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Wir Oberösterreicher

Auf zu den heiligen Stätten

Von Roman Sandgruber   10. Dezember 2011 00:04 Uhr

Wir Oberösterreicher Auf zu den heiligen Stätten

Oberösterreich ist reich an wallfahrerischen Zielen. Nicht weniger als 347 solcher Gnadenstätten hat der Wallfahrtsforscher Gugitz in seiner Studie über die Geschichte des Wallfahrwesens in Oberösterreich aufgelistet.

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts begann der Aufstieg der großen Wallfahrtsziele Oberösterreichs. Um 1500 erreichte die Zahl der Wallfahrten, die Vielfalt der Anlässe und der Strom der Pilger einen ersten Höhepunkt. Die Reformation brachte eine Unterbrechung. Gegenreformation und Barock führten zu einer neuen Hochblüte, die wiederum von Aufklärung und Josephinismus gestoppt wurde. Die religiöse Erneuerung im 19. Jahrhundert und die zunehmende Mobilisierung der Bevölkerung gaben dem Wallfahrerstrom nochmals kräftige Impulse, ebenso wie die menschlichen Tragödien der beiden Weltkriege.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat das Wallfahrtswesen immer mehr an religiöser Kraft und wirtschaftlicher Bedeutung eingebüßt. Aber die alten Pilgerwege werden wieder entdeckt: als Wege der Kraft und der Selbstfindung, aber auch als touristische Erlebnispfade.

Im Mittelalter soll St. Wolfgang auf deutschem Boden in der Zahl der Pilger nur von Aachen und Einsiedeln übertroffen worden sein und in der Besucherzahl nicht weit hinter Rom, Santiago de Compostela und anderen damals berühmten internationalen Wallfahrtszentren einzureihen gewesen sein.

Die erste Erwähnung einer Wallfahrt nach St. Wolfgang stammt aus dem Jahr 1306. Der Ort muss aber damals der Aussage der Quelle zufolge, die Pilger aus sehr weit verstreuten Orten erwähnt, bereits ziemlich bekannt gewesen sein. Schon wenige Jahre danach erfolgte durch das Kloster Mondsee der Bau eines Pilgerhauses. Die Größe der Wallfahrt bedeutete auch ein großes Geschäft. Im frühen 16. Jahrhundert, kurz vor Ausbruch der Reformation, soll der Wallfahrerzustrom nach St. Wolfgang dem Kloster Mondsee jährlich die enorme Summe von 15.000 bis 18.000 Goldgulden eingetragen haben. Ein Teil der Gelder wurde für den Bau der Kirche von St. Wolfgang und für deren großartige Ausstattung verwendet.

Der Flügelaltar von Michael und Friedrich Pacher wurde im Jahre 1481 aufgestellt: Im Vertrag zwischen Abt Benedikt II. von Mondsee und Michael Pacher ist der im Verhältnis zu den jährlichen Einnahmen vergleichsweise geringfügige Betrag von 1200 Gulden genannt, die der weltberühmte Altar gekostet hat. Zu den berühmtesten Besuchern St. Wolfgangs zählten die Kaiser Friedrich III. und Maximilian I.

Die Wallfahrt nach St. Wolfgang war zwar auch in der Reformationszeit nie völlig zum Erliegen gekommen, doch war der Einnahmenausfall in der wirtschaftlichen Situation des Marktes St. Wolfgang und des Klosters Mondsee deutlich zu ersehen.

Einen erneuten Aufschwung nahm die Wallfahrt im beginnenden 17. Jahrhundert. 1596 berichtete der Mondseer Abt Johann Christoph Wasner an Kaiser Rudolf II. von etwa 6000 Pilgern, die am Dreifaltigkeitssonntag zusammengekommen seien, was seit dreißig Jahren nicht mehr der Fall gewesen sei. Dennoch erreichte die Wallfahrt nur langsam wieder an Bedeutung.

Der Besuch der Kaiser Ferdinand II. und Ferdinand III. verlieh neuen Glanz. 1683, im Türkenjahr, kam Kaiser Leopold I. nach St. Wolfgang. Jedenfalls ist sicher, dass das 18. Jahrhundert eine zweite Blütezeit des Wallfahrerwesens brachte. Die Zahl der jährlichen Kommunikanten wurde zwischen 1726 und 1730 mit 17.000 bis 20.000 jährlich angegeben. Noch 1782 erschienen jährlich 74 Prozessionen in St. Wolfgang, im frühen 19. Jahrhundert, nach der Aufhebung des Stiftes Mondsee, nur noch zwei mit etwa 4000 Teilnehmern. Jedoch war St. Wolfgang im 18. Jahrhundert in der Zahl der Besucher bereits hinter den damals bedeutendsten Marienwallfahrtsort des Landes, Adlwang, zurückgefallen.

Auch die Wallfahrt nach Adlwang reicht ins Hochmittelalter zurück. Doch erst in der Gegenreformation erreichte sie überregionale Bedeutung. In Adlwang dürften sich im 17. Jahrhundert jährlich etwa 12.000 Wallfahrer eingefunden haben. Im 18. Jahrhundert stieg die Frequenz auf 30.000 bis 40.000 Pilger im Jahr. Die Höchstzahl wurde 1755 mit 46.764 Kommunikanten ausgewiesen, wozu man sicher noch eine unbekannte Zahl nicht kommunizierender Besucher rechnen wird müssen. Diese führende Stellung ging im 19. Jahrhundert an die Wallfahrtsorte auf dem Pöstlingberg und in Maria Schmolln verloren.

Oberösterreichs Heiliger

Im Mittelalter gab es zahllose Wallfahrtsziele: zum Grab des hl. Florian in St. Florian ebenso wie zum Grab des hl. Berthold in Garsten (gest. 1142), einem der wenigen oberösterreichischen Heiligen. Die Berthold-Wallfahrt wurde im 17. Jahrhundert wieder stark gefördert, in den Pestjahren um 1679 oder während der Wiener Türkenbelagerung 1683. Im frühen 19. Jahrhundert versuchte der Linzer Diözesanbischof Gregor Thomas Ziegler den Berthold-Kult wieder zu beleben. 1842, zu seinem 700. Todestag, sollen 60.000 Gläubige gekommen sein.

Im 16. Jahrhundert war das Wallfahrtswesen durch die Reformation stark zurückgegangen. Im 17. Jahrhundert erhielt es durch die katholische Erneuerung einen neuen Schub, wobei neue lokale Wallfahrten entstanden und der Marienkult alles überflügelte.

In der Eisenwurzen pilgerte man nach Maria Neustift, Frauenstein, St. Sebald am Heiligenstein oder nach Christkindl. In Christkindl wurde die Höchstzahl der Pilger im Jahr 1724 mit etwa 24.000 Besuchern erreicht. Nach Maria Trost am Berg bei Rohrbach kamen im 18. Jahrhundert etwa 10.000 Besucher im Jahr. Fast vergessen sind die Wallfahrerscharen zu „Maria am grünen Anger“ in Dimbach. Bis zu sechzehn Priester aus dem Stift Waldhausen waren im 17. und 18. Jahrhundert an Festtagen in Dimbach im Einsatz, um den Andrang an den Beichtstühlen bewältigen zu können.

Gegenüber Wallfahrtsorten wie Mariazell, Maria Taferl und Sonntagberg verblassen zwar solche Zahlen, aber die Fülle der Ziele im Land ergab in Summa ein reges Geschehen.

Die Anfänge des Pöstlingbergs

Den stärksten Aufschwung nahm der Pöstlingberg, wo im frühen 18. Jahrhundert aus einem 1716 von dem Linzer Bildhauer Ignaz Jobst geschnitzten, an einem Wetterkreuz angebrachten Marienbild gegen den Widerstand der umliegenden Pfarren rasch ein beliebtes Wallfahrtsziel entstanden war und 1739, ohne Baubewilligung, mit dem Bau einer Kirche begonnen worden war, die in den 1740er-Jahren fertiggestellt wurde.

Die Zeit zwischen 1830 und 1880 dürfte die Blütezeit der Wallfahrt auf den Pöstlingberg gewesen sein. Gelobt und geschätzt wurde am Pöstlingberg nicht nur die religiöse Attraktivität, sondern auch die „Gebirgslage“, die herrliche Aussicht und das romantische Aussehen des zwischen 1828 und 1837 errichteten, aus sechs Türmen bestehende Kastells auf dem Pöstlingberg, dem Herzstück des Linzer Befestigungsringes.

Noch stärker nahm der Zustrom zu, als zu Ende des 19. Jahrhunderts das Kastell von der Linzer Tramway- und Elektrizitätsgesellschaft, die eine elektrische Bergbahn errichtete, erworben und touristisch umgestaltet wurde. Als Bergstation fand einer der Kastelltürme Verwendung, einer wurde zu einer Aussichtsplattform umgestaltet, in einen dritten die sogenannte „Grottenbahn“ (1906) eingebaut. Der Pöstlingberg entwickelte sich zum populärsten Wallfahrts- und Ausflugsziel Oberösterreichs, zum passenden Ort für Hochzeiten und Firmungen und zum Ziel für spontane Tagesausflüge.

Um 1900 schätzte der Pöstlingberger Pfarrer die Zahl der jährlichen Wallfahrer auf 300.000, was etwas zu hoch gegriffen sein dürfte. Das beginnende 20. Jahrhundert bedeutete aber zahlenmäßig sicherlich den Höhepunkt des Wallfahreransturms auf dem Pöstlingberg. Die Zahl der Kommunikanten betrug 1916 etwa 8000, die der Besucher etwa 200.000.

In Maria Schmolln war erst 1784 eine Kapelle erbaut und 1862 eine Kirche geweiht worden. Diese entwickelte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert zu dem neben dem Pöstlingberg beliebtesten Wallfahrerziel des Landes. Vor dem Ersten Weltkrieg sollen jährlich 80.000 Pilger gekommen sein. Nach dem Krieg war Maria Schmolln vor allem als „Heimkehrerwallfahrt“ beliebt.

Wallfahrten wurden jedoch nicht überall gutgeheißen. Besonders mehrtägige Wallfahrten wurden sowohl aus moralischen wie ökonomischen Erwägungen kritisiert. Eine Verordnung Maria Theresias vom 11. April 1772 beinhaltete ein Verbot von Wallfahrten, die über Nacht ausblieben oder außer Landes führten, weil sie der Arbeitsamkeit und Sparsamkeit nachteilig seien. Mit ein Grund dafür: Die meisten Wallfahrten fanden in den Sommermonaten statt, also in der besten Reisezeit, wenn auch das bäuerliche Arbeitsjahr am angespanntesten war.

Wallfahrtsfeindliche Stimmung

1783 folgte eine weitere Einschränkung des Wallfahrtswesens im Zusammenhang mit der damals durchgezogenen Einschränkung der Feiertage. Es wurden alle Bruderschaften und alle Stiftungen für Prozessionen und Wallfahrten aufgehoben und ihre Fonds der Erziehung der Jugend zugewiesen.

Das 19. Jahrhundert, mit der romantischen Entdeckung der Natur und des Mittelalters, brachte nach der wallfahrtsfeindlichen Stimmung der josephinischen Administration eine Wiederbelebung der Wallfahrten. Sie vermischten sich mit dem biedermeierlichen Wochenendausflug. Die Wallfahrt wurde zur „Landpartie der Armen“, wie der Literat und Journalist Ferdinand Kürnberger schrieb. Mit der Verbesserung der Verkehrsmittel verknüpften sich die Wallfahrten immer mehr mit Fernreisen und Tagesausflügen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert gab es die Landeswallfahrten ins Heilige Land. Nach dem 2. Weltkrieg boomten die Busreisen nach Lourdes oder Fatima.

Mittlerweile erlebt die Tradition des Pilgerns und Wallfahrens eine Renaissance. Während das Interesse für die meisten anderen Ausdrucksformen des Glaubens schwindet, steigt das Image der Wallfahrten stetig. Die Nähe zur Natur, der Reiz, den Weg selbst zu gestalten, sich selbst verwirklichen, Orientierung finden, am eigenen Körper spürbare Erfahrungen machen – all das macht für viele den Reiz des Pilgerns aus. Man holt das Friedenslicht aus Bethlehem oder geht den beschwerlichen Jakobsweg. Politiker geloben Dankwallfahrten, die zum Medienspektakel werden.

Durch Oberösterreich verlaufen drei Jakobswege, der österreichische Hauptweg führt von Enns nach Oberhofen am Irrsee, der Mühlviertler Jakobsweg führt von Krumau nach Passau und der Innviertler Jakobsweg verbindet die alten Bischofsstädte Passau und Salzburg. Die Tourismuswirtschaft hat das Potenzial längst erkannt. Die EU fördert die Vernetzung der Wege in Ungarn und Österreich. Über sechzig Pilgerwege, die sich wie Verbindungslinien durch das Bundesland ziehen, werden in einem Reiseführer beschrieben. So erhalten alte Pilgertraditionen einen neuen Inhalt.

 

Wallfahrten bedienten Wirtschaft, Religion und Freizeit

Wallfahrten hatten freilich einen religiösen Hintergrund. Sie waren aber auch Vorläufer von Urlaubs- und Wochenendausflügen.

Die Tage der Wallfahrt waren in einer Zeit, die weder Urlaub im heutigen Sinn kannte, noch Tage der Erholung und des Ausbrechens aus der dörflichen Sozialkontrolle. Tatsächlich war Freizeit im 18. Jahrhundert im Wesentlichen für kirchliche Verrichtungen bestimmt – diese wurden als willkommene Unterbrechung und Abwechslung im Arbeitsleben verstanden.

In Verbindung mit Wallfahrtsorten bildeten sich rasch Märkte und entwickelte sich ein reiches Andachts- und Reiseandenkengeschäft. Zu einem Wallfahrtsort gehörten neben dem Heiligtum entsprechende Unterkunfts- und Verpflegungsmöglichkeiten, schöne Kirchen und andere Sehenswürdigkeiten, Attraktionen oder Sensationen, von denen man zu Hause berichten konnte.

Die Wallfahrer führten meist ein „Jausenbinkerl“ mit sich und aßen unterwegs gar nichts oder nur höchst sparsam. Es wurde zu einem Geschäft, für die meist nüchtern am Ziel eintreffenden und in der Kirche die Eucharastie empfangenden Pilger in eigenen Bäckerbuden nach dem Gottesdienst Brot zu verkaufen. Andererseits berichten die Quellen immer wieder von verschiedenen, dem Charakter der Buße zuwiderlaufenden Belustigungen.

Nach dem Gebet ging es ans Wohlleben. Man begab sich ins Wirtshaus. Kein Wunder, dass in der Zeit der Aufklärung im späten 18. Jahrhundert Wallfahrten nicht nur als frömmelnde, sondern auch als müßiggängerische Vergnügungsreisen kritisiert wurden. Ein wichtiges Argument für das behördliche Vorgehen gegen Wallfahrten war, dass sie „selten ohne Berauschung“ abgingen und es auch um die Sittlichkeit bisweilen nicht allzu gut bestellt war, wenn im Nachtquartier „in einem Zimmer gegen 50 und mehr Menschen, Männchen und Weibchen, wie das liebe Vieh auf Stroh“ beisammenlagen. Abraham a Sancta Clara formulierte es drastisch: Manche gingen nur wallfahrten, um einen Mann zu bekommen. Ein anderer Kritiker stieß in dasselbe Horn: Die Wallfahrten würden der „Fruchtbarkeit der Weiber“ sehr zuträglich sein.

Mit Erbsen oder Steinen im Schuhwerk

Auf Wallfahrt zu gehen, war nicht nur Freizeiterlebnis, sondern auch Bußübung ...
Gepilgert wurde zu Fuß. Verkehrsmittel waren teuer und widersprachen dem Sinn der Wallfahrt. Der Fußmarsch war Teil der Bußübung und wurde bisweilen durch Erschwernisse noch verschärft: barfuß zu gehen, sich Erbsen oder Kieselsteine ins Schuhwerk zu füllen, ein schweres Holzkreuz oder Steine mitzuschleppen, die letzte Strecke auf Knien zurückzulegen, bei Wasser und Brot zu wallfahren oder sich den auf der Wallfahrt nötigen Unterhalt zusammenzubetteln.

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