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Freizeit

Schritt für Schritt in ein 4000er-Leben

Von Von Roswitha Fitzinger.   20. April 2019

Schritt für Schritt in ein 4000er-Leben
Ein Schlüsselmoment aus dem Jahr 2011: Der Dom als erster Viertausender.

Ein Zuviel an Zeit trieb Marlies Czerny in die Berge, ließ sie dort ein Lebensgefühl entdecken, das sie auf alle 82 Viertausender der Alpen brachte – als erste Frau Österreichs. Über ihr 4000er-Leben hat die 32-Jährige ein Buch geschrieben.

Mit gerade einmal 19 Jahren trudelte sie einst in der OÖNachrichten-Redaktion ein, klein und kompakt von Statur, das Naturell quirlig und als Wirtstochter überhaupt nicht auf den Mund gefallen. Obwohl als Trainee noch in Ausbildung, war ihr schreiberisches Talent bald erkennbar, ebenso ihr Gespür für Geschichten, nicht wissend, wo das Leben diese Marlies Czerny noch hinführen sollte. Heute, 13 Jahre später, wissen wir es: hoch hinaus. Auf dem Balkon ihrer Wohnung in Roßleithen sitzend, blicken wir – wie könnte es anders sein – auf die Berge und ihre Erlebnisse zwischen Berg und Tal.

OÖNachrichten: Journalistin, Alpinistin und jetzt Buchautorin. Ein Projekt, das sich aufgedrängt hat, weil... ?

Marlies Czerny: ... ich gefragt worden bin. Schon Gerlinde Kaltenbrunner hat während einer 24-Stunden-Wanderung zu mir gesagt: Marlies, darüber musst du ein Buch schreiben. Ich war überrascht über ihre Begeisterung, habe die Idee aber nie aufgegriffen. Damals fehlten mir noch vier 4000er-Gipfel. Dann ist der Verlag Bergwelten an mich herangetreten, lustigerweise weil sie von der Besteigung aller Viertausender in den OÖN gelesen hatten. Es war gutes Timing. Ich hatte mich gerade selbstständig gemacht und musste deshalb gar nicht so lange überlegen.

Buch oder 4000er – wozu braucht es einen längeren Atem?

Ein Buch, das ist wie eine große Bergtour, eine Expedition. Auf alle Fälle war es eine große journalistische Herausforderung. Manchmal schreibst du wie im Flow, manchmal hast du Gedankenstürme. Es ist intensiv, weil du auf dein Leben blickst und die Schicksalsmomente analysiert. Dazwischen dann auch immer wieder Zweifel: Wie wird es ankommen, kommt es überhaupt an? Aber es ist auch schön, wenn nicht immer alles so einfach ist.

Auf dem Berg und im Leben ist Andi Lettner an deiner Seite. Die Fotos im Buch stammen großteils von ihm. Herrscht da wie dort Aufgabenteilung zwischen euch?

Beim Buch im Grunde schon, obwohl er sich beim Text genauso einbrachte und ich mich bei den Fotos. Überhaupt sehe ich das als unsere Stärke, dass wir uns ergänzen, gegenseitig weiterbringen, und unterm Strich kommt etwas Besseres heraus. Auf dem Berg gibt es absolut keine Aufgabenteilung: Unsere Rucksäcke sind gleich schwer, wir wechseln uns beim Vorausgehen ab. Nur bei den ganz schwierigen Kletterstellen geht Andi voran. Mit meinen 1,59 Metern bin ich ja nicht die Größte, und manchmal sind die Griffe schon etwas weit weg. Aber eigentlich ergänzen wir uns auch im Fels sehr gut. Es herrscht blindes Vertrauen. Ich war mit vielen Bergpartnern unterwegs, einige habe ich gar nicht gekannt. Das würde ich heute nicht mehr machen. Man muss wissen, mit wem man sich an das Seil bindet.

Bist du Journalistin oder im Hinblick auf die vergangenen Jahre nicht doch eher schon Alpinistin?

Was ist eine Alpinistin? Es fällt mir selbst nicht leicht zu beschreiben, was ich bin. Auf keinen Fall bin ich eine Profibergsteigerin, das möchte ich auch nicht sein. Ein Profibergsteiger ist abhängig von seinen Leistungen. Aber für mich geht es nicht um Leistung, für mich ist das, was ich mache, ein Lebensgefühl. Ich bin nicht abhängig vom Berg, und das macht mich frei. Ich muss nicht über die Berge und das Bergsteigen, sondern kann auch jederzeit über etwas anderes schreiben.

Du hast von Schlüsselmomenten gesprochen. Welche waren das?

Da war zunächst der Moment, als ich Überstunden abbauen musste. Ich hatte plötzlich zu viel Zeit – wer hat das schon? – aber keinen Plan. Also ging ich auf meinen ersten Berg. Ein weiterer prägender Moment war mein erster 4000er, der Dom in der Schweiz. Das Wetter war schlecht, das Matratzenlager stickig und an Schlaf nicht zu denken. Wir sind um 3 Uhr früh aufgebrochen, nach zwei Stunden hat es endlich aufgehört zu schneien. Dann war da dieser Schritt aus den Wolken, gefühlt war das so ein Schritt in die Freiheit. Die Bergspitzen von Matterhorn und Weißhorn haben sich aus dem Nebelmeer erhoben, wurden irgendwann von der aufgehenden Sonne orange gefärbt. Solch magische Momente gibt einem nur die Natur. Auf jeden Fall hat es etwas mit mir gemacht. Am nächsten Tag haben wir den Mont Blanc probiert und auch geschafft. 48 Stunden später war ich auf dem Centrecourt bei der Beachvolleyball-World-Tour in Klagenfurt. Es war heiß, laut, sandig. Der Kontrast hätte größer nicht sein können. Irgendwann ist mir bewusst geworden, die Berge bringen dich weg von der Reizüberflutung, der man täglich ausgesetzt ist. Es war ein Auffigehen, damit ich mental runterkomm’.

Berg oder Tal – schaut man auf die vergangenen Jahre, könnte man meinen, der Berg sei dir mittlerweile der liebere Ort...

Berg und Tal gehören für mich definitiv zusammen. Das Schöne im Leben ist doch, dass es rauf- und dann wieder runtergeht, dass du Schlüsselstellen meistern musst, bevor es wieder raufgeht. Wenn du am Berg stehst, siehst du das nächste Ziel, damit du dahin kommst, musst du aber wieder runter.

Oben und unten – und was ist mit dem Dazwischen?

Das Dazwischen ist der Weg. Wege entstehen, indem man sie geht. Wichtig ist, dass man in Bewegung bleibt, sich Ziele setzt. Es ist schön, wenn man an eine Kreuzung kommt und sich entscheiden darf, gehe ich rechts oder links. Das Spannende im Leben zwischen Berg und Tal ist das Unterwegssein, das Sammeln von Momenten, die da auf dem Weg sind, die kleinen Dinge, die einem große Freude machen.

Was sind die wichtigsten Lektionen, die die Berge dich gelehrt haben?

Respekt, Achtsamkeit gegenüber der Umwelt. Am Berg habe ich gemerkt, wie wenig man braucht, und je weniger du hast, umso schneller kommst du voran, vergleichbar mit einem Rucksack, in den man nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig packen sollte, oder mit einem Seil, das nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz sein darf. Die Berge haben mich auch gelehrt, im Hier und Jetzt zu sein, es geht immer nur um den nächsten Schritt. Das Ziel erreichst du durch viele kleine Schritte und nicht, indem du unten schon an den Gipfel denkst. Ich muss immer über Menschen schmunzeln, die bei der Gipfelankunft zuerst auf die Uhr oder das Handy schauen, anstatt den Ausblick zu genießen.

Du hast durch deinen Beruf als Journalistin bei den OÖN Menschen wie Marcel Hirscher, Wolfgang Fasching oder Gerlinde Kaltenbrunner kennengelernt. Was kann man sich von diesen Ausnahmekönnern abschauen?

Sehr viel. Dass du, wenn du deine Leidenschaft gefunden hast, schaffst, was du willst. Dass, wenn du Wegbegleiter hast, die mit dir in die gleiche Richtung schauen, dich das noch viel stärker macht.

Alle Viertausender der Alpen, Vorträge, dann ein Buch – und was jetzt?

Wenn du 4000 und 4000 zusammenzählst, kommt 8000 heraus. Wir haben im Vorjahr den Gasherbrum II (8035 Meter) in Pakistan probiert und festgestellt, dass es in diesen Höhen ein ziemliches Wetterglück braucht, da kannst du noch so gut vorbereitet sein. Wir saßen vier Wochen bei Schneefall im Basislager fest und hatten keine Chance. Wir haben uns auf alles vorbereitet, nur nicht auf das Warten. Wir hatten zu wenig Lesestoff mit, keinen Laptop, zu wenig gutes Essen von daheim. Es war ernüchternd. Dennoch: Der Traum von einem so hohen Berg ist nicht ausgeträumt. Diesen Sommer bleiben wir aber definitiv in den Alpen. Es muss nicht unbedingt ein 8000er sein, auch kein 4000er, auch vor der Haustür warten viele schöne Abenteuer.

Zur Person
Der längste Grat der Alpen am Intégrale de Peuterey wird mit einem Sonnenaufgang belohnt.

Zur Person

Aufgewachsen in Steinbach an der Steyr, betritt Marlies Czerny einen Tag nach ihrer Maturareise die OÖN-Redaktion, um als Trainee das Journalismus-Handwerk zu lernen. Als Lokal- und später Sportjournalistin porträtierte sie die kleinen und großen Helden des Alltags und Sports. Als Ausgleich zum Job begann sie mit dem Wandern, Klettern und Paragleiten. Ein Sabbatical in der Schweiz brachte sie den Bergen noch näher.

Es war nicht geplant, aber 2017 hatte sie alle Viertausender der Alpen bestiegen. Von diesem Weg handelt ihr Buch, in dem sie Kurzporträts der höchsten Berge zeichnet, Basiswissen vermittelt, auf die gefährlichen und unvergesslichen Momente blickt und wie das Bergsteigen ihr Leben verändert hat.

"Marlies Czerny, 4000erLEBEN – Von Null auf die höchsten Gipfel der Alpen", Bergwelten, 272 Seiten, 22 Euro.

Buchpräsentationen:

Am Dienstag, 23. April, um 19 Uhr, im AEC Linz Deep Space, Tickets 10 Euro
Am Mittwoch, 24. April, um 19 Uhr in der Galerie am Färberbach in Steinbach/Steyr. Freier Eintritt.
www.hochzwei.media

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