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Innenpolitik

Frauen und Politik: "Der Frauenanteil ist oft symbolisch, nicht systematisch"

Von Barbara Eidenberger  03. März 2021 00:04 Uhr

Kathrin Stainer-Hämmerle
Kathrin Stainer-Hämmerle

LINZ. Politologin Stainer-Hämmerle sieht auch innerhalb der Parteien noch viel Aufholbedarf.

"Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" – diese Antwort wurde bei einer von den OÖN unter 200 Politikerinnen durchgeführten Umfrage mit Abstand am häufigsten auf die Frage genannt, welches frauenpolitische Thema die Politik am dringendsten lösen müsse.

Für Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle keine Überraschung. Von dem vermeintlichen Konsens über die Parteigrenzen hinweg dürfe man sich aber nicht täuschen lassen: "Denn die Lösungsvorschläge gehen weit auseinander." Daran zeige sich, dass auch das Konzept von Diskriminierung unterschiedlich verstanden werde, so Stainer-Hämmerle: "Wer vorschlägt, Mädchen für andere Branchen zu interessieren, hat die entscheidende Frage nicht beantwortet: Warum sind Frauenberufe weniger gut bezahlt, warum ist ihre Arbeit weniger wert?"

Noch nicht alles erreicht

Nahezu einig waren sich die Politikerinnen auch darüber, dass in der Frauenpolitik noch viel zu tun sei. Fast 87 Prozent der Befragten stimmten der Aussage "Politisch ist für Frauen alles erreicht" nicht zu. Trotzdem ist Frauenpolitik im Vergleich zu den vergangenen Jahren weniger präsent und auch weniger kämpferisch. Viele Diskriminierungen seien in den 1980ern noch im Gesetz gestanden, damit habe man eine konkrete Forderung verbinden können, sagt Stainer-Hämmerle. Beispiele gibt es viele, sei es das "Heiratsverbot" für geschiedene Frauen, das 1983 aufgehoben wurde, oder das Unter-Strafe-Stellen von Vergewaltigung in der Ehe 1989. Vieles habe sich also gebessert, so die Politologin.

Subtile Diskriminierung

Heutzutage seien die Themen schwerer festzumachen, sagt Stainer-Hämmerle: "Diskriminierung steht nicht mehr im Gesetz, sondern ist subtiler und passiert eher auf einer individuellen Ebene." Diskriminiert werde aber nach wie vor: "Aber jeder weiß, was er besser nicht sagt."

Auf die Frage, ob sie als Politikerin schon einmal mit Sexismus konfrontiert waren, antworteten fast 60 Prozent mit Nein. Doch "blöde Bemerkungen" und "dumme Witze" habe man schon erlebt, so die Politikerinnen. Auch Kommentare über das Äußere, das Absprechen von Kompetenzen oder das Überhören von Wortmeldungen wurden häufig als Erlebnisse genannt. Vier Prozent der Befragten haben aufgrund einer Nachricht oder eines Übergriffs mit frauenfeindlichem Hintergrund schon einmal die Polizei eingeschaltet.

Angesichts dessen verwundert es nicht, dass 82 Prozent der Aussage "Frauen in der Politik brauchen ein dickeres Fell als Männer" zustimmen. Kritik an Frauen gehe oft auch mit körperlicher Abwertung einher, sagt Stainer-Hämmerle: "Bei Männern passieren die Angriffe eher auf einer inhaltlichen Ebene."

Auch wenn in der Regierung fast 50 Prozent Frauen sind, ist der Anteil auf Landes- und Gemeindeebene deutlich geringer. Die Gründe dafür seien vielfältig, sagt Stainer-Hämmerle. Politik sei zum Beispiel schwer mit einer Familie zu vereinbaren. Aber auch das Verhältnis von Frauen zur Macht spiele eine Rolle: "Frauen wird ein Machtwille negativ ausgelegt, bei Männern gilt er als positiv."

Auch innerhalb der Parteien werde es den Frauen nicht leicht gemacht. Das zeigt auch die OÖN-Umfrage. Der Aussage "Frauen haben in der Politik die gleichen Chancen wie Männer" stimmen zwei Drittel nicht zu. Zwar seien in der Regierung fast die Hälfte Frauen, aber, so die Politologin, die Frauenorganisationen der Parteien hätten oft sehr wenig zu sagen: "Der Frauenanteil ist oft symbolisch, nicht systematisch."

Frauen in der Politik machen Frauenpolitik auch weniger offensiv zum Thema. Das habe auch mit der negativen Bewertung der Begriffe Feministin oder Emanze zu tun: "Diese Begriffe gelten fast als Schimpfwort. Das haben die Männer erreicht."

Die Zahlen beziehen sich auf die Antworten auf einen Online-Fragebogen der OÖNachrichten, der von 200 Politikerinnen aller Parteien beantwortet wurde.

Der OÖN-Frauentag

Anlässlich des Internationalen Frauentags veranstalten die OÖN heuer zum dritten Mal einen Frauentag nach dem Motto „Ein Tag nur für mich“. Coronabedingt findet die Veranstaltung virtuell statt: Via Livestream werden die Gesprächsrunden am Freitag, den 5. März, auf www.nachrichten.at übertragen.

Über die „Generation Corona“ und ihre Herausforderungen werden junge Frauen und Expertinnen ab 13 Uhr sprechen. Um 14 Uhr geht es um „Typisch Frau – alles über Frauen und ihre Gesundheit“. Der (vermeintlichen) ewigen Liebe, der Frage, wie sie hält und was tun, wenn sie zerbricht, widmen sich ab 15 Uhr Expertinnen.

Um 16 Uhr kommen vier ehemalige Spitzenpolitikerinnen zu Wort und diskutieren die Frage, mit welchen Herausforderungen gerade Frauen in der Politik konfrontiert sind.

Frauen und Politik: "Der Frauenanteil ist oft symbolisch, nicht systematisch"
Brigitte Ederer
Andrea Kdolsky
Andrea Kdolsky

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Barbara Eidenberger

Redakteurin Innenpolitik

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