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1918

Staatsgründung mit Fehlstart

Von Roman Sandgruber   10. November 2018 00:05 Uhr

Staatsgründung mit Fehlstart
12. November 1918: Die Ausrufung der Republik „Deutsch-Österreich“ vor dem Parlament in Wien.

Der November 1918 war voller Tristesse. Die Erleichterung, dass das Gemetzel endlich vorbei war, konnte das Elend, das der Krieg mit sich gebracht hatte, nicht überdecken: nicht die vielen Toten, Verwundeten, Witwen und Waisen, nicht den Hunger, die Kälte, die Krankheiten und schon gar nicht die unendlichen seelischen und körperlichen Langzeitfolgen.

Die Habsburgermonarchie war zweifellos der Hauptverlierer des Ersten Weltkriegs. Anders als Deutschland war ihr großes, der heutigen Europäischen Union nicht unähnliches Wirtschaftsgebiet in eine Reihe von kleinen Volkswirtschaften zerrissen worden. Die Staatsgründung "Deutsch-Österreichs" war mit wenig Euphorie verknüpft. Es war eine Notlösung. Man gründete Österreich und proklamierte im selben Gesetz seine Auflösung durch einen Anschluss an Deutschland, der aber von den Siegermächten nicht genehmigt wurde.

Dass an eine Weiterführung der Habsburgermonarchie nicht mehr zu denken war, war auch den größten Optimisten klar geworden. Aber was sollte an ihre Stelle treten? Die vielen Nationalitäten, die in dem Reich vereint waren, hofften auf Nationalstaaten, die sich allerdings weder theoretisch noch praktisch verwirklichen ließen. Sowohl die am 28. Oktober 1918 ausgerufene neue tschechoslowakische Republik als auch das neue Königreich Jugoslawien wurden keine Nationalstaaten, sondern gestalteten sich zu multinationalen Territorialstaaten, die sich in ihren Nationalitätengegensätzen in nichts von der Habsburgermonarchie unterschieden, höchstens in ihrem Schielen nach stärker werdenden autoritären und diktatorischen Modellen. Ungarn war zwar zu einem Quasi-Nationalstaat geworden, doch lebte ein großer Teil der Ungarn außerhalb des neuen Staates.

Und Deutsch-Österreich sah seine nationale Heimat im großen Deutschland. Doch die Siegermächte wollten um keinen Preis, dass Deutschland aus dem Krieg größer als zuvor hervorgehen würde, wenn Österreich dazukäme. Das war auch der Grund, warum Deutschland 1918/19 keinen Anschluss Österreichs wollte, weil man befürchten musste, dass Frankreich als Kompensation das Rheinland fordern würde oder im Osten noch mehr deutsche Gebiete an Polen, die Tschechoslowakei oder die baltischen Staaten abgetreten werden müssten.

Staatsgründung mit Fehlstart
70 Millionen Soldaten kämpften im Ersten Weltkrieg, 21 Millionen wurden verletzt, 9,5 Millionen starben. Von den traumatischen Spätfolgen nicht zu reden. Zudem kamen 13 Millionen Zivilisten ums Leben.

Nur ein kleiner Rest

Österreich war anders als Deutschland wirklich nur ein kleiner Rest früherer Größe. Während das Deutsche Reich nur ein Achtel seines Gebietes und noch deutlich weniger seiner Wirtschaftskraft verloren hatte, war Österreich auf etwa ein Achtel der ursprünglichen Fläche und Bevölkerungszahl der Habsburgermonarchie reduziert. Dass eine derartige Zerschlagung eines großen Wirtschaftsraumes mit Einkommensverlusten verbunden war und dramatische Auswirkungen auf die Infrastruktur, den Handelsverkehr und den allgemeinen Lebensstandard haben musste, ist klar. Bei Österreich fehlte aber im Unterschied zur Tschechoslowakei oder zu Polen die Euphorie einer Befreiung und die Gewissheit einer Zukunftsstrategie.

Sogar bei Ungarn war der Verlust eines Großteils seines Territoriums durch das Gefühl von nunmehr völliger Unabhängigkeit von Österreich zumindest ein bisschen wettgemacht worden. An sich hätte Österreich aus der Masse der Habsburgermonarchie als der reichste Erbe hervorgehen müssen, wenn man das Pro-Kopf-Einkommen vor dem Krieg als Kriterium nimmt, das um 55 Prozent höher war als jenes der späteren Tschechoslowakei, fast doppelt so hoch wie jenes des späteren Ungarn oder Polen und fast dreimal so hoch wie jenes von Jugoslawien.

Österreich glänzte auch mit dem höchsten Bildungsniveau, dem besten Verwaltungsapparat, den meisten Universitätsprofessoren, mit mehreren Nobelpreisträgern und den glänzendsten kulturellen Kapazitäten. Und dennoch: Österreich konnte in der Zwischenkriegszeit nie mehr das BIP der Vorkriegszeit erreichen, während es in der Tschechoslowakei 1929 schon 50 Prozent über dem Vorkriegsniveau lag.

> Video: 1918 - Die Geburt der Republik - Kriegsende und Republiksgründung

 

Die Probleme der jungen Republik

Warum waren die Schwierigkeiten in Österreich so viel größer als im neuen nördlichen Nachbarstaat? Viele Gründe werden angeführt: dass die Tschechoslowakei mehr Steinkohle und bessere Ackerböden hatte, dass der neue Staat nach 1918 eher zu den Siegern als zu den Verlierern gerechnet wurde oder ihren neuen Nachbarn Österreich mit Kohle- und Lebensmittellieferungen schamlos erpresst habe. Vieles davon ist als haltlos entlarvt worden.

Wo sich die Tschechoslowakei in den ersten Nachkriegsjahren wirklich von Österreich unterschied, war ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik, die anders als in Österreich nicht in eine Hyperinflation führte, sondern die Investitionstätigkeit ankurbelte. In Österreich hingegen wurden durch die Geldentwertung und dem nach der Währungstrennung im Februar 1919 einsetzenden dramatischen Kursverlust der österreichischen Krone auf den internationalen Devisenmärkten Lebensmittel- und Kohleimporte sprunghaft teurer.

Dass die neue Republik weiter hungerte und fror, war nicht nur die Folge fehlender Inlandsproduktion oder gar tschechischer Erpressung, sondern auch das Resultat der sich dramatisch beschleunigenden Kronenabwertung. Lebensmittel- und Kohleimporte waren für Österreich einfach viel zu teuer geworden. Die Hyperinflation war kein unentrinnbares Schicksal, wie Otto Bauer und andere Regierungsvertreter es darzustellen versuchten. Sie war hausgemacht. Die Gründe waren vielfältig.

Währungsverfall der Krone

Die sozialpolitischen Reformen der sozialdemokratisch geführten Koalition zwischen 1918 und 1920 mit Achtstundentag, Arbeitslosenversicherung, bezahltem Urlaub und massiven Lebensmittel-Stützungen und Sozialhilfen waren als soziale Errungenschaften zwar wegweisend, belasteten zum damaligen Zeitpunkt die Staatskasse aber massiv. Zusätzlich lähmte die ab Jänner 1919 von Otto Bauer betriebene Idee einer Sozialisierung des Großgrundbesitzes, der Großbanken, der Großindustrie und der Wohnungswirtschaft die Investitionslust, auch wenn von den drei Sozialisierungsgesetzen dann kaum etwas umgesetzt wurde. Für die Finanzminister blieb nur der Ausweg auf die Notenpresse als einfachstes Instrument, überhaupt noch zu Geld zu kommen. Zunehmende Staatsverschuldung, Kapitalflucht, Investitionsverweigerung und die Spekulation gegen die Krone beschleunigten den Währungsverfall immer mehr.

Nicht von der Hand zu weisen ist, dass die Politik auch darauf spekulierte, mit dem Währungsverfall der Welt zu beweisen, dass Österreich nicht lebensfähig und nur durch einen Anschluss an Deutschland zu sanieren sei. Auch die Meinung von der Hyperinflation als dem Maschinengewehr, mit dem sich die Bourgeoisie totschießen lasse, mag für manche Sozialrevolutionäre handlungsleitend gewesen sein.

Nicht unwichtig war schließlich die Erwartung, mit der radikalen Entwertung der Krone die inländische Staatsschuld und die Kriegsanleihen auf einfachem Wege loswerden zu können. Die Anleihenzeichner wurden zwar stillschweigend enteignet, doch die Staatsschuld stieg, statt abzunehmen, immer weiter an, weil die Steuereinnahmen dramatisch hinter den immer rascher steigenden Staatsausgaben hinterherhinkten. Und die Erwartung, durch die Inflation zumindest eine Beseitigung der Arbeitslosigkeit und eine Ankurbelung des Wirtschaftswachstums erreichen zu können, erfüllte sich schon gar nicht. Durch die Inflation wurde die Entwurzelung des Kleinbürgertums und der Aufstieg eines unheilvollen Finanzabenteurertums möglich.

Nationalsozialistischer Terror

Eine nicht enden wollende Kette von Finanzkollapsen entzog dem produzierenden, durchaus produktiven Sektor die finanzielle Basis, begünstigte den Antisemitismus, führte zum Vertrauensverlust in die Demokratie und zur Förderung antidemokratischer Kräfte, die letztendlich in die Diktatur, den Verlust der Eigenstaatlichkeit und den nationalsozialistischen Terror führten. Österreich bekam 1945 eine zweite Chance, die von den Österreichern und von der Koalitionsregierung unter den Bundeskanzlern Figl und Raab genutzt wurde. Man hatte aus der Geschichte gelernt. Diese zweite "Stunde null" der Republikgeschichte wurde zum Startpunkt einer großen Erfolgsgeschichte, an der wir heute immer noch teilhaben.

Staatsgründung mit Fehlstart
12. März 1938: Hitler marschiert in Österreich ein. Am 15. März spricht er am Wiener Heldenplatz.

 

 

11. November 1918 – das Ende des „großen Kriegs“

Der Waffenstillstand von Compiègne (zwischen dem Deutschen Reich und den Westmächten Frankreich und Großbritannien) beendet den Ersten Weltkrieg. Kaiser Karl I. verzichtet zunächst auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften. Es folgen 20 Jahre voller Innovationen und Irritationen.

Vor dem Ende des 1. Weltkriegs: Die Ausgangslage

 

 

51,3 Millionen Menschen lebten im Vielvölkerstaat. Zum Territorium gehörten außerdem Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina sowie Teile von Rumänien, Montenegro, Polen, der Ukraine, Italien und Serbien.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg: Der Gebietsanspruch

 

 

10,4 Millionen Einwohner sollte die neue Republik „Deutsch-Österreich“, wäre es nach den Gründervätern gegangen, haben. Doch bei den Friedensverträgen von St. Germain kam es dann anders ...

 

  • September 1919: Der Friedensvertrag von St. Germain
    Die deutschsprachigen Gebiete des ehemaligen Vielvölkerstaates sollten dem am 30. Oktober gegründeten Staat (am 12. November erfolgte die Proklamation als Republik) „Deutsch-Österreich“ angehören. Ein Staatsgebiet, das für viele nur mit einem späteren Anschluss an Deutschland funktionierte. Beides wurde von den Alliierten untersagt, ebenso der Name „Deutsch-Österreich“. Einzig das heutige Burgenland wurde – obwohl nicht beansprucht – der jungen Republik zugesprochen. Staatskanzler Karl Renner musste mit den Bedingungen der Alliierten unterm Arm das Schloss in St.-Germain-en-Laye verlassen.
  • 1920: Eine neue Verfassung
    Österreich erhält eine Bundesverfassung. Auf diese können sich, obwohl zerstritten, die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten einigen. Einer der Väter dieser Verfassung, die in weiten Teilen heute noch Bestand hat, war der gebürtige Prager Hans Kelsen. Die Koalition zerbricht dennoch kurz darauf. Der Oberösterreicher Michael Mayr (Christlich-Soziale Partei, CS) wird nach den Neuwahlen Staatskanzler.
  • 1921: Das Burgenland
    Ungarn muss im Oktober das heutige Burgenland an Österreich abtreten. Als Hauptstadt wäre Ödenburg (Sopron) vorgesehen gewesen, eine Abstimmung endete jedoch für den Verbleib bei Ungarn. Schon im Juni wurde der gebürtige Perger Johannes Schober (CS) Bundeskanzler.
  • 1922: Kaiser Karl I. stirbt
    Der nach dem Krieg und seiner Abdankung nicht untätig gewesene Kaiser Karl I. (er wollte die Macht zurückhaben und konzentrierte sich vor allem auf Ungarn) stirbt am 1. April an den Folgen einer Lungenentzündung im Exil auf Madeira.
  • 1925: eine neue Währung
    Österreich führt eine neue Währung ein, den Schilling. Indes veröffentlicht in Deutschland Adolf Hitler das Buch „Mein Kampf“, das er während seiner Haft nach seinem Putschversuch (1923) geschrieben hatte.
  • 1929: Börsencrash
    Mit dem Börsencrash von New York beginnt die Weltwirtschaftskrise.
  • 1933: Hitler am Ziel
    Am 30. Jänner wird Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, die Nationalsozialisten in Linz feiern mit Fackelzügen. In der Folge werden im ganzen Land Ortsgruppen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) gegründet, bis die Partei im Juni in Österreich verboten wird.
  • 1934: Der Bürgerkrieg
    Februarkämpfe in Linz: Nachdem am Tag davor der sozialdemokratische Schutzbundführer Richard Bernaschek seinen Widerstand gegen weitere Hausdurchsuchungen angekündigt hatte, durchsucht am 12. Februar die Polizei die Parteizentrale der Sozialdemokraten, das Hotel Schiff. Es fallen Schüsse. Bei den rasch niedergeschlagenen Aufständen sterben allein in Oberösterreich rund 60 Menschen. Dollfuß verbietet die Sozialdemokratie und verkündet am 1. Mai den Ständestaat. Bei einem nationalsozialistischen Putschversuch am 25. Juli wird Dollfuß tödlich verwundet. Kurt Schuschnigg wird Kanzler.
  • 1936: Souveränität
    Im „Juliabkommen“ erkennt die deutsche Regierung die Souveränität Österreichs an und hebt die Tausendmarksperre auf – Deutsche, die nach Österreich reisen wollten, hatten seit 1933 tausend Mark zu bezahlen (entspricht einer Kaufkraft von 4300 Euro).
  • 1937: Hitlers Plan
    Am 5. November erklärt Hitler im so genannten „Hoßbach-Protokoll“ seine Absicht, Österreich und die Tschechoslowakei einnehmen zu wollen.
  • 1938: Anschluss und der 2. Weltkrieg
    Kanzler Kurt Schuschnigg kündigt am 9. März eine Volksbefragung über die Selbständigkeit Österreichs an – Hitler fordert umgehend deren Absage. Am 11. März muss Schuschnigg darauf unter Druck aus Berlin zurücktreten. In seiner Radioansprache bittet er: „Gott schütze Österreich!“. Arthur Seyß-Inquart wird Kanzler. Am 12. März marschieren deutsche Divisionen in Österreich ein. Bei der „Volksabstimmung“ am 10. April stimmen die Österreicher für den Anschluss an Deutschland. Mit dem Angriff auf Polen beginnt ein Jahr später, am 1. September 1939, der Zweite Weltkrieg.

 

 

 

 

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