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Wir Oberösterreicher

Zwei Städte, eine Geschichte

Von Von Roman Sandgruber   28. Januar 2012 00:04 Uhr

Passau

Die Dreiflüssestadt Passau ist mehr als ein Nachbar: 1000 Jahre lang übten die Bischöfe von Passau die geistliche Herrschaft im Lande aus. In Teilen des Mühlviertels war der Passauer Bischof über Jahrhunderte auch weltlicher Herrscher. Viele Passauer Bischöfe kamen aus dem Land ob der Enns.

Die kleine Stadt mit etwa 51.000 Einwohnern am Zusammenfluss von Inn, Ilz und Donau hat unverhältnismäßig viel Erbe: Ein malerisches Stadtbild, eine mächtige Burg, mit dem größten Barockdom nördlich der Alpen eine der größten Kirchen Deutschlands.

Es ist seine kirchliche Geschichte, die Passau groß gemacht hat. Das Bistum war 739 von Bonifatius eingerichtet worden. Seine Geschichte reicht aber weiter zurück, auch wenn die Urkunden, mit denen eine Kontinuität des Bistums in die spätrömische Zeit und zu einem angeblichen Erzbistum Lorch/Laureacum hergestellt werden sollte, zu den berühmtesten Fälschungen des Mittelalters gehören.

Seit wann Passau Bischofsitz ist, ist nicht bekannt. Der Wanderbischof Valentin von Rätien, der als Schutzpatron des Bistums Passau verehrt wird, soll von Papst Leo I. zum Bischof von Rätien geweiht worden sein. Der erste Passauer Bischof, dessen Name bekannt ist, Vivilo, ist im Jahr 739 quellenmäßig gesichert. Er war schon da, als Bonifatius die bairischen Diözesen einrichtete und wurde von diesem in seinem Amt bestätigt.

Im Lauf des 8. Jahrhunderts dürfte der Großteil des heutigen Oberösterreich an die Diözese Passau gekommen sein. Ab 798 war Passau ein Suffraganbistum des zum Erzbistum erhobenen Salzburg. In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts versuchte der tatkräftige Bischof Pilgrim sich aus der Salzburger Abhängigkeit zu lösen. Wohl in Kenntnis des Lebens des hl. Severin fälschte er mehrere Urkunden, die nachweisen sollten, dass ein spätantikes Bistum in Lauriacum nach Passau verlegt worden sei. Vergeblich versuchte er mit diesen Fälschungen von Kaiser und Papst eine Rangerhöhung für sein Bistum zu erreichen und die Würde eines Erzbischofs für sich durchzusetzen.

Täuschen, tarnen, fälschen

Auch wenn er damit nicht Erfolg hatte, so konnte doch der Passauer Einfluss nach dem Ungarnsturm weit nach Osten ausgedehnt werden, was allein an den Patrozinien des hl. Stephan, des Passauer Hausheiligen, zu erkennen ist, der den hl. Rupert in den Donaulanden zurückdrängte. Die Hauptkirche Wiens wurde die Stephanskirche. Die Ruprechtskirche führt ein vergessenes Dasein am Donaukanal.

Auch die Wiener Peterskirche verweist auf den älteren Salzburger Einfluss. Der heilige Stephan wurde zum Hauptheiligen Ungarns, und die Diözese Passau reichte bis zur ungarischen Grenze. Sie wurde mit 42.000 Quadratkilometern zum größten Bistum des Heiligen Römischen Reichs. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts wurde sie in mehrere Archidiakonate untergliedert: für den Raum Oberösterreich die Archidiakonate Mattsee, Lambach und Lorch, wobei Lorch bis zur Ybbs reichte.

Die Bistumsgliederung orientierte sich an der damaligen Landesgliederung, die ein oberes Österreich zwischen Hausruck und Ybbs von dem östlichen Niederösterreich schied. Um 1470 wurde das Diözesangebiet in je ein Offizialat ob und unter der Enns geteilt. Die Grenze war allerdings weiterhin nicht an der Enns, sondern an der Ybbs. Der Offizial ob der Enns amtierte teils in Passau, teils in Lorch. Unter Kaiser Friedrich III. konnte endlich die Errichtung einer Diözese Wien durchgesetzt werden. Der größte Teil Niederösterreichs, die heutige Diözese St. Pölten, blieb aber noch bei Passau.

Oberhirte und Landesherr

Seit dem späten Hochmittelalter hatte der Bischof von Passau eine Doppelfunktion: einerseits als Oberhirte der flächenmäßig größten Diözese des Deutschen Reichs, andererseits als Landesherr in einem kleinen Ländchen, dem Hochstift Passau, dessen Grenzen immer umstritten waren. 999 wurde dem Passauer Bischof Christian vom damaligen Kaiser Otto III. die Gerichts- und Verwaltungshoheit, das Markt-, Münz- und Zollrecht über die Stadt Passau übertragen. Damit war der Bischof erstmals politisches Oberhaupt der Stadt.

Kloster als Geschenk

Kaiser Friedrich I. Barbarossa schenkte dem Bistum 1161 das reichsunmittelbare Kloster Niedernburg. 1217 bestätigte Kaiser Friedrich II. dem Hochstift das Land der Abtei nördlich von Passau. 1227 erfolgte der Kauf der Herrschaft Viechtenstein. Bischof Otto von Lonsdorf löste 1262 das Hochstift aus der Schirmvogtei der bayerischen Herzöge und erwarb damit die Reichsunmittelbarkeit.

Passaus Stellung in Oberösterreich war durch die im ganzen Land verstreuten Besitzungen stark: Zum Passauer Besitz gehörte zumindest eine Zeitlang auch Linz, die Ennsburg, ferner Ebelsberg. Eferding wurde unter Passauer Herrschaft zur Stadt erhoben. Nach dem Aussterben der Griesbacher teilten sich Herzog Leopold VI. von Österreich und der Bischof von Passau nach 1221 das obere Mühlviertel so auf, dass das Hochstift alle Besitzungen westlich der Großen Mühl, die Babenberger die östlich gelegenen Gebiete erhielten.

Grenzen bis heute gültig

Mit dem Staatsvertrag vom 25. Oktober 1765 vereinbarten Österreich und das Fürstbistum Passau die Grenzregulierung, die die noch heute gültige Grenze zwischen Österreich und Bayern nördlich der Donau festlegte. Als das Innviertel nach dem Frieden von Teschen 1779 zu Österreich kam, trat Bischof Leopold Ernst Graf von Firmian am 27. Juni 1782 das rechts der Donau gelegene Gebiet um Viechtenstein und die rechts des Inns gelegene Herrschaft Obernberg-Riedenburg an Österreich ab.

Während der Säkularisierung verlor Passau 1805 das weltliche Fürstentum. Ebenso wurden alle weltlichen Besitztümer entzogen und fast alle Klöster aufgehoben. Durch den Reichsdeputationshauptschluss wurde das Hochstift Passau unter Fürstbischof Leopold Leonhard Raymund von Thun 1803 säkularisiert. Die Stadt und die Festung mit dem westlichen Teil des Hochstifts kamen an Bayern, der größere östliche Teil kam zunächst in den Besitz des bisherigen Großherzoges der Toskana Ferdinand, der nun Kurfürst von Salzburg wurde, und nach dem Frieden von Pressburg 1806 ebenfalls an Bayern. Vor seiner Auflösung umfasste das Land Passau zusammen mit den Exklaven Riedenburg und Viechtenstein etwa 825 Quadratkilometer und 24.000 Einwohner, dazu noch 28.000 Untertanen von österreichischen Grundherrn.

Aus dem Land waren die Einkünfte nicht groß, aus der Diözese sehr wohl. Damit konnten beträchtliche Bauten geschaffen werden, die Festung, der Dom, die Alte und die Neue Residenz und zahlreiche Schlösser. Der letzte Passauer Fürstbischof von Thun konnte sich mit diesen Veränderungen nicht abfinden und lebte bis zu seinem Tod 1826 nahe Prag.

Das Bistum bis zur Neuzeit

Vom 14. bis 17. Jahrhundert erlebte das Bistum Höhen und Tiefen. In der Zeit des Trienter Konzils wirkte Fürstbischof Urban von Trennbach (1561–1598) als Gegenreformator in Passau. Er stabilisierte die Hinwendung zum Glauben und galt als mildtätig, aber kirchenstreng. 1722 wurde unter Bischof Joseph Dominikus von Lamberg nach jahrhundertelangem Bestreben die Exemtion aus der Kirchenprovinz Salzburg erreicht.

Kaiser Friedrich III. gelang 1469 nach mehreren vorher fehlgeschlagenen Versuchen die Herauslösung des Bistums Wien aus dem Passauer Gebiet. Erst 1783 wurden die Diözesen Linz und St. Pölten errichtet. Damit war das Bistum Passau entscheidend verkleinert worden. 1821 verlor das Bistum seine Exemption und wurde Suffraganbistum von München und Freising. 1813 und 1822 wurde das Bistum um das südliche Gebiet um Simbach am Inn, Altötting und Burghausen erweitert. Das Bistum Passau hat heute eine Fläche von 5442 Quadratkilometern und mit mehr als 520.000 Katholiken.

Die Pilgrimschen Fälschungen

Passaus Frühgeschichte ist gespickt von Fälschungen. 971 kam der 25-jährige Pilgrim auf den Bischofsstuhl von Passau. Es ist ein Bündel von Papsturkunden, die alle um oder nach 974 von Bischof Pilgrim eigenhändig gefälscht wurden, beginnend mit einer Urkunde des Papstes Symachus, dass Lorch in der Antike ein Erzbistum war und ein Lorcher Bischof namens Theodor von Papst Symachus zum Erzbischof von Pannonien ernannt worden sei.

Der Zweck der Fälschungen war, den Vorrang Passaus vor Salzburg zu belegen. Der Salzburger Erzbischof antwortete mit einer Gegenfälschung. Was nun der wahre Kern ist, wissen wir nicht. Sicher ist: 712 wurde Lauriacum durch die Awaren verwüstet. Die erste Nachricht über Vivilo als Bischof von Passau gibt es aus dem Jahr 739. Es könnte also tatsächlich ein Lorcher Bischof nach Passau geflüchtet sein und dort seinen Sitz genommen haben. Die gefälschten Urkunden wurden zwar nie anerkannt. Aber bei vielen Streitigkeiten wurde darauf Bezug genommen.

Als Friedrich der Streitbare 1244/45 neuerlich die Forderung nach einem Wiener Bistum erhob, legte Passau seinerseits eine noch kühnere Fälschung vor: eine komplette Bischofsliste von Lorch und ein Verzeichnis von 22 Suffraganbistümern, die einst dem Erzbistum Lorch und seinem Nachfolger in Passau unterstellt gewesen seien, darunter auch Wels, das man mit Valencia gleichsetzte. Gefälscht hatte diese Urkunden Albert Peham, Domdekan in Passau.

Immer wieder wurde die Lorcher Legende hervorgeholt, um Ansprüche zu beweisen. Als das Bistum Linz gegründet wurde, jubelte das Sprachrohr Kaiser Joseph II.: Das Lorcher Bistum sei endlich dorthin zurückgekehrt, wohin es hingehöre. Einer der erfundenen Lorcher Bischöfe war der heilige Maximilian (+284), dessen Lebensbeschreibung ebenfalls am Ende des 13. Jahrhunderts konstruiert worden war. 1971 wurde ihm sein Status als Patron der Diözese Linz aberkannt.

Das Venedig von Bayern

Das Stadtbild Passaus hat dank italienischer Baumeister ein südländisch anmutendes Flair und ist geprägt durch Häuser im Stil der Inn- und Salzachbauweise.

Die Altstadt liegt auf einer schmalen Halbinsel am Zusammenfluss von Inn und Donau. Der Dom „St. Stephan“ steht auf einem kleinen Hügel. Zu beiden Flussufern hin fallen die Gassen teilweise in steilen Treppen ab. Empfehlenswert ist der Blick vom Innsteg, von der Bevölkerung Fünferlsteg (nach der früheren Brückenmaut von 5 Pfennigen) genannt, auf die Altstadt. Der Steg verbindet die Innstadt mit der auf der gegenüberliegenden Seite des Inns sich an die Altstadt anschließenden Universität, deren Verwaltung sich im ehemaligen Augustinerchorherrenstift St. Nikola befindet.
 

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