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Kultur

"Eine Idiotie, wie sich Stadt und Land bekämpfen"

Von Peter Grubmüller  08. Juni 2019 00:04 Uhr

"Eine Idiotie, wie sich Stadt und Land bekämpfen"
Franz Welser-Möst

Dirigent Franz Welser-Möst über Ausbildungsmodelle, fatale Kulturpolitik und künstlerische Elfenbeintürme.

Verantwortungsvolle Künstler polieren nicht bloß die eigene Strahlkraft, sondern kümmern sich auch um den Nachwuchs: Cleveland-Orchestra-Musikdirektor Franz Welser-Möst hat eine Zusammenarbeit des Clevelander Jugendorchesters und der Linzer Bruckner-Universität (ABPU) eingefädelt und coacht die jugendlichen Musiker höchstpersönlich. Die Ergebnisse dieses Austauschs werden am 12. und 13. Juni bei Konzerten in St. Florian und an der ABPU zu hören sein.

OÖNachrichten: Wie ist in den USA die musikalische Grundausbildung organisiert?

Franz Welser-Möst: Das müssen alles die Eltern bezahlen, wobei es Initiativen gibt, die Kindern aus sozial schlechtergestellten Familien Ausbildungen ermöglichen. Wir als Cleveland Orchestra bemühen uns genauso, Musik in allen Gesellschaftsschichten zu ermöglichen. Wir haben zum Beispiel ein Programm, das unterprivilegierten Kindern Musikinstrumente zur Verfügung stellt.

Wenn Sie unser Ausbildungssystem mit dem amerikanischen vergleichen…

…dann ist jedes System nur so gut, wie man es lebt. Der Vorteil in den USA ist, dass man ständig dafür kämpfen muss. Der Nachteil unseres oberösterreichischen Systems ist, dass schnell Visionslosigkeit eintritt. Von März bis April war ich mit dem Cleveland Orchestra in China. 80 Prozent aller Kinder lernen dort ein Instrument. Das wird verordnet – und glauben Sie mir, in der nächsten Generation werden in etlichen Spitzenorchestern sehr, sehr viele Chinesen sitzen. Wir müssen uns also anstrengen. Und dieses Verlassen auf unsere Einrichtungen des Staates und Landes hat auch große Nachteile.

Inwiefern?

In den USA wurde der Musikunterricht an Schulen immer stärker zurückgedrängt. Früher war Amerika ein Blechbläser-Paradies, jede Schule hatte eine Brassband. Dieser Humus, auf dem Spitzenkräfte gewachsen sind, wurde so gut wie beseitigt. Diese Gefahr sehe ich auch in Österreich. Wir verlassen uns zu sehr darauf, dass wir in der klassischen Musik und kulturell eine Weltmacht sind. Aber es geht schnell – und wir verlieren an Boden.

Sind das die Konsequenzen eines sorglosen Umgangs mit dem Kulturministerium?

Eindeutig – wer waren denn die letzten maßgeblichen Kulturpolitiker Österreichs? Rudolf Scholten (1990–1997 Kulturminister) und in Wien Peter Marboe (1996–2001 Wiener Kultur-Stadtrat, Anm.), dann wird’s dünn. Bei der abgetretenen Regierung war Kultur bei Minister Gernot Blümel auch nicht vorrangig, und bei der aktuellen Übergangsregierung wurde die Kultur irgendwo angegliedert (bei Außenminister Alexander Schallenberg, Anm.). Kultur scheint nicht wichtig zu sein – und wenn eine Gesellschaft etwas nicht wichtig nimmt, dann investiert sie auch nicht. Und ohne Investition – damit meine ich nicht nur Geld – geht es bergab. Bergauf dauert es wesentlich länger.

"Früher war es ein Wahrzeichen, jetzt ist es eine Ruine" – so haben Sie 2016 die Situation des Brucknerhauses kommentiert. Stellen Sie eine Verbesserung fest?

Ja, immerhin gibt es jetzt eine Dramaturgie in diesem Haus. Die hat es jahrzehntelang nicht gegeben. Aber wie gesagt: Bergauf ist es mühsam, wenn es vorher lange bergab gegangen ist. Grundsätzlich halte ich es auch für eine Idiotie, wie sich Stadt und Land bekämpfen. Es gibt nur eine Kultur, also wäre eine Kultur-Holding nach wie vor eine tolle Idee. Man könnte vieles bündeln.

Was sollte sich bei der Ausbildung ändern?

Die Bürokratie hat auch dort überhandgenommen – Hauptsache, es werden Papierln ausgefüllt. Für jemanden, der auf der Bruckneruni studiert, müsste es verpflichtender Teil der Ausbildung sein, in Konzerte zu gehen. Als Musik-Gymnasiast hab’ ich mich bei den Wiener Philharmonikern oft auf den Stehplatz geschwindelt und davon geträumt, mit diesem Orchester zu musizieren. Heute kenne ich Musik-Studierende, die haben die Philharmoniker noch nie gehört. Die jungen Leute sagen mir, sie hätten so viel mit Scheinen zu tun, die sie fürs Studium machen müssen, dass sie nicht ins Konzert kommen. Was ist da passiert? Das wäre so, als wollte jemand Skifahrer werden, aber er kennt Marcel Hirscher nicht.

Warum gelingt es insgesamt nicht, die Barrieren zur klassischen Musik abzubauen?

Weil wir endlich aus den Elfenbeintürmen raus müssen, sonst werden wir Dinosaurier. Und jeder weiß, wie die Dinosaurier geendet haben. In Cleveland haben wir das jüngste Publikum Amerikas. 20 Prozent aller Besucher sind unter 25 Jahre alt. Und wie machen wir das? Wir kommunizieren mit jungen Leuten, wie sie untereinander kommunizieren. Man muss in einen Austausch kommen, weil man nicht verlangen kann, dass die Jugend diese Musik wollen muss. Nein, sie muss gar nichts wollen. Wir müssen auf sie zugehen. Kultur-Institutionen sind alle zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Das ist wie in der Politik, auch dort zerbrechen sich die Parteien vor allem über sich selbst den Kopf.

Beim Bruckner Orchester sagen wir uns beruhigend vor, dass es internationale Klasse erreicht hat. Außerhalb Oberösterreichs wird diese Klasse kaum wahrgenommen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Was ich so lese, sind die Kritiken auch nach Konzerten in Wien lobend. Es ist aber ein guter Ansatz, dass das Orchester zuerst kultureller Nahversorger für Oberösterreich ist. Dass sie in Gmunden oder sonst wo spielen, ist wichtig, weil sie an Relevanz verlieren, wenn sie nicht im Bundesland verankert sind. Dann muss man entscheiden, wo man berühmt werden möchte. Für internationale Bekanntheit sollten mehrere Dinge passen: Agenturen, cleveres Management, et cetera. Nehmen wir die Berliner Philharmoniker, die haben bei ihrem Streaming-Angebot 30.000 Abonnenten – das ist auch nicht so viel. Also: Klassische Musik war immer ein Nischenprogramm. Alles andere ist ein Trugschluss. Trotzdem muss man in aller Munde sein, sonst kommt bald ein FPÖler daher und sagt: Des brauch’ ma net.

Hatten Sie zuletzt Angebote, mit dem Bruckner Orchester zu arbeiten?

Anfragen gab es immer wieder, aber wissen Sie, ich will ja weniger arbeiten, nicht mehr (lacht).

Cleveland Jugendorchester und die Bruckner-Privatuni

Konzerte 12. Juni, Stiftskirche St. Florian, 19 Uhr: Cleveland Jugendorchester unter der Leitung von Franz Welser-Möst und Vinay Parameswaran spielt Brahms (Tragische Ouvertüre und Symphonie Nr. 2), Bartók (Tanzsuite). Karten: www.brucknerhaus.at Tel: 0732/775230 13. Juni, Linzer Bruckner-Uni, Großer Saal, 19.30 Uhr: Vier Cleveland-Jugendorchester-Musiker und vier Studierende der Bruckneruni spielen Schuberts Oktett. Dirigent: Franz Welser-MöstKarten, Tel: 732/701000

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