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SV Ried

"Wahnsinn, wie die ganze Region hinter der SV Ried steht"

Von Thomas Streif  23. Dezember 2020 00:04 Uhr

"Wahnsinn, wie die ganze Region hinter der SV Ried steht"
Rainer Wöllinger: „Das Ziel ist, wieder eigene Spieler bei den Profis einzubauen.“

RIED. Seit Anfang November ist Rainer Wöllinger (47) Geschäftsführer bei der SV Guntamatic Ried. Der gebürtige Hohenzeller will mit dem Bundesliga-Verein neue Wege gehen.

Rainer Wöllinger, der vor seinem Einstieg bei der SV Ried Prokurist und Leiter der Firmenkundenabteilung bei der Raiffeisenbank Ried war, ist Vater von zwei erwachsenen Kindern und Großvater von zwei kleinen Enkelkindern. Wöllinger absolvierte im Fußball-Unterhaus hunderte Spiele und war auch als Trainer bei Pram, Haag, Eberschwang und Hohenzell aktiv.

OÖN: Sie sind seit Anfang November Geschäftsführer der SV Guntamatic Ried. Wie haben Sie sich eingelebt?

Rainer Wöllinger: Ich bin hier von allen extrem schnell und sehr gut aufgenommen worden. Man hat gemerkt, dass für diese Position ein hoher Bedarf gegeben ist. Ich gehe jeden Tag sehr gerne in die Geschäftsstelle. Die Tage sind oft lange, aber ich arbeite gerne. Mir ist wichtig, dass ich die Anliegen und Vorstellungen der Mitarbeiter verstehe. Nur so können wir gemeinsam etwas weiterbringen.

Wie hat Ihre Familie reagiert? Sie hatten einen sicheren, gut dotierten Job und haben diesen jetzt für eine Aufgabe im durchaus turbulenten Fußballgeschäft getauscht.

Das Ganze kam völlig unerwartet. Ich hatte beruflich mit Finanzvorstand und Geschäftsführer Roland Daxl zu tun. Nach einem Gespräch hat er mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, SV-Ried-Geschäftsführer zu werden. Dann ist es relativ schnell gegangen. Ich hatte einen tollen Job bei der Bank und hab mich selber gefragt, ob es die richtige Entscheidung ist. Aber der Reiz dieser Aufgabe war so groß, dass ich das Risiko eingegangen bin. Zum Glück war das Verständnis meiner Frau und Familie da. Sie wissen, wie ich ticke, und verstehen, dass ich diese Herausforderung unbedingt annehmen wollte.

Fußballgeschäft statt Führungsposition in einer  Bank – wie groß ist der Unterschied?

Im Bankenbereich ist sehr viel vorgegeben, es gibt für alles genaueste Vorschriften. In meiner neuen Aufgabe kann man sich freier bewegen, aber man muss die richtige Mischung finden. Um die wirtschaftlichen Abläufe in einem Fußballverein zu verstehen, benötigt es einige Zeit. Man muss unterscheiden zwischen Bilanz, Planung und Liquidität und das bei sich täglich wechselnden Veränderungen.

Stichwort Finanzen: Wie schwer ist eine Kalkulation aufgrund der anhaltenden Corona-Krise?

Schwer. Die SV Ried hat für sowohl für die Bundesliga als auch die Zweite Liga budgetieren müssen. Die Arbeit, die hier von Finanzvorstand Roland Daxl und Prokuristin Xandi Mitterhofer geleistet wurde, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Aber längerfristige Prognosen sind aufgrund der sich ständigen Voraussetzungen aufgrund der Corona-Krise schwer abzugeben.

Wie ist ihr erster Eindruck von den Finanzen der SV Ried?

Es gibt eine sehr gute Basis, mit der man arbeiten kann. Es gibt wenige Bundesliga-Vereine, die eine eigene Infrastruktur in einer solchen Form haben. Aber drei Saisonen in der zweiten Liga sind nicht spurlos am Verein vorbeigegangen. Es gibt dringende Infrastrukturprojekte, die dadurch nicht vorangetrieben werden konnten. Hier wollen wir jetzt ansetzen. Es gibt einen Investitionsplan bis 2027. Wir wollen den Stadionbesuch unter anderem mit einem neuem Stadiondorf attraktivieren, auch Sanierungsarbeiten, wie beispielsweise am Dach, sind überfällig. Wir arbeiten an einem Projekt "Erlebnis Spieltag". Ein Match der SV Ried zu besuchen soll wieder etwas besonderes werden. Hoffentlich ist das aufgrund der Corona-Situation bald wieder möglich. Ebenso besteht in der Nachwuchsakademie dringender Handlungsbedarf: Die Kabinen sind zu klein, auch die Möglichkeiten für Zuschauer sind begrenzt. Hier wollen wir einen Schritt nach dem anderen setzen.

Wie reagieren die Sponsoren auf die Umstände? Es sind keine Fans erlaubt, auch Gegenleistungen, wie zum Beispiel VIP-Karten, kann man derzeit den Partnern nicht anbieten.

Es ist ein Wahnsinn, wie die Region und die Sponsoren zur SV Ried stehen. Ich hatte in den vergangenen Woche dutzende längere Gespräche mit den Sponsoren. Der überwiegende Teil hat signalisiert, diese Situation gemeinsam durchzustehen. Die Rückmeldungen waren fast ausschließlich positiv, das hat mich in dieser Tragweite überrascht. Dieses Vertrauen ist für uns aber ein Auftrag und dürfen wir nicht verspielen.

Wie sind die Rückmeldungen der Dauerkartenbesitzer?

Viele haben sich als Kompensation für eine Vereinsmitgliedschaft für das Jahr 2021 oder eine Spende entschieden. Nur ein relativ geringer Prozentsatz will das Geld rückerstattet haben. Diese alles andere als selbstverständliche Solidarität der treuen Fans hilft dem Verein in dieser schweren Situation.  

Es waren durchaus turbulente Tage, wie waren Sie in die Trainerentlassung involviert und wie ist das abgelaufen?

Grundsätzlich ist für Trainerentlassungen und -bestellungen ein Vorstandsbeschluss notwendig. Die Trennung von Gerald Baumgartner, dem der Verein sehr viel – unter anderem den Aufstieg – zu verdanken hat, ist sehr lange diskutiert worden. Die Trennung war wertschätzend, Baumgartner hat eine funktionierende und fitte Mannschaft hinterlassen. Wir hatten das Gefühl, dass eine Veränderung notwendig ist, daher haben wir diese schwere Entscheidung getroffen.

Gerald Baumgartner hat in einem Gespräch mit den Salzburger Nachrichten von einer „langen Kampagne“ gegen seine Person, vor allem aus dem Vorstand. Wie sehen Sie das?

Ich denke, das war eine emotionale Aussage, die wir nicht überbewerten. Uns ist bewusst, dass so eine Entscheidung nie zu 100 Prozent gerecht sein kann, denn dass Gerald Baumgartner enorme Qualitäten hat, steht außer Frage.  

Die Saison wird bereits ab 24. Jänner fortgesetzt, die Vorbereitung beginnt am 4. Jänner. Wann wird der neue Trainer der SV Ried präsentiert?

Wir haben uns auf einige Kandidaten verständigt, mit denen wir uns jetzt intensiv austauschen wollen. Es wurden schon konkrete Gespräche geführt. Dass noch vor den Weihnachtsfeiertagen eine Entscheidung fällt, steht in den Sternen. Wir nehmen uns lieber einen Tag mehr Zeit. Klar ist, dass wir einen Vertragsabschluss vor dem Jahreswechsel anstreben.

Nach welchen Kriterien wird bei der Suche vorgegangen?

Namen werden vor einem Abschluss von unserer Seite nicht in der Öffentlichkeit diskutiert. Die Zusammenarbeit zwischen Profis, Junge Wikinger und der Akademie muss erfolgreicher werden. Das Ziel, wieder eigene Spieler bei den Profis einzubauen, ist sehr ambitioniert, aber auf Dauer muss uns das wieder gelingen. Das ist die Zukunft des Vereins und wichtig für die Identifikation der Fans mit der SV Ried.

Seit Monaten ist von der Bestellung eines sogenannten Sportkoordinators zu hören. Wie ist hier der Stand der Dinge?

Wir wollen diese wichtige Personalie gemeinsam mit dem neuen Trainer präsentieren. Der Nachwuchskoordinator soll das wichtige Bindeglied zwischen Profis, Junge Wikinger und der Akademie sein. Es muss hier wieder viel mehr Durchgängigkeit geben. Ried war viele Jahre lang als Ausbildungsverein bekannt, dort wollen wir wieder hin.

Wie fällt Ihr Fazit der Herbstsaison mit 13 Punkten aus? Ist das obere Playoff und der damit verbundene Klassenerhalt nach dem Grunddurchgang ein Ziel?

Die aktuelle Ausgangsposition ist gut. Wenn wir das volle Potenzial abrufen, dann ist ein sechster Platz nicht völlig unmöglich. Dieses Ziel setzen wir uns, aber in erster Linie geht es darum, eine möglichst gute Ausgangsposition für das Playoff zu erarbeiten.

Wird Marco Grüll im Winter wechseln?

Es ist noch nichts entschieden. Es gibt konkretes Interesse von mehreren Vereinen. Ich hoffe, dass diese Personalfrage bis zum Trainingsauftakt geklärt wird. Für uns wäre natürlich ein Transfer mit einer möglichen Leihvariante bis zum Sommer eine optimale Lösung.

Der Kader ist groß. Wollen Sie den Kader für die Frühjahrssaison verkleinern?

Dieses Thema wird mit dem neuen Trainer besprochen. Grundsätzlich wäre es gut, wenn der eine oder andere Spieler bei einem anderen Verein wichtige Spielpraxis erhalten würde. Wir werden versuchen, Lösungen mit den Spielern und anderen Vereinen zu finden, leicht wird das freilich nicht.

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Artikel von

Thomas Streif

Lokalredakteur Innviertel

Thomas Streif
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