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Oberösterreich

Polen kritisiert Umgang mit Gedenkstätte Gusen

Von Herbert Schorn  und  Manfred Wolf 09. Dezember 2019 00:04 Uhr

Polen kritisiert Umgang mit Gedenkstätte Gusen
Der Appellplatz im Lager Gusen I, fotografiert im Jahr 1946 von einem ehemaligen Gefangenen

LANGENSTEIN. "Unwürdiges Gedenken": Polens Premier will Teile des ehemaligen KZ Gusen im Mühlviertel erwerben. Für St. Georgens Bürgermeister unvorstellbar: "Hier ist die Republik in der Verantwortung".

Die Meldung ließ am Wochenende viele Oberösterreicher ratlos zurück. Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki kündigte bei einem Besuch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz an, Teile des ehemaligen KZ Gusen in der Gemeinde Langenstein (Bezirk Perg) kaufen zu wollen. "Wir können nicht erlauben, dass dieser Ort eines früheren Vernichtungslagers in einen Ort verwandelt wird, der des Gedenkens nicht würdig ist", sagt der Premier, der einer national-konservativen Regierung vorsteht.

"Eine Gstettn"

Doch warum will ausgerechnet Polen ein ehemaliges KZ im Mühlviertel haben? Und kann man ein KZ überhaupt kaufen?

Es handelt sich dabei um das Lager Gusen I in Langenstein, eines von drei Lagern des KZ Gusen. Gusen II ist in St. Georgen, Gusen III in Katsdorf. Von dem Lager Gusen I sind der Appellplatz, der erst vor zwei Jahren entdeckt wurde, die Kommandantur (eine mittlerweile umgebaute Villa), zwei Ziegelgebäude, die damals den Namen "Block 6, 7 und 8" trugen, und mehrere Baracken, die noch bis Anfang der 2000er-Jahre bewohnt waren, erhalten. "Das Gelände gehört im Wesentlichen zwei Familien", sagt Martha Gammer vom Gedenkdienstkomitee Gusen. Beide hätten Interesse, die Grundstücke zu verkaufen. "Doch vonseiten der Regierung tut sich nichts", kritisiert sie.

Noch deutlicher wird Erich Wahl, Bürgermeister der Nachbargemeinde St. Georgen/Gusen und Vorsitzender der "Bewusstseinsregion Mauthausen – Gusen – St. Georgen": "Dass Polen so einen Vorschlag macht, ist eine Blamage für Österreich. Die Republik ist in der Verantwortung, ein würdiges Andenken zu ermöglichen."

Doch davon sei das Gelände derzeit weit entfernt, sagt Martha Gammer: "Der ehemalige Appellplatz ist eine Gstettn", ärgert sie sich. "Da hat sich nie jemand dafür interessiert." Zu lange sei man der Meinung gewesen, eine zentrale Gedenkstätte reiche. "Das Verständnis, dass der Ort des Todes an sich eine Gedenkstätte ist, fehlt offenbar noch immer." Im Lager Gusen, offiziell Nebenlager des KZ Mauthausen, waren 71.000 Menschen inhaftiert, rund 37.000 Menschen wurden getötet, darunter sehr viele Polen, was das Interesse der Regierung begründet: "Laut polnischen Forschern starben hier 27.821 Polen", sagt Gammer.

Österreich sei seiner Verantwortung bei der Gedenkstätte Gusen sehr wohl nachgekommen, heißt es aus dem zuständigen Innenministerium – etwa durch die Errichtung eines Besucherzentrums oder indem Teile der Liegenschaft unter Denkmalschutz gestellt wurden. Ein Sprecher bestätigt, dass die Eigentümer für einige Grundstücke verkaufsbereit seien. 2018 sei eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben worden: "Derzeit werden alle Optionen geprüft."

„Viele solcher Orte sind in Vergessenheit geraten“

 

Bis zum Staatsvertrag hat die Sowjetunion im ehemaligen KZ Gusen weiter Steine produziert.

 

Der Historiker Christian Dürr ist Kurator des Mauthausen Memorial mit Sitz in Wien. Die OÖN haben mit dem Oberösterreicher über die Gedenkstätte Gusen gesprochen.

"Viele solcher Orte sind in Vergessenheit geraten"
„Angesichts der Bedeutung von Gusen ist hier nichts weitergegangen.“ Christian Dürr, Historiker

OÖN: Gusen war über lange Zeit das größte Konzentrationslager in Österreich. Dennoch wurde Mauthausen als Gedenkstätte auserkoren. Warum?

Dürr: Die Sowjetunion hatte wirtschaftliche Interessen an Gusen, bis zum Staatsvertrag wurden hier weiter Steine produziert. Die Häftlingslager waren ebenfalls sowjetisches Eigentum, da sie aber nicht genützt wurden, ist dort viel verschwunden. Auch die Bevölkerung hat vieles mitgenommen und als Baumaterial verwendet. Gusen 2 war ein reines Barackenlager – es wurde von den Amerikanern gleich nach der Befreiung im Mai niedergebrannt – wegen Seuchengefahr.

Wie ging es nach dem Staatsvertrag 1955 weiter?

Sowjetisches Eigentum wurde an die Republik zurückgegeben. Dann wurden Grundstücke und Betriebe veräußert, die Firma Poschacher hat viel angekauft, das Lagergelände übergab die Republik der Gemeinde, die es parzelliert hat. Ab 1960 entstand hier eine Siedlung.

Es gibt in Gusen ja ein Memorial, allerdings kein „würdiges“, wie es aus Polen heißt.

In Gusen gab es ein Krematorium in einer Baracke. Die Baracke verschwand schnell, der Ofen blieb. Ab Ende der 1940er-Jahre haben Organisationen von Überlebenden eine provisorische Gedenkstätte errichtet. Mit dem Verkauf der Baugründe war das Krematorium plötzlich ein Problemobjekt, das Akteure auf lokaler Ebene weghaben wollten. Sie wollten den Ofen abbauen und nach Mauthausen verlegen. Da regte sich Widerstand der Überlebenden. 1965 wurde ein Memorial errichtet.

Ist die Kritik aus Polen gerechtfertigt?

Angesichts der Bedeutung von Gusen und im Vergleich zu Mauthausen ist hier nichts weitergegangen. Die Politik hat über Jahrzehnte das Gedenken rein auf Mauthausen konzentriert. Die Folge war, dass viele solcher Orte in Vergessenheit geraten sind. Vieles ist verschwunden, Spuren wurden ausgelöscht.

Was Bände über den Umgang mit Gedenken spricht.

Ja, das kann man so sagen.

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