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Weltspiegel

Steinmeier: "Selbst errichtete Mauern einreißen"

Von nachrichten.at/apa   09. November 2019 18:59 Uhr

GERMANY-BERLINWALL/
German President Frank-Walter Steinmeier speaks at a ceremony marking the 30th anniversary of the fall of the Berlin Wall at Brandenburg Gate in Berlin, Germany, November 9, 2019. REUTERS/Annegret Hilse

BERLIN. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Jahrestag des Mauerfalls die Deutschen aufgerufen, ihre selbst errichteten Mauern einzureißen. In den vergangenen Jahren seien quer durchs Land neue Mauern entstanden: "Mauern aus Frust, Mauern aus Wut und Hass. Mauern der Sprachlosigkeit und der Entfremdung", sagte Steinmeier am Samstag vor dem Brandenburger Tor.

Diese Mauern seien unsichtbar, stünden aber dem Zusammenhalt im Wege. "Reißen wir diese Mauern endlich ein!" Für den Zusammenhalt könne jeder und jede im Land etwas tun, appellierte der Bundespräsident. Er wünsche sich, "dass wir etwas von dem Mut, der Zuversicht und dem Selbstbewusstsein jener Tage des Mauerfalls in unsere Zeit heute holen".

Steinmeier betonte, die Mauer sei nicht einfach gefallen - die friedlichen Revolutionäre hätten sie eingerissen. Die "Mutigen in der DDR" hätten Geschichte geschrieben, dafür könnten die Deutschen ihnen auch 30 Jahre später "nicht dankbar genug sein".

Der Bundespräsident würdigte in seiner Rede auch den Beitrag der Menschen in Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei zum Mauerfall. Ihr Mut habe die Teilung Europas beendet.

Er dankte dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow, der eine Politik der Entspannung eingeleitet habe, und dem ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan als Vertreter des "starken Arms aus dem Westen". Dieses "Amerika als Partner in gegenseitigem Respekt" und "gegen nationalen Egoismus" wünsche er sich auch in Zukunft, sagte Steinmeier an die Adresse von US-Präsident Donald Trump gewandt.

In seiner Rede vor dem Brandenburger Tor gedachte der Bundespräsident auch der Reichspogromnacht am 9. November 1938. "Spätestens, allerspätestens nach dem Anschlag von Halle" hätten hoffentlich alle in diesem Land begriffen, dass der Kampf gegen Rassenhass und Antisemitismus nicht vergehe, mahnte Steinmeier.

Merkel mahnte zum Einsatz für Freiheit

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgerufen, die 1989 errungene Freiheit gegen neue Anfeindungen zu verteidigen.

"Der 9. November, in dem sich in besonderer Weise sowohl die fürchterlichen als auch die glücklichen Momente unserer Geschichte widerspiegeln, ermahnt uns, dass wir Hass, Rassismus und Antisemitismus entschlossen entgegentreten müssen."

Angela Merkel

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier appellierte an die Europäer, weiter engagiert an der Einheit des Kontinents zu arbeiten. Nicht alle Hoffnungen und Ziele beim Einreißen des Eisernen Vorhangs seien erreicht worden. "Freiheit und Demokratie, Wohlstand und Zusammenhalt in Europa bleiben große und anspruchsvolle Ziele."

Die Spitzen des deutschen Staates gedachten am Samstag in Berlin bei der zentralen Feier auf dem früheren Todesstreifen an der Bernauer Straße des Falls der Mauer vor genau 30 Jahren. Steinmeier hatte dazu auch die Staatsoberhäupter der Slowakei, Tschechiens, Polens und Ungarns - Zuzana Caputova, Milos Zeman, Andrzej Duda und Janos Ader - nach Berlin eingeladen. "Ohne den Mut und den Freiheitswillen der Polen und Ungarn, der Tschechen und Slowaken wären die friedlichen Revolutionen in Osteuropa und die deutsche Einheit nicht möglich gewesen", sagte er beim Denkmal für den Beitrag der vier Visegrad-Staaten zum Mauerfall. Die Freiheitsbewegungen in diesen Ländern hatten ihn erst möglich gemacht.

Der 9. November sei ein Schicksalstag der deutschen Geschichte, sagte Merkel. Sie erinnerte an die Pogromnacht der Nationalsozialisten von 1938. Darauf seien Menschheitsverbrechen und der Holocaust gefolgt. Das Niederreißen der Mauer 1989 zeigt aus Sicht der deutschen Bundeskanzlerin: "Keine Mauer, die Menschen ausgrenzt und Freiheit begrenzt, ist so hoch oder so breit, dass sie nicht doch durchbrochen werden kann."

Bei dem Gedenken wurden auch Rosen in die Hinterlandmauer für die Mauer-Opfer gesteckt

Bei dem Gedenken steckten Steinmeier, Merkel und andere hochrangige Politiker wie Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller für die Mauer-Opfer gelbe und orange Rosen in die Hinterlandmauer. Zur Erinnerung an den Mut der DDR-Opposition im Herbst 1989 wurden Kerzen entzündet. Bei Demonstrationen getragene Kerzen waren damals das Symbol des gewaltlosen Widerstands.

Während einer Andacht in der ebenfalls auf dem ehemaligen Todesstreifen gelegenen Kapelle der Versöhnung sagte der evangelische Bischof von Berlin und Brandenburg, Markus Dröge, die Erinnerung an die friedliche Revolution falle in diesem Jahr nachdenklicher als vor fünf Jahren aus. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle habe alle aufschrecken lassen. Zudem seien die gesellschaftlichen Diskussionen schärfer geworden. Auch werde deutlicher formuliert, welch radikale Umbrüche die Ostdeutschen in Beruf und Alltag nach 1989 erlebt hätten.

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer erinnerte an den Mut der Ostdeutschen und schrieb auf Twitter: "Auch heute geht es um Mut und Zuversicht." Mit Blick auf die Pogromnacht 1938 erklärte sie außerdem: "Begonnen hatte es mit verrohter Sprache, Hass und Hetze, Ausgrenzung und Diffamierung. Der 9. November ist auch ein Tag, der mahnt - für heute und die Zukunft."

Die Bernauer Straße gilt als Symbol der deutschen Teilung. Als die Mauer 1961 hochgezogen wurde, lag die Häuserfront der Straße im Osten, der Gehsteig im Westen.

Mit dem 9. November 1989 ging die deutsche Teilung nach rund 40 Jahren zu Ende, die Berliner Mauer selbst hatte mehr als 28 Jahre Bestand. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen starben an der etwa 160 Kilometer langen Mauer in der deutschen Hauptstadt mindestens 140 Menschen durch das DDR-Grenzregime.

In Berlin wird am Samstag mit umfangreichen Feierlichkeiten und einer großen Bühnenshow am Brandenburger Tor des 30. Jahrestags des Mauerfalls gedacht. Die Show am frühen Abend wird von Berlins Regierendem Bürgermeister Müller eröffnet, Steinmeier hält eine kurze Rede. Neben der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim treten zahlreiche Musiker und Bands auf.

30 Jahre Mauerfall – Sinnbild der Freiheit
Die Kunstinstallation "Visions in Motion" wird über den Köpfen der Besucher schweben.

Auch in Österreich wurde der 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer gewürdigt. Bundespräsident Alexander Van der Bellen erklärte etwa auf Facebook, am 9. November 1989 sei "vielleicht zum ersten Mal" die Idee eines vereinten Europas "tatsächlich greifbar nahe" gewesen. "Damals, am 9. November 1989, haben der Mut, die Freiheit und die Demokratie einen Sieg errungen."

Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein bezeichnete den Fall der Berliner Mauer als "Zäsur in der Geschichte unseres Kontinents und unerlässlich für die Einheit Europas": "Bei allen noch immer bestehenden Herausforderungen und Unterschieden leben wir heute in eng verbundener europäischer Nachbarschaft, geprägt von Frieden und Freiheit", unterstrich Bierlein in einer Stellungnahme.

Weißes Haus: Lehre für Unterdrücker in aller Welt

Die USA haben zum 30. Jahrestag des Mauerfalls die Bedeutung der Proteste der ostdeutschen Bevölkerung weltweit für mehr Freiheit und Gerechtigkeit gewürdigt.

Das Schicksal der Berliner Mauer müsse eine "Lehre für repressive Regime und Herrscher überall" sein: "Kein Eiserner Vorhang kann jemals den eisernen Willen eines Volkes zurückhalten, das entschlossen ist, frei zu sein", hieß es in einer offiziellen Botschaft von US-Präsident Donald Trump, die das Weiße Haus am Samstag veröffentlichte. Trump richtete darin seine Glückwünsche an die Deutschen für die "gewaltigen Fortschritte", die durch die Wiedervereinigung erzielt worden seien, und bezeichnete die Bundesrepublik als einen der "geschätztesten" Partner der Vereinigten Staaten.

Bulgarischer Premier: Schlucht in Europa nach Kommunismus

Der bürgerliche bulgarische Premier Boiko Borissow sieht 30 Jahre nach dem Mauerfall noch einen tiefen Graben zwischen ost- und westeuropäischen Staaten. "Der Kommunismus hinterließ in Europa eine derartige Schlucht, so dass 30 Jahre nach dem historischen Fall der Berliner Mauer die osteuropäischen Staaten bis jetzt die westeuropäischen schwer einholen", schrieb Borissow am Samstag auf Facebook.

"Wir tragen immer noch seine Narben, wir haben immer noch viel Arbeit (zu verrichten), die Richtung aber stimmt", so der Premier. Er forderte, die Demokratie und das Recht auf freie Wahl zu verteidigen. Bulgarien habe seine "Zivilisationswahl getroffen", erklärte er zur Entwicklung des einstigen Ostblockstaates.

Nur einen Tag nach dem Mauerfall in Berlin am 9. November war in Bulgarien am 10. November 1989 der Chef der damaligen kommunistischen Staatspartei, Todor Schiwkow, bei einer Tagung der Parteiführung abgesetzt worden. Damit begann die Wende auch in dem Balkanland, das als treuester Verbündeter Moskaus galt.

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