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Oberösterreich

Der Mostdipf 2021 geht an Helga, Bernd und Vincent

08. Mai 2021 00:04 Uhr

Der Mostdipf - eine Auszeichnung für jene Menschen, die das Land und die Zeit prägen.

Seit 1972 vergeben die OÖNachrichten den Mostdipf, eine Auszeichnung für jene Menschen, die das Land und die Zeit prägen. Heuer geht die Auszeichnung an Helga, Bernd und Vincent.

  • Helga Rabl-Stadler: Sie leitet seit 1995 die Salzburger Festspiele – nach der heurigen Saison hört die 72-Jährige auf. Zur Dernière gibt’s vom Mostdipf Standing Ovations …

    Mostdipf meint: „Wånn de Frau Rabl-Stadler ruaft, is nu Jedermann kuma.“
  • Bernd Lamprecht: Er ist seit dem Ausbruch der Coronakrise zum Arzt der Nation geworden. Trotz Stress ist der 44-Jährige immer freundlich und unaufgeregt geblieben.

    Mostdipf meint: „In Deitschlaund philosophiert zu Corona der Richard David Precht – owa bei uns, do füh’ i mich sicherer, weil wir haum den Bernd Lamprecht.“
  • Vincent Kriechmayr: Er ist eines der größten Sportvorbilder des Landes – zudem konnte er seine Karriere heuer mit zwei Weltmeistertiteln krönen.

    Mostdipf meint: „Vitus und Vincent – koa Wunder, dass des ‚V‘, des ma mit de Finga zoagt, Sieg bedeutet.“

Das sind die Mostdipf-Gewinner 2021:

Die kultivierte Präsidentin

Helga Rabl-Stadler, Salzburgs Festspiel-Chefin vor dem Schlussapplaus.

Politikerin bin ich, Parteipolitikerin wollt ich nie sein", sagt Helga Rabl-Stadler. Das klingt verblüffend bei einer Frau, die ab 1983 Jahre lang als Abgeordnete der ÖVP im Nationalrat saß. "Ich fand es schrecklich, dass man eine Idee, nur weil sie vom politischen Mitbewerber kommt, zunächst einmal runtermachen muss."

Die kultivierte Präsidentin
Rabl-Stadler hätte sich in manchen Momenten Mostdipfs Schlagfertigkeit gewünscht.

Der Gedanke, ob die politische Atmosphäre heute respektvoller wäre, hätte Rabl-Stadler länger daran mitgewirkt, wird von ihren kulturellen Erfolgen überblendet. "Als Präsidentin der Salzburger Festspiele braucht man auch die Akzeptanz aller politischen Parteien." Dann sieht sie den Mostdipf an und sagt: "Manchmal hätt ich mir deine Schlagfertigkeit gewünscht."

Seit 1995 leitet Helga Rabl-Stadler das Festival. Nach diesem Sommer hört sie auf. Das Ende sei ihr gegönnt, die Frau ist 72. Im Festspiel-Getriebe ist dennoch niemand aufzutreiben, der darüber froh wäre. Auch weil Rabl-Stadler vom Portier bis zur Opern-Diva alle gleich freundlich behandelt. Ihre Verbindlichkeit ist nicht Kalkül, sondern Grundierung ihres Wesens.

"Ich hatte nie ein ausgeprägtes Talent" – schon wieder so ein verwirrender Satz von dieser Frau, die alle nur "die Präsidentin" nennen. Aber nein, sie meint es nicht kokett. Es sei vor allem ihr unbändiges Interesse an allem Neuen, das ihr Türen öffnete. "Schon als Journalistin wollte ich zehnmal mehr wissen, als ich schreiben konnte."

Nach ihrem Jus-Studium heuerte sie bei der "Presse" an, 1974 bis 1978 war sie die erste Frau, der im "Kurier" eine Innenpolitik-Kolumne anvertraut wurde. "Meine Mutter hat gesagt, ich soll Gewerkschaftssekretärin werden, weil ich immer auf der Suche nach Entrechteten war, die ich vertreten konnte. Wenn in der Schule eine Rede zu halten war, hab ich das getan, während sich die anderen Mädchen fürchteten."

Ob das an ihrer Erziehung lag? "Nein, an den Genen. Als ich 1968 an der Uni war, wurde die Ansicht vertreten, der Mensch sei ein Produkt aus Umwelt und Erziehung. Wäre das so, hätte ich nie gesprochen, weil wir Kinder beim Essen nicht sprechen durften, aber sonst haben wir die Eltern wenig gesehen, insofern hatten wir zum Sprechen keine andere Möglichkeit." An ihrem 21. Geburtstag erfuhr Rabl-Stadler, dass ihr wirklicher Vater der ORF-Generalintendant Gerd Bacher (1925–2015) war, "da wurde mir ob meines Wesens einiges klar." Zuerst habe sie riesige Verunsicherung gespürt, aber bald erlebte sie es als Glück, zwei Väter zu haben. "Trotzdem möchte ich allen Leuten sagen, die ein Kind adoptieren oder aus anderen Gründen Kinder haben, die nicht ihre sind – man muss von Anfang an die Wahrheit sagen. Alles andere ist eine Zumutung für das Kind, und es geht nicht immer so gut aus wie bei mir."

Der ältere ihrer zwei Söhne hat Rabl-Stadler längst zur Oma gemacht, aber sie schüttelt heute noch den Kopf über diskriminierende Fragen, wie man etwa als Frau Familie und Beruf unter eine Hut bringe. "Einen Mann mit fünf Kindern fragt auch kein Mensch, warum er Generaldirektor ist." Ein schlechtes Gewissen plagte sie dennoch: "Gegenüber meiner Familie, gegenüber meinem Beruf, gegenüber der Politik – immer war da dieses Gefühl, dass ich zu wenig Zeit für das jeweils andere hatte." Dennoch veredelte sie es zur Kunst, für Wertschätzung und ökonomische Basis der Kultur zu rackern – wie 2020, als sie für die Kultur-Öffnung in Zeiten der Corona-Pandemie stritt. Das "Haus für Mozart" (Eröffnung 2006) taugt ebenso zum Meilenstein ihrer Präsidentschaft: Von 36 Millionen Euro Gesamtkosten gelangt es ihr, dass die Festspiele 40 Prozent selbst aufbrachten. Es ist deshalb viel Fantasie nötig, um sich Salzburgs Sommer ohne Helga Rabl-Stadler vorzustellen.

Der echte Mr. Corona

Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde, Kepler-Uniklinik.

Er ist stets freundlich, unaufgeregt und kompetent. Seit mehr als einem Jahr beschäftigt sich Bernd Lamprecht, 44, Vorstand der Abteilung für Lungenheilkunde am Kepler-Universitätsklinikum Linz, täglich mit dem Coronavirus. "Wie viele andere tue ich ja nur meine Arbeit", sagt er. Nebenbei schafft er es, komplizierte Zusammenhänge so einfach und verständlich zu erklären, dass sie auch Laien verstehen.

Der echte Mr. Corona
Sympathie auf den ersten Blick: Primar Bernd Lamprecht und Risikopatient Mostdipf

Kein Wunder, dass seine Expertise bundesweit begehrt ist. TV-Auftritte und Interviews meistert er bravourös – so auch die Mostdipf-Übergabe in einem Seminarraum des Spitals. Als Bernd Lamprecht die Auszeichnung überreicht bekommt, wird er vom stolzen Mostdipf-Preisträger gleich wieder zum sachlichen Mediziner, der eine Diagnose stellt: "Der Mostdipf vereint gleich zwei Corona-Risikofaktoren in sich: Er ist ein Mann – und er ist übergewichtig. Er muss schauen, dass er bald geimpft wird."

Den allerersten Covid-Patienten in Oberösterreich hat er persönlich angerufen, erinnert sich Bernd Lamprecht an den Beginn der Corona-Pandemie, die sich zum Jahreswechsel 2019/2020 als "mysteriöse Lungenerkrankung aus China" angekündigt hatte. "Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand sagen, was da auf uns zukommt." Heute sieht er auf entbehrungsreiche, arbeitsintensive und lehrreiche 14 Monate zurück, die er fast rund um die Uhr im Krankenhaus verbracht hat. Der Beruf ist Berufung für jenen Mann, der am 24. Juli geboren wurde. "24/7 ist durch Corona zu meinem Lebensmotto geworden." Schon zu normalen Zeiten arbeitet er rund zwölf Stunden am Tag.

Disziplin und Arbeitseifer wurden ihm in die Wiege gelegt. Bernd Lamprecht wurde in Tirol geboren, aufgewachsen ist er in Kärnten. Seine Eltern waren Lehrer, die Mutter unterrichtete Deutsch, der Vater Wirtschaft. Als Kind wollte er, wie er erzählt, Zirkusdirektor oder Arzt werden. "Als Vierjähriger hatte ich eine größere Operation und musste länger im Spital bleiben. Damals hat mich beeindruckt, dass das Krankenhaus ein Ort ist, wo man Menschen wirklich helfen kann." Die Matura bestand er mit Auszeichnung. "Obwohl ich in Mathematik und Musik nicht sehr gut war", gesteht er. Diese kleinen Schwächen federt heute seine Frau Claudia ab, die Lehrerin ist und genau jene Fächer unterrichtet. Nach dem Medizin-Studium in Innsbruck führte ihn sein Karriereweg nach Salzburg, wo er die Ausbildung zum Lungenfacharzt machte. "Hier hatte ich die Möglichkeit, mich auch wissenschaftlich zu betätigen und eine Studie zu COPD zu machen." Medizin ist – ohne Zweifel – die Leidenschaft des Lungenprimars. "Aber ich unterrichte auch gerne", sagt Lamprecht.

Zeit für die Familie, Sport und Schach

Die Entstehung der medizinischen Fakultät an der Johannes Kepler Universität war mit ein Grund, warum Bernd Lamprecht nach Linz kam, um die Klinik für Lungenheilkunde am Kepler-Uniklinikum zu leiten. "In Oberösterreich wurden wir extrem freundlich empfangen. Die Menschen hier sind offen, zugänglich und integrativ", sagt Lamprecht, der neben seinem Beruf noch ab und zu Zeit findet, um Sport zu treiben oder Schach zu spielen. "Lieber nehm ich mir aber Zeit für meine Familie", sagt der Vater zweier Kinder im Alter von 17 (Jakob) und 14 (Clemens), die aufgrund des Distance-Learnings gerade eine "Art vorgezogene Studentenzeit" erleben würden.

Für die nähere Zukunft wünscht sich Bernd Lamprecht, "dass es zu keinen wellenartigen Ereignissen mehr kommt in dieser Pandemie". Als Glücksbringer dafür dient ihm der Mostdipf. "Der bekommt einen Platz auf meinem Schreibtisch."

Bei jeder Viecherei dabei

Vincent Kriechmayr, doppelter Weltmeister und einfacher Mühlviertler.

Hermann Maier, Hannes Trinkl, Hans Pum und jetzt er: Vincent Kriechmayr ist erst der vierte Mann aus dem Skizirkus, der sich einen Mostdipf in seine Trophäensammlung stellen kann. Entsprechend ehrfurchtsvoll nahm der 29-jährige Mühlviertler den Preis im Foyer des Power Tower der Energie AG entgegen. Der Mostdipf ist bei ihm in den besten Händen. Nicht, weil Vincent Kriechmayr in dieser Saison als zweifacher Weltmeister und Gewinner der kleinen Kristallkugel für den Super-G-Weltcup endgültig zu den ganz Großen im Skizirkus aufgeschlossen hat, sondern weil bei ihm nicht nur der Ski läuft, sondern auch der Schmäh. Dass er sich als Modellathlet optisch vom wamperten Mostdipf deutlich abhebt, betrachtet Kriechmayr mit einem Augenzwinkern: "Wer weiß, wie ich ausschau, wenn ich einmal meine Karriere beende. Da kann es leicht sein, dass ich dem Mostdipf ähnlicher werde."

Bei jeder Viecherei dabei
Ungewöhnliche Siegerehrung: Kriechmayr – einmal ohne Sponsoren-Logos – und sein Mostdipf

So humorlos der Sohn eines Gramastettner Bauern auch ist, wenn es darum geht, in einem Rennen die Ideallinie und das richtige Material zu finden – wenn keine Stoppuhr mitläuft, ist Kriechmayr ein umgänglicher Typ, der gerne bei jeder Viecherei dabei ist. "Teamintern weiß man schon, dass ich ned selten einen guten Spruch raushauen kann", gibt er zu. Auch im Corona-Winter blieb im Speedteam des ÖSV die Gaudi nicht auf der Strecke – nicht zuletzt deshalb, weil dank Kriechmayr und dessen Teamkollegen Matthias Mayer auch die sportliche Ausbeute passte. Letzterer soll übrigens einen wichtigen Beitrag dazu geleistet haben, dass der Mühlviertler nach seinem Sieg bei der WM-Abfahrt in Cortina d‘Ampezzo am Abend beim Termin im ORF-Studio bei der Artikulation etwas aus der Spur geriet und mehrmals einfädelte. "Ich habe einen leichten Damenspitz gehabt, das will ich gar nicht leugnen", bekannte er am Tag danach. Die Menge Rotwein, die "Vinc" im Windschatten seines Teamkollegen "Mothl" vor dem Interview getankt hat, blieb ein Geheimnis.

Apropos Geheimnis: Wenn es um den Schutz seines Privatlebens geht, kennt der Skistar wenig Spaß. Seine Aktivitäten in den sozialen Medien hat er eingestellt, um Society-Termine macht er so gut es geht einen weiten Bogen. Journalisten haben längst aufgehört, Kriechmayr Fragen zu privaten Angelegenheiten zu stellen, weil sie wissen: Da beißen sie auf Mühlviertler Granit. Dass er mit der 25-jährigen steirischen Skirennläuferin Michaela Heider liiert ist und sein Basislager in Obertauern aufgeschlagen hat, weiß man inzwischen trotzdem.

Selbsterkenntnis im Kuhstall

Eine besondere Qualität, die Kriechmayr als Mostdipfpreisträger auszeichnet, ist seine Bodenständigkeit. Das Leben am elterlichen Bauernhof bei Gramastetten hat ihn geerdet. Vater Heinrich legte als Nebenerwerbsskilehrer die Basis für die sportliche Karriere, seine Mutter Gertrudis, eine Kunstgeschichte-Lehrerin aus Belgien, war dafür verantwortlich, dass sein Blick weit über den Gartenzaun beziehungsweise die Grundgrenzen hinausreicht. Zwillingsbruder Rafael kam nicht ins Power-Team, dafür übernimmt er den Bauernhof, Schwester Jacoba hat sich beim Skifahren von Konventionen beziehungsweise Torstangen verabschiedet und in der Freeride-Szene etabliert.

Die Familie ist nach wie vor eine wichtige Energiequelle des Doppel-Weltmeisters, der, wenn Zeit ist, gerne in der Landwirtschaft mithilft und dabei wichtige Erfahrungen sammelt. "Die Kühe im Stall haben deshalb auch nicht mehr Respekt vor mir", meinte er nach seinem ersten Weltmeister-Titel. Dem Mostdipf würde so viel Selbstironie sehr gut gefallen.

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