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Wieder Massenproteste im Osten von Saudi-Arabien

Nach der Verhaftung ihres geistlichen Führers gehen die saudischen Schiiten auf die Strassen.

Bild: Reuters

In der ost-saudischen Stadt Qatif sind in der Nacht zum Mittwoch mehr als 20 000 Schiiten auf die Strassen gegangen, um einen am Vortag von der Polizei erschossenen Oppositionsaktivisten zu Grabe zu tragen. In Sprechchören forderten die Demonstranten des Rücktritt des Provinzgouverneurs, eine Verfassung, die es in Saudi-Arabien nicht gibt, sowie ein frei gewähltes Regionalparlament. Auf einigen Spruchbändern wurde sogar die Unabhängigkeit der ölreichen Region um Qatif verlangt, die nur 50 Kilometer von Bahrain entfernt liegt.

Ausgelöst wurden die Massenproteste durch die Verhaftung des schiitischen Geistlichen und Oppositionsaktivten Scheich Nimr al-Nimr am letzten Samstag. Nachdem Bilder des blutüberströmten Ayatollah im Internet veröffentlicht wurden, kam in Qatif und der Ortschaft Awamiya zu schweren Zusammenstössen zwischen saudischen Sicherheitskräften und aufgebrachten Aktivisten. Mindestens zwei Demonstranten wurden erschossen und Dutzende verletzt. Die wegen der grossen Hitze ausschliesslich in der Nacht veranstalteten Proteste hielten auch in der folgenden Tagen an. Beobachter beschreiben sie als die heftigsten seit November 2011, als im Osten von Saudi-Arabien sechs Menschen ums Leben kamen.

Die nun erneut ausgebrochenen Unruhen kamen für westliche Diplomaten in Dubai überraschend. Irritiert rätseln sie über die Beweggründe für die Verhaftung von Scheich Nimr, der in seinen Predigten die saudische Regierung zwar scharf kritisierte, dennoch aber einen mässigenden Einfluss auf seine Glaubensgemeinschaft ausübte. Mit seiner Festnahme sei die „eingeschlafene Protestbewegung völlig unnötig wiedererweckt worden“. Es müsse nun damit gerechnet werden, dass auch die schiitische Bevölkerungsmehrheit im nahen Bahrain wieder auf die Strassen geht.

Wie in dem Inselkönigreich fühlen sich auch die saudischen Schiiten, die etwa 15 Prozent der rund 20 Millionen Einwohner ausmachen, als Menschen zweiter Klasse und in ihrem Glauben diskriminiert. In den ostsaudischen Millionenstädten Damman und Al Khobar gibt es nur eine schiitische Moschee. Das Gotteshaus wird von salafistischen Predigern als Treffpunkt von Ketzern gebrandmarkt. Saudische Staatspropagandisten werfen der schiitischen Bevölkerungsminderheit zudem vor, Weisungen aus dem schiitischen Iran zu folgen. Man habe Hinweise, dass „eine fremde Macht mit dreisten Aktionen“ den Osten Saudi-Arabien destabilisieren wolle, hiess es während der Unruhen im November. Tatsächlich berichten die iranischen Medien in diesen Tagen ausführlich über die schiitischen Proteste im Nachbarland. Es hagelt nur so an Anklagen und Vorwürfen gegen die saudische Königsfamilie. Dem seit Jahrzehnten anhaltenden Konflikt mit den Schiiten könnte Riad aber an Schärfe nehmen, wenn der Ölreichtum in Saudi-Arabien etwas gerechter verteilt würde. Dafür gibt es aber keine Anzeichen. Schon aus ideologischen Gründen werden die herrschenden Wahabiten ihre schiitischen Mitbürger niemals als gleichwertig betrachten. Weitere Proteste sind damit vorprogrammiert. 

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Artikel Michael Wrase 11. Juli 2012 - 19:26 Uhr
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