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Weltspiegel

Zwischen Hoffnung und Angst: Das Leben in den Borderlands

Von Thomas Spang 12. Juni 2019 00:04 Uhr

 Zwischen Hoffnung und Angst Das Leben in den Borderlands
Die amerikanische Regierung hat Angst vor Masseneinwanderung und will die Grenze völlig dichtmachen.

In der Grenzregion zwischen den USA und Mexiko zeigt die Politik von US-Präsident Donald Trump unmittelbare Folgen.

Im Wahlkampf versprach Donald Trump, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen. Später drohte der US-Präsident, die Südgrenze zu schließen und Strafzölle zu verhängen. Nichts von dem trat ein, untergräbt aber Vertrauen, wie unser Korrespondent Thomas Spang in der Grenzregion von El Paso und Ciudad Juárez beobachtet hat.

Miguel Fernandez (46) fühlt sich von dem alten Handelsposten vor den Toren El Pasos wie magisch angezogen. Nicht nur wegen der spektakulären Sonnenuntergänge über der Chihuahua-Wüste. "Ardovinos Desert Crossing" steht auch für das gemeinsame Erbe, das die USA und Mexiko an diesem Ort ganz nahe zusammenbringt. Der Blick nach Süden fällt nach Ciudad Juárez, das im Osten nach El Paso übergeht. Bis zum rostroten Grenzzaun ist es von hier aus nur ein Katzensprung.

"Eine Geldverschwendung"

Wann immer der Hightech-Unternehmer es sich einrichten kann, bringt er Geschäftspartner zu "Ardovinos Desert Crossing", um in der Abendsonne bei blutigen Steaks und italienischem Rotwein die Aussicht auf die "Borderlands" zu genießen. So nennen die Einheimischen das Grenzgebiet, in dem auf beiden Seiten des Rio Grande rund drei Millionen Menschen leben.

"Sie verstehen nicht, wie diese Region funktioniert, bevor Sie nicht hier waren und es erlebt haben", sagt der Chef des Telekom-Pioniers "Transtelco", der auf beiden Seiten der Grenze zusammen mehr als 320 Menschen beschäftigt. Donald Trumps wiederkehrende Sanktionsdrohungen gegen Mexiko oder das Versprechen, eine Mauer an der Grenze zu bauen, "passen hier überhaupt nicht hin", meint Miguel. "Aus meiner Sicht eine Zeit- und Geldverschwendung."

Als er 2001 sein Unternehmen gründete, gab es weder einen Grenzzaun noch viele Kontrollen. Die Geschäftsidee ließ sich relativ einfach umsetzen. Er kaufte in den USA Datenvolumen für das Internet, die er nach Mexiko transferierte und dort mit einem kräftigen Aufschlag weiterverkaufte. Der vollbärtige Pionier ist so etwas wie die Verkörperung der "Borderlands". Miguel wuchs in Ciudad Juárez auf, zog im Highschool-Alter mit seiner Familie nach El Paso und studierte anschließend. Seine Eltern leben heute wieder in Mexiko, während er mit seiner Frau und den vier Kindern in den USA wohnt. Eine Realität, die zehntausende Familien in der Grenzregion so oder ähnlich teilen. "Die Grenze ist etwas Künstliches", sagt Miguel. Und inzwischen ein Hindernis.

 Zwischen Hoffnung und Angst Das Leben in den Borderlands
Die Grenze ist ein Hindernis für die Wirtschaft und die Familien.

300.000 Beschäftigte

Vor dem Amtsantritt Trumps nahm er in seinem Tesla schon mal Besucher für eine Stippvisite mit nach Juarez, wo die Maquiladoras genannten Produktionsstätten von US-Unternehmen wie Pilze aus dem Boden schießen. Heute gibt es schon mehr als 300 Betriebe, die zusammen mehr als 300.000 Menschen beschäftigen.

Den Abstecher wagt Miguel im Moment nicht mehr. Wenn er Pech hat, dauert es Stunden, zurück in die USA zu kommen. Noch schlimmer ist es für Lkw, die sich an den beiden Grenzbrücken für den Güterverkehr heute acht Stunden und länger stauen. Der Grund: Als Reaktion auf die Flüchtlingskrise zog die US-Grenzpolizei (Customs and Border Patrol) Beamte von der Güterabfertigung ab und setzte sie andernorts ein.

Egal, wen man in den "Borderlands" fragt – Unterstützung für die verschiedenen Sanktionsideen Trumps findet sich hier kaum. Im Gegenteil. Zu den heftigsten Kritikern des Präsidenten schwang sich der Bürgermeister von El Paso, der Republikaner Dee Margo (67), auf. Es sei "unverantwortlich", wie das wirtschaftliche Wohlergehen der Region und der Nation riskiert werde. Was der Bürgermeister meint, illustrieren ein paar Fakten eindrucksvoll. Mexiko ist der wichtigste Handelspartner der USA.

Allein in den "Borderlands" von El Paso und Ciudad Juárez addierte sich das Handelsvolumen im vergangenen Jahr auf 103 Milliarden Dollar auf.

Präsident Trump lässt sich durch solche Argumente wenig beeindrucken. Er "liebe" Strafzölle, gab er offen zu erkennen. Demonstrativ setzte er sich bei seinen jüngsten Drohungen über die Einwände seines Chefunterhändlers für das NAFTA-Nachfolgeabkommen USMCA, Robert Lighthizer, hinweg. Dieser sorgt sich um die Früchte seiner harten Verhandlungen mit Mexiko und Kanada, da eine Ratifizierung des Vertrags unter diesen Umständen eher unwahrscheinlich scheint.

Einwanderungsdruck

Trump feiert es nun als Erfolg, dass Mexiko die grüne Grenze zu Guatemala sichern und Flüchtlingsbewegungen durch das Land besser kontrollieren will. Dabei hatte die Regierung des Nachbarlandes das schon längst versprochen. Im entscheidenden Punkt aber blieb Mexiko hart: Es erklärt sich nicht zu einem sicheren Drittstaat, in den Asylwerber aus den USA abgeschoben werden könnten.

Für Miguel Fernandez ist das alles anachronistisch. Sollte die mexikanische Wirtschaft infolge eines Handelskriegs in die Rezession stürzen, erhöhte das bloß den Einwanderungsdruck. Neben den Migranten aus Zentralamerika versuchten dann nämlich auch wieder Mexikaner in den Norden zu kommen. "Wir müssen über Familien, Zölle und Handel in einem Kontext diskutieren", plädiert der Sohn der "Borderlands", während die letzten Strahlen der Abendsonne die Aussicht von "Ardovinos Desert Crossing" einmal mehr verzaubern.

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Mexiko ist der wichtigste Handelspartner der USA.

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