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Innenpolitik

"Realistisch gesehen" kein regulärer Schulbetrieb im April

Von nachrichten.at/apa   31. März 2020 16:17 Uhr

CORONAVIRUS: PK "AKTUELLE ENTWICKLUNGEN IM SCHULBETRIEB": FASSMANN
Bildungsminister Heinz Faßmann (VP)

WIEN. An den Schulen wird es "realistisch gesehen" keinen regulären Betrieb im April geben. Das kündigte Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) bei einer Pressekonferenz am Dienstag an. Eine finale Entscheidung über ein konkretes Datum des Wiederbeginns gebe es aber noch nicht. Die Rückkehr der Schüler werde dann stufenweise erfolgen - zunächst die Maturanten bzw. Schüler anderer Abschlussklassen.

Die Lehrer sollen dementsprechend den Schülern Arbeitspakete bis Ende April zusammenstellen und übermitteln. Die Entscheidung, ob darin neuer Stoff oder nur Beispiele zur Vertiefung enthalten sind, soll schulautonom getroffen werden, so Faßmann. Konkret werde das auch je nach Fach unterschiedlich sein - in Geographie werde neuer Stoff leichter zu vermitteln sein als in erklärungsintensiven Fächern wie Mathematik.

Eine Entscheidung über die Abhaltung der derzeit für die Woche ab 18. Mai geplanten Zentralmatura will Faßmann nach Ostern treffen. Vorerst eine Absage erteilte er Forderungen nach einem Verzicht auf die Reifeprüfung bzw. einer autonomen Abhaltung durch die Schulen selbst.

Kein Problem sah der Minister bei der Leistungsbeurteilung: Die derzeitigen gesetzlichen Regelungen würden dabei einen großen Spielraum zulassen. "Das Corona-Semester ist kein normales Semester." Daher werde man den Spielraum auch "mit Herz und Hirn anwenden". Sollten sich ausständige Schularbeiten nicht ausgehen, würden nur die bisher vorliegenden Leistungen für die Beurteilung herangezogen.

Video: Die Pressekonferenz zum Nachsehen

Sowohl Eltern als auch Lehrer bat Faßmann um Zurückhaltung: "Die Corona-Krise ist nicht die Zeit, schulischen Leistungsdruck zuhause zu entfalten." Umgekehrt sei ein geregelter Alltag mit Zeitstruktur und Aufgaben ein wesentlicher Faktor, die Situation bewältigen zu können.

Schulpsychologen, Sozialarbeiter und Beratungslehrer sollen außerdem in den kommenden Tagen versuchen, Kontakt mit jenen Schülern aufzunehmen, die von ihren Lehrern nicht erreicht werden können. Faßmann schätzt deren Zahl auf einen einstelligen Prozentbereich. Lösungen für Schüler, denen es an digitalen Endgeräten fehlt, sollen in den nächsten Tagen ebenfalls erarbeitet werden. Man führe derzeit Gespräche mit Institutionen, die gebrauchte Geräte weitergeben können. Außerdem werde man selbst Geld in die Hand nehmen.

Video: Hans Bürger (ORF) zur Pressekonferenz mit Heinz Faßmann

Kein Geld in die Hand nehmen müssen umgekehrt ab 1. April Eltern für ganztägige Schulformen bzw. Internate an Bundesschulen (AHS, BMHS). Die Elternbeiträge an diesen Einrichtungen würden nicht eingehoben. Länder und Gemeinden empfahl Faßmann die gleiche Vorgangsweise.

Darüber hinaus soll es einen mit 13 Mio. Euro dotierten Härtefallfonds für Stornokosten bei Schulveranstaltungen wie Skikurse oder Sportwochen geben. Zur leichteren Abhaltung von Distance Learning will das Ministerium ein Online-Portal einrichten, außerdem sollen ab nächster Woche Online-Fortbildungen für die Lehrer dazu angeboten werden.

Faßmann will Ermächtigung für "neutrales Semester"

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) will das derzeit laufende Sommersemester an den Hochschulen als "neutrales Semester" bewerten. Damit können etwa Beihilfen länger bezogen werden. Er werde dafür um eine Verordnungsermächtigung des Parlaments ersuchen und auch mit den Hochschulen darüber reden. 

Wie an den Schulen wird an den Unis bis Ende April voraussichtlich kein regulärer Betrieb stattfinden. Trotzdem sollen so weit als möglich Lehrveranstaltungen online abgehalten bzw. wissenschaftliche Arbeiten weiter betreut werden, damit Studenten nach Möglichkeit auch Studienleistungen erbringen können.

Wie an den Schulen soll dann auch an den Unis der Betrieb schrittweise wieder hochgefahren werden, betonte Faßmann. Im Vordergrund stünden dann zunächst Prüfungen und keine Massen-Lehrveranstaltungen.

Ein "neutrales Semester" würde etwa jene Studenten entlasten, die Beihilfen beziehen. Diese sind einerseits an eine Höchstzahl an Semestern gebunden, andererseits muss für den Bezug eine bestimmte Anzahl an Leistungsnachweisen erbracht werden.

Forderung nach mehr Planbarkeit

Die Oppositionsparteien, Schülervertreter, Arbeiterkammer und Industriellenvereinigung haben heute mehr Klarheit darüber eingefordert, wie lange die Schließung der Schulen wegen der Coronavirus-Pandemie noch andauern wird. Lob gab es für die angekündigten Maßnahmen für Kinder, die besondere Unterstützung oder technische Ausstattung für das Lernen daheim benötigen.

Bundesschulsprecherin Jennifer Uzodike von der ÖVP-nahen Schülerunion appelliert in einer Aussendung an Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) beim Matura-Termin "endlich für Klarheit in den Schulen zu sorgen". Sie warnt außerdem davor, dass die Möglichkeit zum Erarbeiten neuen Stoffs den Druck auf die Schüler erhöhen könnte.

Aus Sicht von SPÖ-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid wurde die Unsicherheit bei den Eltern durch die Ansagen des Ministers weiter vergrößert. "Wenn die Schulen nach Ostern weiter nicht für alle SchülerInnen geöffnet sind, braucht man Antworten hinsichtlich Betreuung und Sonderurlaub sowie zum Unterricht und der Leistungsbeurteilung." Sie fordert, dass Schüler mit "Nicht Genügend" im Semester auf jeden Fall aufsteigen können. Kritik übt sie daran, dass Schulen selbst entscheiden sollen, ob sie im Heimunterricht auch neuen Stoff vermitteln. Das bringe Druck für die Eltern und unterschiedliche Voraussetzungen für die Schüler.

Auch FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl vermisst klare Ansagen des Bildungsministers. Dass der neue Maturatermin infrage gestellt werde, sei bestenfalls "ignorant". Er plädiert dafür, die Zentralmatura dieses Jahr auszusetzen und eine Lösung im Sinne der "Matura alt" zu finden. Für Schüler unter 14 Jahre fordert Brückl Schulalltag in Form von "Blockunterricht", bei dem jeden Tag ein Fünftel der Schüler in den Hauptgegenständen unterrichtet wird, wodurch jeder einmal pro Woche in die Schule käme.

NeosS-Bildungssprecherin Martina Künsberg Sarre wünscht sich einen Stufenplan für eine schrittweise Öffnung der Schulen nach Ostern. Schulschließungen bis September seien zu verhindern, um die soziale Kluft in der Bildung nicht weiter zu vergrößern. Der Schulbetrieb soll, sobald das gesundheitlich vertretbar ist, zumindest tageweise und in einigen Fächern ermöglicht werden. Für benachteiligten Kinder fordern die Neos ein Sonderbudget für Förderunterricht und für die Matura einen Plan B.

Die Arbeiterkammer will Unterstützung für jene Kinder, deren Eltern sie nicht beim Fernunterricht unterstützen können. Gerade Schüler aus sozial benachteiligten Familien müssten gefördert werden, so AK-Präsidentin Renate Anderl. Die Industriellenvereinigung wünscht sich spätestens gegen Ende April eine definitive Entscheidung darüber, wie es mit dem Sommersemester an den Schulen weitergeht. Sie plädiert dafür, Druck für alle Beteiligten herauszunehmen, der gemeinsamen Krisenbewältigung sei jetzt jedenfalls Vorrang vor individuellem Ehrgeiz einzuräumen.

Die Kinderfreunde fordern für jene Kindergartenkinder, deren Kindeswohl daheim gefährdet sein könnte, ein engeres Betreuungsnetz. Dass "täglich viele Eltern" den Kindergartenplatz aufkündigen, zeige, wie prekär die Situation in vielen Familien sei.

Lob kommt von der ÖVP-nahen AktionsGemeinschaft (AG) für die Ankündigung eines "neutralen Semesters". Das sei "die unkomplizierteste Art mit der Hochschulschließung umzugehen". SPÖ-Wissenschaftssprecherin Andrea Kuntzl unterstützt ein "neutrales Semester", fordert darüber hinaus aber noch, die Studiengebühren für das aktuelle Semester zu erlassen und "umsichtige, unbürokratische Modelle zur Verlängerung der Tätigkeit an den Hochschulen für zeitlich befristete Angestellte und Forschende".

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