenwind dem Fuhrwerk heftig zusetzen, ruft Jacob dem Pferd manchmal etwas zu, das sich anhört wie "Brav Rosa, gleich wird es ruhig". Auch mit seinen Glaubensbrüdern von "hiwwe wie driwwe", us de alt un de nei Welt" spricht der 73-Jährige oft Pennsylvania-German. Die Mundart, die im 18. Jahrhundert in der Pfalz gesprochen wurde, erleichtert deutschen Besuchern das Verstehen der "Old Order Amish": einfache, bibeltreue Menschen, die der als oberflächlich empfundenen modernen Welt entsagen und mit Buggys fahren. "Das lässt uns Zeit, an Gott zu denken", sagt Jacob, der meint: "Man muss mit allem zufrieden sein, was immer schon so gewesen ist."

Vor einer Abzweigung forciert Rosa plötzlich das Tempo. Am Wagenfenster zieht ein Farbenmeer wilder Blumen vorbei. Als würden sie dem Windgeflüster in den Baumwipfeln lauschen, strecken sie ihre leuchtenden Köpfe ins Licht. Gelb, rot, lila. Jenseits der Allee duckt sich eine gewellte, sattgrüne Landschaft. Mais, Roggen und Hafer wachsen auf gepflegten Feldern. Kein Auto, keine Abgase, kein Lärm. Am Horizont hat sich ein orangefarbenes Band über das friedliche Hügelland gelegt. Wie Scherenschnitte zeichnen sich grasende Pferde, Windräder und weiß getünchte Farmgehöfte ab: eine überschaubare Gleichförmigkeit, die das Leben jenseits von Elektrizität, Fernsehen und Handygebühren symbolisiert.

280.000 Gleichgesinnte

Ende des 17. Jahrhunderts spaltete sich eine radikale Gemeinschaft aus Deutschschweizern und Südwestdeutschen unter ihrem geistigen Führer Jakob Ammann von der Wiedertäufersekte der Mennoniten ab. Der Prediger berief sich auf die Bibel, forderte noch striktere Glaubensprinzipien und war gegen die Taufe vor dem Erwachsenenalter. Seine Anhänger wurden als Amische bekannt. Als Ketzer gejagt, emigrierten die ersten Verfolgten 1730 in die Wildnis von Pennsylvania. Sie waren dem "heiligen Experiment" des reichen und einflussreichen William Penn gefolgt, der Indianern und weißen Siedlern Religionsfreiheit zusicherte.

Auf dem Kutschbock durch Amish Country
Spaß am westlichen Spiel. Basketball-Profis dürfen diese Jungs aber nur werden, wenn sie ihrer Tradition und Familie für immer den Rücken kehren.

Heute leben etwa 280.000 Amische verteilt in den USA. In einigen Orten wie in Elkhart locken Straßenschilder mit Aufforderungen wie "Come and see the Amish" Touristen in ein scheinbares Disneyland der guten, alten Zeit. Zwar widersteht die große Mehrheit von Indianas 48.000 Amischen der Versuchung, wie ihre Glaubensbrüder in Pennsylvanias Lancaster County Hauptakteure in einem touristischen Big Business zu werden. Trotzdem droht der Tourismus auch Northern Indianas Männer mit den scheitellosen, halblangen Haaren, schwarzen Hosen, Hosenträgern und Strohhüten sowie deren genauso schnörkellos gekleidete Frauen in die Rolle kostümierter Statisten zu drängen.

Tour de Amish

So wie Amos, der in Elkhart Touristen auf seinem Pferdegespann durch das Städtchen zu Pubs, gepflegten Parks und großzügigen Wasserflächen kutschiert. "Die Touristen kommen, weil sie unsere Art zu leben interessiert. Gott weiß es, vielleicht auch, weil sie Alternativen und Lebenssinn suchen", überlegt Amos und streicht sich durch seinen wallenden, grauen Bart. Ein Mann in weißen Shorts und knallbuntem T-Shirt steigt zur "Tour de Amish" auf den Wagen. "Wir sollten öfter hierherkommen, wir können viel von den Amish lernen", stellt er fest. Und was? "Demut, Dankbarkeit", antwortet der Mann. Solche Ansichten stärken das Selbstwertgefühl von Amos und den "Amish People", denen der Ruf der "religiösen Sonderlinge" und der "einfältigen Deutschen" vorauseilt.

Auf dem Kutschbock durch Amish Country
Die Kleidung der Amish-Mädchen ist schlicht und schnörkellos. Knöpfe sind verboten.

Indem sie Fremden Zutritt zu ihrer Welt gestatten, stärken sie ihre eigene Identität und sichern sich zusätzliches Familieneinkommen: Touristendollars für die Bestätigung von Touristenerwartungen. Während Amos mit neuen Gästen zur nächsten Tour aufbricht, ist für Jacob die Fahrt zu Ende. Vor seiner Farm mit Gemüsebeeten und blumenüberwuchertem Garten stoppt er die Kutsche. Es ist Abend geworden. Hinter Fensterscheiben flackern funzlige Öllampen. In der Farmküche klappern Töpfe, klirrt Geschirr, scheppert Besteck. Jacob entlässt Rosa auf eine kleine Koppel in den Feierabend und sagt: "Gewiss, das Leben der Gemeinschaft verändert sich." Hier und da in einer Touristenbude zu arbeiten, tue der eigenen Weltanschauung aber keinen Abbruch. Tradition und Glaube zu bewahren, bedeute nicht, keine Kompromisse mit der "englischen Welt" zu schließen. Man müsse mit Bedacht abwägen, was für das eigene Leben Sinn ergibt. Seine Familie arbeite mit Druckluftsystemen statt mit Strom, nutze aber elektrische Transformatoren und moderne Landwirtschaftsmaschinen. Die müssen jedoch von Pferden gezogen werden, betont Jacob. Man dürfe auch im Haus von Nicht-Amish-Nachbarn eine Tiefkühltruhe besitzen und in deren Autos mitfahren. Der Griff zum Telefon oder Handy sei nur in Ausnahmesituationen gestattet.

Auf dem Kutschbock durch Amish Country
Amish People sind Selbstversorger.

Noch arbeiten die Amish People in Milchbetrieben, Baufirmen und Schreinereien, stellen Mobilehomes und Musikinstrumente her, kümmern sich um Heu und Korn. Die Fähigkeit, etwas zu schaffen und herzustellen, ist für sie wichtiger, als es zu besitzen. Aber immer mehr drückt die Industrie dem Farmer- und Siedlerland ihren Stempel auf. Und nicht immer fallen Konzessionen an die Moderne leicht. Als die Amish sich weigerten, die Milch, die sie von ihren Farmen verkaufen wollten, elektrisch zu kühlen, gab es Probleme mit dem Gesetz.

Marys Küche ist mittlerweile zum kleinen In-Home-Restaurant geworden. Die Einrichtung ist rustikal und selbst gezimmert. Heizung und Kochherd werden mit Propangas betrieben. An einem langen Holztisch versammelt sich die Familie. Die Mädchen tragen graue, grüne oder braune, verheiratete Frauen schwarze Kleider aus festen Stoffen, Schürzen und kleine Hauben. Schmuck, selbst Knöpfe, dienen der Eitelkeit und sind untersagt. Haken und Ösen halten die Kleidung zusammen.

Mary und Ora stellen große, schwere Schüsseln neben die Teller und sprechen ein Gebet. Dann kommen Eingewecktes, Brot und Apfelbutter auf den Tisch. Roastbeef, Hühnchen und Kartoffeln werden gereicht – mit Pappschalen für die Lieben daheim. Und während der opulent gefüllte Fleischteller noch halb voll ist, serviert Ora schon Speiseeis und dampfenden Kuchen zum Nachtisch.

Auf dem Kutschbock durch Amish Country
Unterhaltsamer Spaziergang zwischen Abendrot und Abendbrot.

Statt Musik zirpen zur gesegneten Hausmannskost vor dem Fenster ein paar Grillen. Eine hundert Jahre alte Wanduhr schlägt. Ab und zu bellt der Hofhund, und manchmal mischt sich aus der Ferne leises Klappern von Hufen in die Stille der Friedfertigen. Klapp-klack, klapp-klack.

 

Wissenswertes

Allgemeines: Die Amish Gemeinschaft, ein Zweig der Mennoniten, wurzelt als religiöse Gruppe im 16. Jahrhundert. Sie sucht die Distanz zur übrigen Welt. Während Kriminalität, Drogen, Depression, Fitnesswahn, Social Media, Konkurrenz oder Karriere Fremdworte sind, haben junge Menschen kaum Zugang zu höheren Schulen und wenig Berufsperspektiven. Individualität wird verurteilt, soziale Kontrolle großgeschrieben.

Lage: Amish-County ist der nördliche Teil im amerikanischen Bundesstaat Indiana. Die größten Gemeinden sind Elkhart, Goshen, Middlebury und Shipshewana.

Übernachten: Empfehlenswert und sehr persönlich sind Bed-and-Breakfast-Unterkünfte.

Beste Reisezeit: April bis Oktober

Anreise: Mit dem Flugzeug bis Chicago. Weiter mit dem Mietwagen nach Indiana in das rund zwei Stunden entfernte Amish-Gebiet.

Tipps für Ausflüge: In der Shipshewana Auction Inc. werden bis 25. September dienstags und mittwochs Vieh und Antiquitäten versteigert. Im Menno-Hof in Shipshewana befindet sich ein Mennonite-Amish Visitors Center. Wenige Kilometer auf der Strecke von/nach Chicago liegt in Indiana die 60 Kilometer lange Dunes National Lakeshore, ein Ausflugs- und Badegebiet mit geriffelten Sanddünen.

Allgemeine Auskünfte: Hotels, Restaurants und Veranstaltungen www.AmishCountry.org

Literatur: „Die Amish People – Überlebenskünstler in der modernen Gesellschaft“, Patmos Verlag.

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