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Das Ösi-Phänomen. Was die Österreicher so erfolgreich macht, Judith Grohmann

Was macht die Österreicher so erfolgreich? Warum gelten wir für die deutschen Nachbarn als löbliches Vorbild? Im Buch "Das Ösi-Phänomen" ist Judith Grohmann unserem Charme auf der Spur.

Belächelt wurden wir in unserer Alpenrepublik. Jahrzehntelang war die Bundesrepublik Deutschland der Fixpunkt, an dem sich die Österreicher vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht orientierten. Für Österreicher, die ins Ausland gingen, war das deutsche Nachbarland Anlaufstelle Nummer eins.

Nun scheint das Imperium zurückzuschlagen. Die Verhältnisse haben kurzerhand Platz getauscht. Österreich ist auf der Überholspur und gilt den Deutschen mittlerweile als Vorbild.

Das Geheimnis

"Ständig werde ich gefragt, was nun das Geheimnis der Österreicher sei", sagt Judith Grohmann, Autorin des Buches "Das Ösi-Phänomen" und Korrespondentin einer Bayerischen Tageszeitung in Wien. "In den vergangenen Monaten tauchten in deutschen Medien immer wieder Artikel über Österreich als 'das bessere Deutschland' auf", sagt Grohmann im Gespräch mit den OÖN. Für sie war das der Anlass, sich mit dem "Ösi-Phänomen" auseinanderzusetzen. "An der Idee, ein Buch zu diesem Thema auf den Markt zu bringen, waren sechs Verlage aus Österreich und Deutschland interessiert."

Tapst man dabei nicht rasch in die Klischee-Falle des gemütlichen, charmanten, aber dennoch ehrgeizigen Österreichers? "Die Gefahr besteht natürlich, da in dieser Diskussion immer alle über einen Kamm geschoren werden", sagt Grohmann. "Darum habe ich mich bemüht, verschiedene Bereiche aufzuzeigen. Ich möchte keinesfalls kategorisieren oder in Schubladen einteilen."

Sie nimmt die Politik und die Wirtschaft der beiden Länder mit genauen Zahlen unter die Lupe und lässt keinen Politiker zu Wort kommen. "Daher kann ich reinen Gewissens sagen, dass mein Buch in keiner Hinsicht gefärbt ist".

Auf Umwegen zum Ziel

Grohmann betrachtet mit viel Schmunzeln die heimische Mentalität und Titelsucht. "Wir sind in Deutschland bekannt dafür, flexibler zu denken. Wir leisten es uns, die Ziellinie oft über Umwege zu erreichen", sagt die Autorin. "Außerdem haben die Österreicher beim Netzwerken die Nase vorne, da ihnen das 'G'schaftlhubern' liegt. Sie nehmen ihre Kontakte ernster, pflegen sie besser mit Charme und Verve als die Deutschen."

Durchaus kritisch geht sie zur Sache, wenn sie an den Skandal um die EU-Plakate denkt. "In Frankreich hätte man gesagt: 'Tolle Körper!', in Deutschland: 'Igitt!', und in Großbritannien hätte es geheißen: 'The Queen is shocked!'. Bei uns sagt der Kanzler, er habe nichts davon gewusst", sagt Grohmann: "Etwas unter den Tisch zu kehren - auch das ist typisch Österreichisch."

"Architekt des Fernsehens"

Etwa 189.000 Österreicher leben derzeit laut Grohmann in Deutschland. "Unter den führenden Köpfen im Medienbereich finden sich etliche Österreicher, ebenso im Verlagsgeschäft, im IT-, Multimedia- und Design-Bereich, in Kunst und Kultur, der Wirtschaft und - ganz besonders und immer wieder - in der Hotellerie und der Gastronomie."

Sieben im Buch porträtierte erfolgreiche Auslandsösterreicher machen sich Gedanken zum "Ösi-Phänomen". Einer davon ist Gerhard Zeiler, ehemals ORF-Intendant, der in Deutschland den inoffiziellen Titel "Architekt des Fernsehens" trägt.

Improvisation gefragt

Der gebürtige Wiener managt heute mit der RTL-Group Europas erfolgreichsten Privatsender und sitzt außerdem im Vorstand der mächtigen Bertelsmann-Gruppe. "Da in der Regel in Österreich weniger Geld vorhanden ist als in Deutschland, sind die Strukturen flacher und Flexibilität und Improvisationsfähigkeit stärker ausgeprägt", so Medienmann Zeiler im Buch.

Die Starköchin

Sie ist Restaurantbesitzerin, Buchautorin und Eigentümerin der Sarah Wiener GmbH in Berlin. "Die Tochter des legendären Wiener Exil-Schriftstellers Oswald Wiener, hat sich in Berlin im wahrsten Sinne des Wortes eingekocht", schreibt Grohmann.

Die heutige Starköchin sagt selbst, dass sie den Weg des geringsten Widerstands ging, als sie mit 17 Jahren, ohne Schulabschluss, zu ihrem Vater nach Deutschland zog. Nach ihrem "Bohemienleben" hat sie sich hochgearbeitet zur Chefin über mittlerweile 100 Mitarbeiter.

"Die Deutschen haben die Tendenz, Menschen mit offenen Armen zu empfangen. Sie mögen Österreich, weil es ein berühmtes, sympathisches und schönes Tourismusland ist", wird Sarah Wiener zitiert. Auf die Frage, was Österreicher besser können als die Deutschen, sagt sie, fast erwartungsgemäß: "Topfenknödel, Tafelspitz und Wiener Schnitzel".

Vielseitige Autorin

Quirlig und wissbegierig: Das sind die Eigenschaften, wenn Kollegen etwas über Judith Grohmann sagen sollen. Die Autorin des Buches "Das Ösi-Phänomen" absolvierte das ehrwürdige Lycée Français in Wien und begann ihre journalistische Karriere direkt nach der Matura als Volontärin beim Nachrichtenmagazin "profil" und beim Wirtschaftsmagazin "trend".

Daneben studierte sie Publizistik und Japanologie. Nach Abschluss war sie für mehrere österreichische Tageszeitungen sowie für in- und ausländische Magazine tätig. Seit 2003 ist sie Österreich-Korrespondentin der Tageszeitung "Münchner Merkur". Im Zuge des Pendelns zwischen Österreich und Deutschland entstand die Idee zu ihrem ersten Buch.

Grohmann lebt derzeit in Wien, ist liiert und - "bis jetzt!" - kinderlos. Das nächste "Baby" ist aber bereits in Arbeit: In ihrem zweiten Buch wird sich Grohmann vorwiegend Deutschland widmen.

Buch: Judith Grohmann "Das Ösi-Phänomen -Was die Österrreicher so erfolgreich macht". Molden Verlag Wien, 19,90 Euro. Grohmann
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Artikel 25. März 2006 - 00:00 Uhr
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