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"Ich bin gerne ein Spießer"

Ein Erfolgsautor kämpft gegen den Niedergang der deutschen Sprache und für eine Renaissance guten Benehmens.

"Ich bin gerne ein Spießer"

Andreas Hock: "Wenn wir kurz innehalten und uns alle zwingen, uns in der Kommunikation wieder mehr Mühe zu geben, dann ist noch nicht alles verloren." () Bild: Grundmann

Er schreibt über die Nischenthemen "Niedergang der deutschen Sprache" und "Die Leute wissen sich nicht mehr zu benehmen" und landet dennoch auf den Bestsellerlisten. Wahrscheinlich, weil er die Sache mit Humor nimmt. Andreas Hock im Gespräch mit Klaus Buttinger.

OÖN: Sie konstatieren eine linguistische Verwahrlosung im Deutschen, woran liegt das hauptsächlich?

Andreas Hock: Eine der Hauptursachen ist unsere moderne Kommunikation. Wir verlernen, miteinander zu sprechen, wir smsen, twittern und tauschen uns über WhatsApp aus. Das zwingt zu einer radikalen Verknappung. Dabei geht auch die Grammatik den Bach hinunter, weil wir uns keine vollständigen Sätze mehr zurufen, sondern nur noch Satzfetzen. Weiters nerven mich die ganzen Anglizismen, die auf uns einprasseln, sei es aus der Werbung oder der Industrie, weil man meint, der Globalisierung dadurch Rechnung tragen zu müssen, immer internationaler zu werden. Ich glaube, viele Begriffe, die wir in unsere Sprache importieren, brauchen wir nicht. Wir können das mit unseren deutschen Wörtern sehr viel schöner und treffender ausdrücken. Eine dritte Ursache ist wohl die Gedankenlosigkeit. Wir haben verloren, uns kritisch mit unserer Sprache auseinanderzusetzen.

Mich erinnert Ihre Kritik an jene, die jede Jugend hört. Ich weiß noch, dass der Weltuntergang befürchtet wurde, als die ersten Comics "rumms-päng" auftauchten. Überreagieren Sie hier?

Das wird sich herausstellen. Sprache entwickelt sich, und unsere Elterngeneration hat auch anders gesprochen als wir. Ich befürchte nur, dass der orthografische und grammatikalische Anarchismus, der aufgrund der genannten Kommunikationsformen in unsere Sprache eingekehrt ist, kaum mehr umkehrbar ist. Früher hat man die Schriftsprache beherrscht und sich vielleicht das eine oder andere Mal anders ausgedrückt, um sich von der vorherigen Generation abzusetzen, aber man konnte noch richtig schreiben, man wusste, dass zu einem vollständigen Satz Subjekt, Prädikat und Objekt gehören. Da geht viel verloren, weil viele junge Leute nicht mehr wissen, wie man sich richtigerweise ausdrückt, egal ob schriftlich oder verbal.

Versagt da die Schule?

Die Schule ist nicht an allem schuld. Wer zu Hause beim Frühstückstisch schon mit dem Smartphone sitzt, Facebook durchscrollt und sich nicht mehr mit den Kindern unterhält, hat kein Recht darauf, alles auf die Schule abzuschieben. Es ist aber auch so, dass ich bei Durchsicht der Lehrpläne auf viel altbackene Literatur gestoßen bin, die einen jungen Menschen heute eher nicht mehr erreicht. Man müsste zwingend Lust auf das Lesen machen und so die Lust an der Sprache wecken. Da wird in den Schulen tatsächlich zu wenig getan. Viele Deutschlehrpläne müssten durchgelüftet werden, müssten undogmatischer erstellt werden. Zeitgenössische Literatur, die vielleicht nicht den Ansprüchen eines Kulturministers genügt, die aber durch den Erfolg beweist, dass sie von Menschen gerne gelesen wird – sei es Harry Potter oder die Twilight Saga –: wenn so etwas in der Schule zumindest mit angeboten würde, wäre das ein Anfang. Denn wenn ich Kindern Lust aufs Lesen mache, dann bin ich einen großen Schritt weiter.

Braucht es eine Eindeutschungsaktion für Anglizismen?

Wir brauchen zumindest ein Bewusstsein für die Problematik. Vorschläge, die von Staats wegen kommen, werden von den Menschen ignoriert, wie man an einem Gesetz in Frankreich gesehen hat, das vor 20 Jahren hohe Wellen geschlagen hat. Wenn von oben herab etwas oktroyiert wird, halten sich die Menschen nicht daran. Das Bewusstsein, dass viele Anglizismen, die wir in unserer Sprache längst als selbstverständlich erachten, ein völliger Blödsinn sind, muss von uns selbst entwickelt werden. Da eine breite Bewegung loszutreten, wäre sinnvoller, als irgendwelche Gesetze zu entwerfen.

Sehen Sie die deutsche Sprache generell als bedroht?

Die gute deutsche Sprache sehe ich als bedroht. Die deutsche Sprache an sich wird natürlich weiterbestehen. Aber ich mache mir große Sorgen, dass wir in zwanzig, dreißig Jahren vielleicht an einem Punkt angelangt sind, an dem eine ganze Generation orthografisch verloren ist, weil sie ihrerseits in die Pflicht genommen würde, Kinder großzuziehen und auch zur Sprache zu erziehen, das aber gar nicht kann. Das wäre fatal, und wir sind auf dem ersten Weg dorthin.

Nennen Sie uns ein Beispiel?

Wenn Sie in der Bim zuhören, wie sich junge Leute unterhalten, auch deutsche Kinder, die sich oft viel weniger Mühe geben als ausländische, wissen die gar nicht, was sie falsch machen. "Gehst du Kino" oder "fährst du Auto", – dass da Präpositionen fehlen und ganze Satzteile gar nicht mehr vorhanden sind, fällt ihnen nicht mehr auf.

In einem Ihrer aktuellen Bücher geht es um das gute Benehmen. Hier kommen Sie zu einem ähnlich desaströsen Befund wie bei der Sprache ...

Ich glaube, dass da ein sehr enger Zusammenhang besteht, weil der mangelnde Respekt unserer Sprache gegenüber vielleicht auch Türöffner ist zu einem mangelnden Respekt gegenüber Mitmenschen. Ich glaube, dass viele Werte verloren gegangen und viele Tugenden der Vergangenheit in Vergessenheit geraten sind, etwa dass man Rücksicht gegenüber anderen nimmt, dass man sich nicht selbst in den Mittelpunkt seines Handelns stellt. Früher war es selbstverständlich, dass man in der Straßenbahn aufstand, wenn ein älterer Mensch hereinkam. Es wird über alle Schichten und Altersklassen hinweg kaum noch "bitte" oder "danke" gesagt, wenn jemand etwas im Lokal oder im Geschäft bestellt. So etwas ärgert mich, weil ich finde, es gehört zum Benehmen dazu, dass man den Mitmenschen den gleichen Respekt entgegenbringt, den man für sich selbst gerne in Anspruch nähme. Da ist einiges im Argen.

Ist der steigende Egoismus in unserer Gesellschaft eine Ursache dafür?

Egoismus ist eine der Hauptursachen, ich glaube aber auch, dass wir immer oberflächlicher werden in unseren Betrachtungsweisen, was Kontakte und Freundschaften betrifft. Jeder durchschnittliche Facebook-Nutzer hat 342 "Freunde" in seinem Profil. Allein der Begriff führt völlig in die Irre. Freunde sind die Handvoll Menschen, auf die man sich ein Leben lang verlassen kann im Idealfall. Wenn ich einen Freundesbegriff derart aufweiche, darf ich mich nicht wundern, wenn auch andere Umgangsformen immer oberflächlicher werden. Je weniger wir uns mit dem Gegenüber befassen, je weniger wir uns Zeit nehmen, richtig miteinander zu sprechen und sich die Sorgen und Nöte des anderen anzuhören, desto mehr entfernen wir uns von einem Miteinander.

Welche Strategie empfehlen Sie, um diese Entwicklungen zu bremsen oder umzukehren?

Ich habe für mich beschlossen, mich sozialen Medien vollkommen zu entziehen. Ich treffe mich lieber mit den wenigen Freunden, die ich habe, und wir plaudern beim Bierchen darüber, was uns beschäftigt. Wenn man sich darauf besinnt, wer die wirklichen Freunde sind, kann man sich darauf verlassen, dass man auch etwas zurückbekommt. Gesellschaftlich gesehen sind viele Entwicklungen im Gange, die man nicht mehr umkehren kann, weil sie einfach zum heutigen Leben, zum Zeitgeist, dazugehören. Man wird sich soziale Netzwerke nicht mehr wegdenken können.

Was antworten Sie Kritikern, die meinen, der Hock sei hoffnungslos retro?

Ich höre oft, ich sei retro und spießig, weil ich mit 42 Jahren solche Bücher veröffentliche. Das bin ich gerne. Ich bin glücklich damit, nicht bei Facebook zu sein und von mir behaupten zu können: Wenn ich eine E-Mail schreibe, bemühe ich mich zumindest, meinem Gegenüber einen vollständigen Text mit möglichst wenig Rechtschreibfehlern zu senden. Das empfinde ich als Respekt vor dem anderen, und insofern bin ich mit mir vollkommen im Reinen.

 

Zur Person

Andreas Hock (42) ist Journalist (ehem. Chefredakteur der Nürnberger Abendzeitung) und Bestsellerautor. Fünf Jahre lang war er Öffentlichkeitsarbeiter für die CSU. Mit seinen Büchern landet der seit 2012 als freier Schriftsteller tätige Bestseller, u. a. mit den Titeln:
„Like mich am Arsch – wie unsere Gesellschaft durch Smart-phones, Computerspiele und soziale Medien vereinsamt und verblödet“
„Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? – Über den Niedergang unserer Sprache“
„Ich verbitte mir diesen Ton, Sie Arschloch! – Über den Niedergang unserer Umgangsformen“, alle erschienen im Riva-Verlag

 

Symptome

Beamtendeutsch: „Der Tod stellt ... die stärkste Form der Dienstunfähigkeit dar.“
Politikerdeutsch: „Eine Arbeitsgruppe sucht tragfähige Lösungen für Stabilität.“
Managementdeutsch: „Low performende Facility Manager outsourcen.“
Handydeutsch: Oida, gemma Döna mit scharf? CU?

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Artikel 04. März 2017 - 00:04 Uhr
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