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Steyr

Franz Brunner: Zahlenlust statt Zahlenfrust

20. Oktober 2020 12:11 Uhr

Franz Brunner
Franz Brunner

STEYR. Franz Brunner gibt sich heute nicht so sehr dem Virus, dafür aber den Zahlenspielereien hin. Und wenn es stimmt, was er schreibt, dann werden manche von uns Lesern vielleicht wirklich sehr, sehr alt.

Zahlenlust statt Zahlenfrust

Ich feiere gerade meinen Namenstag. Wobei feiern nicht ganz stimmt, ich denke einfach dran, weil es diesmal ein interessantes Datum ist. Ansonsten feiert kein Mensch mehr Namenstag, Brunner's ganz gewiss nicht. Wir feiern genauso wenig den Tag der Badehose, den Tag der Buttermilch oder den Tag der Nichtraucher, obwohl dieser schon denkwürdig wäre, immerhin haben wir was Beachtliches geschafft. Wir rauchen seit Jahrzehnten nicht mehr, ich erinnere mich sogar genau an meine letzte Zigarette, ans Datum und an den Ort. Trotzdem, wir feiern dieses Ereignis nicht, sondern erfreuen uns still an der permanenten Nikotinfreiheit. Ja, wir sind sehr zufrieden mit uns, auch in anderen Belangen. Zum Beispiel im Umgang mit Corona.

Tag für Tag werden wir mit Zahlen überhäuft. So und so viele Corona-Infizierte, dort ein neuer Rekord und hier eine neue Schreckensbilanz. Ich mag gerade nicht mehr, ich habe diese Zahlen satt. Man kann sie allerdings nicht wegleugnen, und genau deswegen mag ich sie nicht mehr. Doch ich mag Zahlen grundsätzlich, ich spiele mit ihnen, sie faszinieren mich und lenken mich ab. Ich nehme mir vor, nicht mehr über Corona, Infizierte und Tote zu schreiben. Nicht daran zu denken, wird schwierig werden, die Fakten sind nun mal da und allzu leicht plakativ in Zahlen zu verpacken.

Man schreibt Samstag, den 10. Oktober 2020. Was daran interessant ist? 10102020? Lesen Sie’s ein zweites Mal, dann klingelt’s vielleicht. Der zehnte Tag im zehnten Monat, demnach 1010, im Jahr 2020. Nicht nur, dass 2020 das Doppelte von 1010 ist, bemerkenswert ist auch die Ziffernsumme: 1+0+1+0+2+0+2+0 ergibt als Ergebnis 6. Eine derart niedrige Ziffernsumme eines Datums ist selten und wird’s so bald nicht wieder geben. Jetzt raten Sie bitte, wann die 6 das nächste Mal wieder kommt. Oder geht’s etwa noch kleiner? Wenn Sie in diesen Tagen erstmals in die Schule gehen, die nächsten Jahrzehnte gesund essen und außerdem Glück haben, dann könnten Sie zu dieser Zeit sogar noch am Leben sein. Haben Sie die Lösung gefunden? Gut, dann setz ich eins drauf, immerhin möchte ich Sie fordern und ablenken. Damit Sie zur Ruhe kommen und mental gestärkt in den Herbst gleiten.

Nehmen wir an, die medizinischen Standards bleiben zumindest gleich gut und Ihre Lebensweise ist einigermaßen vernünftig. Welches Datum Ihres hoffentlich weiterhin beschaulichen Daseins hat die höchste Ziffernsumme? Ich helfe Ihnen gerne, aber erst am Schluss dieses Textes, zuvor lesen Sie bitte geduldig weiter.

Wie wichtig, wie sinnvoll ist es wirklich, sich am Ende eines anstrengenden Tages an irgendwelchen Leistungswerten zu messen? Ein kleiner Virus führt uns vor Augen, wie fragil unsere Systeme sind, wie abwegig unser Denken von „Schneller-Höher-Weiter“ ist. Ist es nicht allein schon ein großartiges Gefühl, gut für sich selbst sorgen zu können, Einsichten zu gewinnen und in eine Gemeinschaft eingebettet zu sein? Kochen, reden, lachen und genießen Sie wieder miteinander. Wofür uns der Sinn seit langem verloren ging, weil vieles zu selbstverständlich wurde, dafür müssen die Menschen anderswo kämpfen, aufopfernd und häufig ohne Perspektive. Aber sie tun’s, sie wehren sich unverdrossen und geben nicht auf. So wünsche ich den Menschen in Weißrussland von Herzen, dass ihr friedlicher Kampf erfolgreich ist.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil Ablenkung gerade in dieser eigenartigen Zeit vonnöten ist, andere Gedanken gut tun und Perspektiven notwendig sind. Die WHO warnt bereits eindringlich vor den psychischen Folgen der Pandemie, also waschen Sie sich nicht nur weiterhin brav die Hände, sondern achten Sie zudem penibel auf Ihre Psychohygiene. Abstand halten? Ja gerne, in Metern. Gedanklich und emotional dürfen wir allerdings bedenkenlos ein bisschen mehr zusammenwachsen.

Mein bescheidener Beitrag dazu: Ich verrate Ihnen jetzt die Lösung zum Zahlenrätsel. Die Ziffernsumme 6 beim Datum gibt’s das nächste Mal frühestens am 2. Jänner 2100, geschrieben als 02012100. Am Tag zuvor geht’s sogar noch kleiner, nämlich am 1. Jänner, geschrieben als 01012100, da ergibt die Ziffernsumme 5. Wollen Sie diesen Tag miterleben, dann sollten Sie auf sich achten und außerdem ernährungstechnisch gut für sich sorgen. Auf Steyrs Märkten geht das ja ganz gut.

Ach ja, die Lösung der Zusatzaufgabe, das Datum mit der höchsten Ziffernsumme im Verlauf Ihres Daseins bin ich Ihnen noch schuldig. Es ist der 29. September 2099, folglich 29092099, damit ist die Ziffernsumme 40. Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen bei Ihren persönlichen Ablenkungen. Belohnen Sie sich und feiern Sie ausreichend, meinetwegen auch den Tag des Waschlappens oder den Tag der Teelichter. Hauptsache, Sie trotzen Corona erfolgreich und werden genüsslich alt.

www.franzbrunner.at

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