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Raub und Zwangsarbeit

Von Von Roman Sandgruber, 11. Juli 2009, 00:04 Uhr
Wir Oberösterreicher Raub und Zwangsarbeit
Auch das Linzer Hotel Weinzinger wurde enteignet.

Zwang und Zwangsarbeit waren von Anfang an zentrale Bestandteile der (wirtschafts)politischen Vorstellungen des Nationalsozialismus. Sie prägten das gesamte totalitäre Herrschaftskonzept. Zuletzt mündete die NS-Politik fast zwangsläufig in den Krieg.

Nach dem „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland kam es in Oberösterreich zur größten Welle von Eigentumsübertragungen und Vermögensverschiebungen, die das Land je erlebt hat. Beraubt wurden zahlreiche Personengruppen, die aus rassischen, religiösen und ideologischen Gründen diskriminiert wurden: die Juden, die Kirchen, die Roma und Sinti, die nationalen Minderheiten und die politischen Gegner des Regimes, aber auch die Zwangsarbeiter, die aus vielen Ländern ins Reich gebracht wurden.

Die Enteignung der jüdischen Vermögen begann mit Schikanen und Boykottaktionen, vor allem gegen die nach außen sichtbaren Flaggschiffe der jüdischen Geschäftswelt, die Warenhäuser und Privatbanken. Das Kaufhaus Kraus & Schober in Linz aus der Kaufhauskette der Salzburger Familie Schwarz wurde schon am 14. März 1938 von den Angestellten übernommen. Viktor Spitz, der als reichster Jude Oberösterreichs galt, wurde gleich nach der NS-Machtübernahme inhaftiert, während seine Angehörigen Friederike, Alexander und Eduard Spitz am 19. März 1938 Selbstmord begingen.

In Oberösterreich waren 38 Industriebetriebe in jüdischem Besitz, sprich zehn Prozent mit acht Prozent der Industriebeschäftigten. Darunter auch die „Lenzinger Zellstoff und Papierfabrik AG“. Der Linzer Betrieb von Estermann und Co. musste den Hermann Göring Werken weichen, der Welser Betrieb wurde „teilarisiert“. Auch die Firmen der Familien Mostny, Spitz, Stock oder die Textilfabrik Himmelreich & Zwicker, der „Zuckerl-Schwager“, die Kaufhäuser „Kraus & Schober“, „Zum Matrosen“, ferner „Hekler & Zimmermann“ und das Kaufhaus Eibuschitz, mehrere Schuhgeschäfte und das Kolosseum-Kino wurden Opfer der „Arisierung“.

Kommissarisch verwaltet

Für die „Reichskristallnacht“ am 9./10. November 1938 hielt der Gestapo-Bericht für Linz fest: „Zu Plünderungen jüdischer Geschäfte ist es nicht mehr gekommen, da in der Stadt Linz keine Geschäfte dieser Art mehr bestehen.“ Insgesamt dürften nach Aussage des Wiener Gauwirtschaftsberaters Walter Rafelsberger bis zu 100 jüdische Firmen Oberösterreichs durch Übernahme oder Liquidation „arisiert“ worden sein.

Auch einzelne nichtjüdische Unternehmen wurden aus politischen Gründen unter kommissarische Verwaltung gestellt: die Reformwerke Wels, die Spatenbrotwerke Linz, die Gmundner Keramik. Dazu kam die „Germanisierung“ von Industrieaktiengesellschaften. Diese betraf zuvorderst die Steyr-Daimler-Puch AG und die Schiffswerft Linz, die zum Hermann-Göring-Konzern kamen, die Firma Sprecher & Schuh, die an Voigt & Haeffner, Berlin, „verpachtet“ wurde, und die Papierfabrik Obermühl, die vom ehemaligen Reichsfinanzminister Dr. Peter Reinhold erworben wurde.

Feindliche Übernahmen mit politischer Hilfe gab es auch im Adel und bei der Kirche: Ans Reich oder an deutsche Eigentümer gingen zahlreiche Großgrundbesitzungen, darunter die mehr als 30.000 ha großen Lambergischen Forste im Steyr- und Ennstal, Starhembergs Grundbesitz, der für verfallen erklärt wurde, und die Schwarzenbergischen Besitzungen im Böhmerwald mit mehr als 90.000 Hektar.

Der Gesamtwert der beschlagnahmten Vermögen des Religionsfonds und der aufgehobenen großen Klöster (St. Florian, Reichersberg, Schlägl, Kremsmünster, Lambach, Schlierbach, Wilhering, Engelszell und Hohenfurth) mit großen Grundbesitzungen, Unternehmen, Gebäuden und Kunstgütern sowie der kleineren Ordensniederlassungen mit Spitälern, Schulen und sonstigen Anstalten lag weit über dem des jüdischen Besitzes, ist aber in Summe kaum bezifferbar.

Im Kirchenbereich lief nach 1945 die Rückstellung problemloser ab als bei den jüdischen Vermögen. Allerdings konnte auch hier von einer tatsächlichen Abdeckung der verloren gegangenen Werte keine Rede sein.

Enteignet und zum Teil liquidiert wurden auch die Industrie- und Gewerbebetriebe im Besitz der Stifte, zum Beispiel die Glockengießerei St. Florian, die in den Besitz des Reichsgaus Oberdonau gelangte, oder die Stiftsbrauereien Lambach, Reichersberg, St. Florian und Schlägl.

Auch Realitäten, die den Renommierprojekten des Dritten Reichs im Wege standen, wurden enteignet, so das Linzer Luxushotel Weinzinger, in welchem Hitler das Anschlussgesetz unterzeichnet hatte und in dem er oft zu Gast war. Es gehörte fünf keineswegs jüdischen Brüdern. Das Haus wurde nach heftigen Drohungen um 700.000 RM zugunsten der Stadt Linz und des an dieser Stelle geplanten Führerhotels enteignet, obwohl der tatsächliche Wert vom Hotelbesitzerverband Köln auf 3.580.563 RM geschätzt wurde. Die Besitzer konnten ihr Objekt erst nach einem langen Prozess gegen die Stadt Linz, die auf der Legitimität der Enteignung beharrte, zurückbekommen.

Enteignet wurden auch die für die Industriegründungen, Wohn- und Autobahnbauten und Militärgelände benötigten Grundstücke. In Linz wurden für die Hermann Göring Werke im Dorf St. Peter rund 400 Familien ausgesiedelt.

Die NS-Oberschicht war auch ganz begierig nach Liegenschaften im Salzkammergut, vor allem wegen der vielen Villen in jüdischem Eigentum. Circa 250 Realitäten wurden „arisiert“: in Bad Ischl 68, in Gmunden 25, in Alt- und Bad Aussee deren 55.

Der Umstand, dass die Beraubung rassisch, politisch oder sonst diskriminierter Gruppen zu einem so vielfältigen und so allgemeinen Phänomen wurde und viele davon profitieren konnten oder sich Profite erhofften, dämpfte das generelle Unrechtsbewusstsein und gab Parallelwirtschaften, Korruption und Gewaltakten Raum.

In Korruption verstrickt

Die Korruption nahm in der öffentlichen Wahrnehmung des Dritten Reiches einen besonders hohen Stellenwert ein. War die Führerstadt Linz wirklich die „Hauptstadt der Korruption“? Dass in den drei größten Industriebetrieben des Landes, den Hermann Göring Werken, der Steyr-Daimler-Puch AG und in Lenzing, aber auch in der Linzer Verwaltung schwere Korruptionsskandale aufbrachen und die Akten der Gerichte und Sondergerichte viele Korruptionsverfahren enthalten, kann allerdings kein Zufall sein.

Da auch in der Korruptionsbekämpfung willkürlich und diskriminierend vorgegangen wurde, konnten Angeklagte wie zum Beispiel der Lenzinger Generaldirektor Dr. Walter Schieber, einer der höchstrangigen SS-Wirtschaftsführer und tief verstrickt in das System der Zwangs- und KZ-Arbeit, sich nach dem Krieg recht leicht als Verfolgte präsentieren.

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