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Steyr

Brunners würziger WortWechsel

26. Januar 2021 10:33 Uhr

An 70 Prozent der Autospiegelt baumelt aktuell die Maske. Sagt Franz Brunners nicht repräsentativer Blick in die Autos.
An 70 Prozent der Autospiegelt baumelt aktuell die Maske. Sagt Franz Brunners nicht repräsentativer Blick in die Autos.

STEYR. Franz Brunner blickt heute in die Autos seiner Mitmenschen und über den Tellerrand hinaus.

Schreckliche Zahlen.

70/20/10. Nein, keine Panik, das sind keine Maße, die man(n) oder Frau sich wünscht. Ich will mir keinen Mitbürger und schon gar keine Mitbürgerin mit diesen Kennwerten vorstellen, aber Sie wissen ja mittlerweile, ich hab's mit Zahlen. Klären wir die Sache rasch auf, bevor Sie zu intensiv an Aliens oder Frankenstein denken und dann Gänsehaut bekommen.

Franz Brunner
Franz Brunner

Jüngst war mir nach Spazierengehen. Weit und breit keine Menschen, nur parkende Autos und dazwischen tapfere Natur. Irgendwann muss man an die frische Luft, und der Warnschober und seine Freunde, die lassen das ja auch zu. Selbstverständlich hatte ich meine kesse Maske mit den lustigen Symbolen stets griffbereit, also keine Gefahr für meine Mitmenschen. Nachdem ich gemächlich an etwa 30 Autos vorbeigeschlendert war, blieb ich stehen, um kurz nachzudenken. Da war was, was Eigenartiges. Ich drehte um und schritt die Kolonne der geparkten Vehikel nochmals ab, diesmal bewusster. Die Spiegel in den Autos, die weckten meine Neugier. Schließlich stellte ich Folgendes fest: bei etwa 70 Prozent baumelte vom Rückspiegel ein Mund-Nasen-Schutz, bei 20 Prozent der obligate Wunderbaum und bei 10 Prozent eine Art von religiösem oder auch Glückssymbol, manche Dinge waren einfach nicht definierbar. Unbehangene Spiegel gab's kaum, prozentuell ein Streichresultat. Natürlich war mir als Zahlenfreund bewusst, dass für eine brauchbare Statistik die Stichprobe zu klein war, da müsste ich mein Experiment schon am Parkplatz des Vienna Airport durchführen. Zurzeit wahrscheinlich auch nicht die sauberste Lösung, da es momentan zu viele leere Parkplätze gibt. Aber wann ist wieder die Zeit für saubere Lösungen, für das normale Leben? Die Nachrichten sagen es uns beinahe täglich, vertrösten uns wiederholt auf später, sogar viel später. Ein Beispiel? Bitte, gerne. Willkürlich gewählt und von Fachleuten verschiedenster Gebiete oft nachgeplappert:

Eine Schlagzeile in den Nachrichten vom 19. Jänner 2021 / Radio Oberösterreich

"Bis zur Rückkehr zur Normalität wird es noch Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern."

Hurra, dachte ich mir und konnte mir dazu ein Lächeln nicht verkneifen. Wir haben tatsächlich eine Galgenfrist, bevor der alte Wahnsinn wieder abläuft. Es bleibt noch Zeit, uns zu besinnen, nach neuen Lösungen zu suchen. Aber, so die Meinung vieler Experten, so läuft's künftig nicht mehr. Es wird nicht mehr reichen, alte Techniken und Systeme weiter zu optimieren, die Zitrone ist bereits ausgepresst. Wir haben den Tellerrand erreicht, jetzt sollten wir mal mutig darüber hinausschauen, oder besser noch, den geistigen Horizont über den Teller hinaus erweitern. Und warum tun wir’s nicht, wo liegt das Problem? Mangelnde Selbstreflexion und Angst vor Veränderungen. Und zusätzlich Gedächtnisverlust, das zeigt sich regelmäßig bei demokratischen Wahlen. Wir, das Stimmvieh, wir vergessen allzu schnell, was manche Typen, die sich da wählen lassen, alles angestellt haben. Ingeborg Bachmann, die große österreichische Schriftstellerin, wusste es schon vor Jahrzehnten:

"Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler."

Ja doch, Sie haben recht, der Satz mag abgedroschen und überstrapaziert sein, er ist allerdings immer wieder aufs Neue angebracht. Im Kleinen beginnt's, ich nehme mich da selbst bei der Nase. Ich erinnere mich mit Schaudern an den letzten Kater nach einer feuchtfröhlichen Nacht. Und irgendwann war besagter Kater nicht mehr der letzte, sondern der vorletzte, ich habe dummerweise wieder Murks gemacht. Das Problem ist so alt wie die Geschichte der Menschheit: Veränderungen von liebgewonnen Gepflogenheiten, vor allem wenn's gerade besonders angenehm ist, stoßen zunächst einmal auf Widerstand. Und wenn Änderungen dann noch Einschränkungen mit sich bringen, sind die Erfolgsaussichten ohnehin nicht allzu rosig. Wer ein goldgelbes, knuspriges Schnitzel am Teller liegen hat, wird kaum freiwillig auf einen blassen, weichen Tofuknödel umdisponieren, nur damit das Meer die Malediven nicht schon 2090, sondern erst 2091 wegspült. Zurück vom Spaziergang ging ich zunächst zur Familienkarosse, um eine der nun verpönten, bunten Stoffmasken vom Spiegel zu nehmen und im Handschuhfach zu verstauen. Zugegeben, nur ein symbolischer Akt, doch die Hoffnung, auch den Nachfolger, dieses FFP2-Unding bald nicht mehr zu brauchen, die lebt in mir. Und für die Malediven sehe ich auch Chancen, denn ich mag Tofu.

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