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Wir Oberösterreicher

Tausend Jahre Eisen-Zeit

Von Roman Sandgruber   08. Oktober 2011 00:04 Uhr

Wir Oberösterreicher Tausend Jahre
Die alte Eisenstadt, gelegen an den Flüssen Enns und Steyr, ist ein einziges großes Freilichtmuseum.

Steyr ist einzigartig, weil wohl die einzige Stadt der Welt, die auf eine nahezu tausendjährige Kontinuität der Eisenverarbeitung und Eisenindustrie zurückblicken kann.

Die Spuren sind im Bild der Stadt allgegenwärtig. Der Welterbestatus stünde der Stadt längst und mit höchster Berechtigung zu. Steyr ist nicht nur ein wunderbares Freilichtmuseum, das alle Stufen der industriellen Entwicklung seit dem Mittelalter nachzeichnet, sondern es ist eine Stadt, die immer noch von der Eisenverarbeitung und vom Maschinen- und Fahrzeugbau lebt.

Die Stadt hat in ihrer langen industriellen Geschichte zahlreiche Höhen und Abstürze erlebt. Immer wieder hat sie sich auf geradezu wundersame Weise erholt.

Luxusgüter aus Venedig

Steyrer Eisenwaren wurden im Zuge des Venedigerhandels unter anderem nach Südeuropa und in die Levante verkauft. (siehe Ausgliederung unten). Das meiste Geld ließ sich im „Venedigerhandel“ machen. Gemeint ist der Handel mit den begehrten Waren des Orients und des Mittelmeerraums, die über Vermittlung Venedigs nach Mittel- und Nordeuropa gelangten. Den Steyrer Eisenhändlern standen am Canale Grande im Fondaco dei Tedeschi eigene Räume („Kammern“) zur Abwicklung der Handelsgeschäfte zur Verfügung.

Importiert wurden aus Venedig Luxusgüter wie Samt und Seide, Baumwolle und Elfenbein, Olivenöl und Feigen, Orangen und Zucker, Pfeffer und Muskat, Seife, Brillen und Glas. Im Gegenzug lieferten die Steyrer Messer und andere Eisenwaren, aber auch Leinwand, Wachs und Quecksilber. Um 1450 erreichte Steyr einen ersten Höhepunkt seiner wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung. Es war damals nach Wien die vornehmste und größte Stadt im heutigen Österreich: die imposante Stadtpfarrkirche, die steilgiebeligen Bürgerhäuser und die lauschigen Arkadenhöfe zeugen davon.

Einzelne Handelsleute konnten sich zu weit über die Stadt hinausreichender Bedeutung aufschwingen, riesige Reichtümer anhäufen und geradezu „amerikanische“ Karrieren vorweisen. Das wohl eindrucksvollste Beispiel eines spätmittelalterlichen Patrizierhauses in Oberösterreich, ja wohl in ganz Österreich, das Steyrer „Bummerlhaus“, stand im Eigentum des „venedigischen Handelsmanns“ und persönlichen Freundes Kaiser Maximilians I. Hans Prandstetter, genannt „der reiche Prandstetter“.

Weil Steyr so reich und so international vernetzt war, kam es immer wieder sehr früh mit Neuem in Kontakt, mit neuen Konsumgütern ebenso wie mit neuen Ideen, mit Tabak und Kaffee, mit Meistergesang und Protestantismus.

Bollwerk des Luthertums

Steyr wurde 1525/27 auch zum Mittelpunkt der Wiedertäuferei im Lande ob der Enns. Steyr war auch das stärkste Bollwerk des Luthertums, das vor allem unter den Ratsherren, Patriziern und reichen Händlern Anhänger fand. Die religiösen Kämpfe, die in den Dreißigjährigen Krieg mündeten, brachten für das steyrische Eisenwesen eine schwere Krise.

Nur langsam konnte sich die Stadt wieder erholen. Im späten 17. und im 18. Jahrhundert erlebte sie eine neue Blüte, als Hauptaktionär der Innerberger Hauptgewerkschaft und als Zentrum des Eisen-, Proviant- und Waffenhandels. Die gotisch-altdeutschen Bürger- und Handwerkerhäuser erhielten ein barockes Gepräge. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts verlor die Rüstungsindustrie der Stadt Steyr den Anschluss. Ihre Gewehre waren veraltet. Die Produktion wanderte immer mehr Richtung Wien ab. Der Tiefpunkt war erreicht, als die Stadt Steyr 1798 die Aktienmehrheit der Innerberger Hauptgewerkschaft an die neugegründete k.k. privilegierte Wiener Kanal- und Bergbaugesellschaft verkaufte. Der Verkaufserlös von 685.000 Gulden Wiener Währung, den Steyr erzielt hatte, fiel bald der Inflation zum Opfer.

Josef Werndl Superstar

Für Steyr, wo statt des früheren Hauptsitzes der Gesellschaft nur einzelne Dienststellen verblieben, hatte diese Eigentumsübertragung katastrophale Folgen. Der Neustart geht auf Joseph Werndls Konto. Er hatte als Sohn eines Waffenschmieds in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts ausgedehnte Auslandsreisen unternommen und in thüringischen, englischen und amerikanischen Fabriken die modernsten Techniken der Gewehrerzeugung kennengelernt. Zugute kam ihm, dass Österreich nicht zuletzt wegen der Ausrüstung mit veralteten Vorderladegewehren den Krieg gegen Preußen im Jahr 1866 verloren hatte und Werndl mit dem Werndl-Holubschen Tabernakelverschluss ein Patent für ein Hinterladegewehr besaß. Die Steyrer Fabrik reihte sich bald unter die größten Waffenschmieden Kontinentaleuropas ein und war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs der größte Industriebetrieb Oberösterreichs. Um die enormen Auftragsschwankungen im Rüstungsgeschäft abzufangen, musste immer wieder nach zusätzlichen Produktlinien gesucht werden.

Steyr kann sich rühmen, während der von Joseph Werndl initiierten Elektrizitätsausstellung 1884 die erste größere Stadt der Welt gewesen zu sein, in der durch Ausnutzung der Wasserkraft verschiedene Stadtteile elektrisch beleuchtet wurden.

Qualitätsware Waffenrad

1894, als die Waffennachfrage wieder einmal am Tiefpunkt angelangt war, wurde die Erzeugung von Fahrrädern aufgenommen. Der Erfolg des Steyrer „Waffenrades“ war beachtlich: „Waffenräder“ wurden für lange Zeit zum Inbegriff österreichischer Produktqualität. Von 1894 bis zur Verlegung der Produktion nach Graz im Jahr 1935 dürften etwa 400.000 Fahrräder die Fabrik in Steyr verlassen haben. In weiterer Folge dürften es von Graz aus noch gut eine Million Räder gewesen sein.

Der Erste Weltkrieg führte zu einem Beschäftigungsboom in den Steyr-Werken. Allerdings nur kurzfristig. Denn umso härter bekam die Stadt nach Kriegsende die Folgen des Zerfalls der Habsburgermonarchie, die ökonomischen Probleme der neu entstandenen Republik Österreich, das Verbot der Rüstungsproduktion und die Weltwirtschaftskrise zu spüren.

Steyr war zu einer der „ärmsten Städte der Republik“ geworden. Ende 1931 war rund die Hälfte der Steyrer Bevölkerung auf Arbeitslosenunterstützung und andere öffentliche Fürsorge angewiesen. Die Umstellung auf zivile Produkte, auf die Automobilerzeugung als neuen Hoffnungsmarkt, erwies sich als schwierig. Zwar konnte man mit genialen Konstrukteuren (Dr. Ing. Hans Ledwinka, 1917–1921 in Steyr, Dr. Ing. Ferdinand Porsche, 1929/30, und Ing. Karl Jenschke) technisch bahnbrechende und konstruktiv hochwertige Produkte auf den Markt bringen. Ein kommerzieller Erfolg aber stellte sich nicht ein. Insgesamt wurden zwischen 1920 und 1941 in Steyr nur 56.448 Personenautos erzeugt.

Waffenschmiede für Hitler

Im Zweiten Weltkrieg wurde Steyr wieder zur Waffenschmiede. Die Pkw-Erzeugung wurde eingestellt. Man produzierte neben Handfeuerwaffen auch geländegängige Militärfahrzeuge, Raupenschlepper und Flugzeugmotoren. Im Steyrer Stadtteil Münichholz entstand ab 1939 ein Wälzlagerwerk. Es arbeiteten auch Tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.

1945 war Steyr wieder schwer getroffen. Da die wichtigsten Werksteile der Steyr-Werke am östlichen Ennsufer lagen, fielen sie vorerst in die sowjetische Besatzungszone und waren von Demontagen betroffen. Nur mühsam konnte die Produktion wieder in Gang gebracht werden. An eine eigenständige Pkw-Fertigung wagte man sich nicht mehr heran.

1946 begann die Serienfertigung der ersten Steyr-Lastkraftwagen, 1947 auch die der legendären Steyr-Traktoren: zuerst der Typ 180, mit seinem 26 PS starken 2-Zylinder-Motor und seiner grünen Farbe und etwas behäbigen Form auch liebevoll als „Frosch“ bezeichnet. 1950 kam auch der kleinere Typ 80 dazu, der von einem 15 PS starken Einzylinder-Dieselmotor angetrieben wurde.
Dass diese Stellung in den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht behauptet werden konnte, hatte verschiedene Ursachen. Dem Waffengeschäft waren im neutralen Österreich manche Grenzen gesetzt. Die Produktion von Traktoren und Landmaschinen musste mit einer beträchtlichen Abschwächung der Nachfrage zurechtkommen. Für den Lkw-Markt brauchte man internationale Kooperationen. Den neuen Freizeitboom im Fahrradbereich versäumte man, weil die Fahrradsparte längst an italienische Konkurrenten verkauft war.

In den Neunzigerjahren musste man neue Kürzel lernen: Steyr-Daimler-Puch wurde zerlegt: SNF, SKF, Steyr Mannlicher, Steyr-Antriebstechnik, Steyr-Landmaschinen. Neue Eigentümer brachten neuen Schwung. Neue Betriebe stiegen auf oder siedelten sich an. Forschung und Entwicklung werden großgeschrieben, etwa im FAZAT (Forschungs- und Ausbildungszentrum für Arbeit und Technik), das 1989 gegründet worden ist. 1979 war BMW mit einem neuen Motorenwerk in die alte Eisenstadt gekommen.
Steyr gewinnt seine einzigartige Schönheit aus dem Zusammenspiel einer stolzen Bürgerstadt mit einer jahrhundertelangen industriellen Tradition.

Von Steyr ging Eisen nach halb Europa

Steyr hat seinen Namen von der Styraburg. Die Funktion als Hauptort der Steyermark ging zwar verloren, als die Markgrafen ihr Herrschaftsgebiet immer weiter nach Süden ausdehnen konnten und es daher praktischer fanden, ihren Sitz weiter südlich zu nehmen. So hatte Steyr zwar die Hauptstadtfunktion verloren, blieb aber der wichtigste Ort im Handel mit dem Eisen vom Erzberg und lange auch die zweitgrößte Stadt im heutigen Österreich. Steyr war der eigentliche Herrscher im steyrischen Eisenwesen. 1287 erhielt es sein Großes Privileg für den Handel mit Innerberger Eisen. Die Stadt hatte auch eine Holzniederlage, als Grundlage der vielen Schmieden und Eisenhämmer. Sie war auch Mittelpunkt eines Proviantbezirkes, der die Lebensmittelversorgung der Eisenarbeiter und Handelsbürger sichern sollte. Das Eisen vom Erzberg ging nach Regensburg und Nürnberg und über Freistadt, Krems und Wien nach Breslau, Krakau und in das Baltikum.

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