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Als die Riesen einstürzten

Von Robert Stammler   11. April 2015

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Bild 1/21 Bildergalerie: Sprengung am Harter Plateau

Harter Plateau: Vor zwölf Jahren wurden die beiden 60 Meter hohen Wohnsilos gesprengt. 50.000 Schaulustige beobachteten das Spektakel. Die Riesen waren Mahnmal für eine völlig veraltete Wohnbaupolitik

  • Harter Plateau: Vor zwölf Jahren wurden die beiden 60 Meter hohen Wohnsilos gesprengt. 50.000 Schaulustige beobachteten das Spektakel. Die Riesen waren Mahnmal für eine völlig veraltete Wohnbaupolitik

Sprengung

50.000 Menschen säumten am 13. April 2003 das Areal des Harter Plateaus in Leonding südwestlich von Linz. Woodstock-Stimmung, die sogar live vom ORF übertragen wurde. Doch das "Konzert", auf das alle warteten, dauerte nur 5,5 Sekunden. Ein ostdeutsches Expertenteam für sogenannte Abbruchsprengungen brachte die zwei Wohnriesen mittels 450 Kilogramm Plastiksprengstoff um 14.43 Uhr zu Fall.

"Es ist genau das passiert, was wir erwartet haben. Absolut perfekt", zitierten die OÖNachrichten damals den Dresdener Sprengmeister Martin Hopfe. "Jetzt sehen wir den Pöstlingberg wieder. Das ist ein völlig neues Gefühl", freute sich Leondings Bürgermeister Herbert Sperl (SPÖ) nach der erfolgreichen Sprengung. Überrascht war der damalige Stadtchef nur ob der Lautstärke der Detonation. Übrig blieben 40.000 Tonnen Schutt und 2000 Tonnen Stahl von den Wohnsilos, die einst Wahrzeichen der Linzer Vorstadt waren und später als Mahnmal für eine völlig verfehlte Wohnbaupolitik der 60er Jahre galten.

Durch die Entfernung der beiden Wohnhausriesen war der Weg frei für die Stadtgemeinde, das Areal komplett neu zu entwickeln. Die Mieter waren schon Monate zuvor in moderne Wohnanlagen, wie beispielsweise die "Papageiensiedlung" der GiWOG in Leonding, übersiedelt.

Image als Glasscherbenviertel

Die spiegelgleich errichteten, 20 Stockwerke hohen "Monsterbauten" in der Harterfeldstraße beinhalteten 480 Wohnungen mit Platz für bis zu 1500 Menschen. Konzepte für lebenswertes Wohnen und sozialen Frieden in der Nachbarschaft sehen heute völlig anders aus. Eine Reihe von Suiziden, eine Brandstiftungsserie und mehrere Gewaltverbrechen, die sich in dieser Siedlung ereigneten, verfestigten das öffentliche Image vom "Glasscherbenviertel" bzw. "Ghetto" am Stadtrand von Linz.

Die ursprünglichen Pläne in den 60er Jahren sahen eine Trabantenstadt für bis zu 30.000 Bewohner vor, die in den Betrieben der Verstaatlichen Industrie der Stahlstadt arbeiten und in der Vorstadt leben sollten. Letztendlich erfolgte im Mai 1972 der Spatenstich für die beiden Gebäude.

1974 zogen die ersten Mieter, ausschließlich Voest-Arbeiter und deren Familien, ein. Schon damals haperte es bei der Infrastruktur: es gab in der Nähe keine Schule und kaum Geschäfte, sodass sich Mieter zu einer Interessengemeinschaft formierten und Druck auf die Genossenschaft ausübten.

Die Wende zum Negativen kam 1985 durch die internationale Stahlkrise. Auch am Harter Plateau verloren viele ihren Job und zogen aus. Leere Wohnungen wurden an "Werksfremde" vergeben, die Fluktuation der Mieter blieb seither hoch.

Nach der Sprengung

Nachgefragt

Nachgefragt bei ... Peter Deubl

Der pensionierte Voest-Schichtarbeiter lebte mit seiner Familie 20 Jahre im Hochhaus auf dem Harter Plateau.

  1. Was dachten Sie, als Ihr früheres Zuhause einstürzte?

    Wir wohnten 20 Jahre dort. Meine Tochter hatte Tränen in den Augen und auch mir ist es heruntergeronnen. Es war ja doch unsere Heimat, wo die Kinder aufgewachsen sind.
  2. Eine Heimat, die einen zweifelhaften Ruf hatte...

    Ja, die Bauten galten als Glasscherbenviertel mit zu vielen Ausländern und so weiter. Das hat mir weh getan, weil der Ruf war schlechter, als es wirklich war. Für mich als Schichtler passte die Wohnung, weil Küche und Bad im Zentrum waren. In einem Haus mit mehr als 700 Bewohnern leben eben solche und solche Leute. Ein Bild am Gang hast du nicht aufhängen brauchen, weil alles gestohlen wurde. Auch Selbstmorde sind manchmal vorgekommen.

 

 

Das Jahr 2003

Das Jahr 2003

  • 1. Jänner: Das EU-Verbot von irreführenden Bezeichnungen von Zigarettensorten, wie etwa „mild“ oder „light“, tritt in Kraft.

    Graz ist ein Jahr lang die Kulturhauptstadt Europas.
  • 28. Februar: ÖVP und FPÖ einigen sich auf eine Fortsetzung der schwarz-blauen Koalition, das Kabinett „Schüssel II“ steht.
  • 20. März: Die USA, Großbritannien und die „Koalition der Willigen“ beginnen mit Bombenangriffen auf den Irak, um Saddam Hussein zu stürzen.
  • 14. August: Eine Hitzewelle lässt ganz Österreich schwitzen. In Zwerndorf erreichen die Temperaturen 38,6 Grad Celsius.
  • 2. November: Die Parlamentswahlen in Georgien werden von Wahlbetrug überschattet. In der Folge kommt es zum Rücktritt von Präsident Eduard Schewardnadse.
  • 13. Dezember: Diktator Saddam Hussein wird nahe Tikrit gefangen genommen.
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