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1918

Als aus "Österreich ob der Enns" Oberösterreich wurde

Von Markus Staudinger   02. November 2018 00:04 Uhr

Als aus "Österreich ob der Enns" Oberösterreich wurde
1.11.1918: Bis zu 30.000 Menschen auf dem Linzer Hauptplatz

"Deutsch-Österreich" hat sich gegründet: In Linz findet eine große Kundgebung statt, der kaiserliche Statthalter zieht sich zurück

Vorab fuhr der Arbeiterradfahrerbund, gefolgt von Spitzen der Sozialdemokratie im Land. Präsent waren auch Vertreter der Christlich-Sozialen Partei, der bürgerliche Mittelstandsverein, der Sängerbund Frohsinn und Abgeordnete des deutschnationalen "Deutschen Volksbunds".

Gemeinsam hatten die drei großen politischen Lager in Linz für den 1. November 1918 zu einer Kundgebung aufgerufen. Anlass war die zwei Tage zuvor in Wien erfolgte Gründung "Deutsch-Österreichs" – jenes Teils der zerfallenden Donaumonarchie, der von einer deutschsprachigen Bevölkerung besiedelt war und der, so die später enttäuschte Hoffnung der Gründer, auch die deutschsprachigen Gebiete in Böhmen, Mähren und Schlesien umfassen sollte. Noch ist offen, ob der Staat Monarchie bleiben soll oder Republik wird (diese wird offiziell am 12. November ausgerufen).

"Freie Bürger und Bürgerinnen, deutsche Offiziere und Soldaten des freien Oesterreich! Versammelt Euch morgen, den 1. November, ½ 11 Uhr vormittags auf den Südbahnhofgründen", hatten der Sozialdemokrat Josef Dametz (er wird 1919 Bürgermeister von Linz), der Christdemokrat Georg Pischitz und der Deutschnationale Franz Langoth (er wird 1944 als Nationalsozialist Linzer Bürgermeister) in den Zeitungen appelliert.

"Hoch der Friede"

Die Kundgebung setzt sich in Gang. Ziel ist der Linzer Hauptplatz, damals Franz-Josephs-Platz. Das Wetter ist – typisch November – regnerisch-nass. Dennoch zählen Beobachter bis zu 30.000 Teilnehmer, die am Hauptplatz den vom Rathausbalkon gehaltenen Reden von Dametz, Pischitz und Langoth lauschen. Auf den Tafeln, die die Kundgebungsteilnehmer bei sich tragen, steht unter anderem "Hoch der Friede", "Her mit dem Frauenwahlrecht" und "Fort mit dem Militarismus".

Euphorie ist keine zu spüren. Das lassen die Umstände (Nahrungsmangel, Sicherheitsprobleme etc.) nicht zu. Die Menge an Leuten verleiht der Kundgebung aber Staatstragendes.

Gänzlich ohne Pomp und Zeremonie verläuft tags darauf, am 2. November 1918, ein Ereignis mit landesgeschichtlicher Tragweite: Der kaiserliche Statthalter Erasmus von Handel übergibt die Amtsgeschäfte an den christlich-sozialen Landeshauptmann Johann Nepomuk Hauser. Hauser bildet eine provisorische Landesregierung, seine Stellvertreter sind Josef Gruber (SP), Max Mayr (CS) und Franz Langoth (Volksbund). Die Rolle des Landeshauptmanns entspricht nun mehr dem heutigen Verständnis.

Vom Tor der Statthalterei wird in aller Stille der Kaiseradler abgenommen, die Militärbehorden streichen das "k. u. k.". Und als Landesbezeichnung setzt sich auch amtlich "Oberösterreich" durch. Im allgemeinen Sprachgebrauch war das längst die gängige Bezeichnung, nun verschwindet das bisherige, erzherzögliche "Österreich ob der Enns" auch aus Amtsdokumenten. Fortan ist nur noch von Oberösterreich die Rede. Auch dies ist ein Neubeginn.

 

1./2. November 1918

Friedrich Adler wird amnestiert und aus der Haft entlassen – der SP-Politiker und Sohn von Victor Adler hatte 1916 den österreichischen Ministerpräsidenten Karl Stürgkh erschossen.

 

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