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Reisen

"Emerald City" im Schatten des Vulkans

Von Klaus Huber   15. Dezember 2018 15:00 Uhr

"Emerald City" im Schatten des Vulkans
Blick aus dem Glasgarten des Künstlers Dale Chihuly zur Space Needle, die seit der Weltausstellung 1962 die Skyline der nördlichsten Großstadt der USA prägt.

Ein weiser Häuptling, ein Markt, auf dem die frischen Fische fliegen, eine Weltraumnadel und gläserne Gärten – Klaus Huber ließ sich von der Faszination Seattles packen.

Eiiiiiiiiiiii – jaaaaaa!" Wo dieser Schrei mark- und markterschütternd durch die Halle tönt, laufen die Kunden zusammen. So einfach ist erfolgreiche Werbung, wenn man’s kann. Höher und lauter schwillt das "Eiiiiiiiiiiii" an – ein Fisch, gut einen halben Meter lang, segelt über die Kunden hinweg, um beim triumphalen "Jaaaaaaa!" von geschickt zupackenden Händen gefangen zu werden. Ein zweites Mal fliegt das glitschige Tier, erst heute früh im Nordpazifik gefangen, durch die Halle des "Pike Place Market", und nochmals hin und her. Dann landet es in Packpapier, wird blitzschnell eingewickelt und verkauft.

Während ein paar Meter daneben ein Obdachloser mit Gitarre und Mundharmonika nach Cents und Dollars fischt, darf eine Kundin versuchen, den nächsten fliegenden Fisch aus der Luft zu pflücken. Sie hat ihn vorher bezahlt, also ist’s kein Problem, dass er ihr entkommt und zwischen vielen Marktbesuchern über den Boden dahinsaust. Zurück zum Meer…?

Wir sind in einer der lebenswertesten, interessantesten Städte der Welt, wie die Reise-Experten von "Lonely Planet" heuer erhoben haben: Seattle im äußersten Nordwesten der USA (Bundesstaat Washington), zwar eine Großstadt mit 700.000 Einwohnern, jedoch durch viele Hügel und Wasserflächen stark gegliedert und deshalb mit charmantem Flair.

Seattle profitiert von der herrlichen Lage zwischen dem Binnensee Lake Washington (mit 88 km² knapp doppelt so groß wie der Attersee) und dem 150 km langen, inselreichen Meeresarm Puget Sound, in dem sich Wale, Seelöwen, Seeotter und Orcas tummeln. Dazu kommen ein riesiger Fischreichtum und zahllose Meeresvögel vom Papageientaucher bis zum Weißkopfseeadler, dem Wappenvogel der USA – diese Region ist ein Lieblingsziel für Naturliebhaber aus aller Herren Länder.

"Emerald City" im Schatten des Vulkans
Nur 87 Kilometer entfernt: der 4392 Meter hohe Mount Rainier

Wie ein ständig aufmerksamer Wächter schaut der schneebedeckte Mount Rainier herüber, besser: herunter. Denn er ist nur 87 km von Seattle entfernt, kaum weiter als der Traunstein von Linz, jedoch zweieinhalb Mal so hoch! Der 4392-Meter-Riese, ein "schlafender Vulkan", ist vor 175 Jahren zum bisher letzten Mal ausgebrochen.

Zu seinen Füßen wurde 1869 die Pionierstadt Seattle gegründet. Ihren Namen verdankt sie dem Häuptling zweier Ureinwohnerstämme, der Suquamish und der Duwamish: Chief Noah Seattle (1786–1866). Als charismatischer, redegewandter indianischer Anführer versuchte er, Konflikte mit den ins Land strömenden Europäern am Verhandlungstisch zu lösen, statt sein Volk in bewaffnete Auseinandersetzungen zu führen. Beschwörend soll er ausgerufen haben: "Jeder Teil dieses Landes ist meinem Volk heilig!" Dennoch verfolgte er, um Blutvergießen zu vermeiden, eine Strategie der Anpassung an die weißen Siedler.

"Emerald City" im Schatten des Vulkans
"Der große Geist ist der Gott aller Menschen, des roten und des weißen Mannes. Dem großen Geist ist diese Erde kostbar. Die Erde zu verletzen heißt, Gott zu verachten.“ Häuptling Seattle

Eine steile Stadt

Heute führen aus Seattles Zentrum steile Straßen schnurstracks zum Meer hinunter, zu einem riesigen Freizeitpark, einem großen Meeresaquarium, herrlichen Uferpromenaden und Restaurants. Nach vergnüglichen Stunden an der Seafront nutzen viele müde Nachtschwärmer den Personenlift vom Hafenviertel hinauf zur "oberen" Altstadt. Dabei wäre der Heimweg zu Fuß wahrhaft ernüchternd in dieser hügeligen Stadt.

Sie trägt übrigens die Beinamen "Emerald City" (Smaragdstadt, viel Grün, große Wälder im Stadtgebiet) und "Rain City" (Regenstadt, obwohl freundliche Statistiken diesem Vorurteil widersprechen). Einheimische nennen Seattle auch "Jet City", eine Anspielung auf die nur 50 km nördlich gelegenen, riesigen Boeing-Flugzeugwerke, wo rund 30.000 Menschen Arbeit finden.

Wer zu Boeing in der nördlichen Nachbarstadt Everett fährt, kommt am Woodland Park Zoo vorbei. Ein Juwel! Mehrere Tierarten – etwa Giraffen, Zebras, Nashörner, Flusspferde – leben hier auf riesigen Freiflächen zusammen. Das fast 400.000 m² große Areal umfasst mehrere bioklimatische Zonen, so dass die Tiere eine möglichst naturgetreue Umgebung vorfinden, von Wüste und Savanne bis zum Regenwald. Weltweit gefährdeten Tieren gilt besondere Zuwendung. Die Besucher wählen ihre Lieblinge nach anderen Kriterien aus, gebannt halten sie Ausschau nach dem Leoparden beim Wasserfall, den weißen Wölfen im dichten Wald. Wenn schließlich ein riesiger Grizzly aus seiner Höhle trottet und sich keinen Deut ums Publikum schert, macht das Abenteuer kurz Pause – bis der Grizzly kurz innehält, um den Menschen mit einem Blick von Aug zu Aug auf das zu reduzieren, wie er sich plötzlich fühlt: armselig klein, wehrlos, ängstlich.

Das von Menschen aus aller Welt geschätzte besondere Lebensgefühl in Seattle ist der herrlichen Natur, dem freundlichen Stadtbild und einem Fremden gegenüber sehr offenen Menschenschlag zu verdanken. Und Details wie dem 1907 eröffneten "Pike Place Market", wo die frischen Fische fliegen. Dieses enge Gewirr aus kleinen Geschäften Hunderter Händler, Fischer, bäuerlicher Direktvermarkter, Künstler und Kunsthandwerker zieht jährlich mehr als 10 Millionen Besucher an. Einheimische decken sich mit Spezialitäten ein – Eierschwammerl und Trüffel aus dem Hinterland, Königskrabben und riesige Hummer täglich fangfrisch aus dem Puget Sound. Eine indianische Künstlerin werkt in der Geruchswolke von Fisch-, Obst- und Parfumstandln. Der Buchhändler liest selbst mehr, als sich um potenzielle Kunden zu bemühen, und zwei Bücher stammen aus seiner Feder. Kreativität thront über Geschäftemacherei. Pike Place ist ein kleines Universum, verdichtet hinter der Fassade eines Marktes.

Im Untergrund

Seattle ist riesig und dabei so gemütlich, dass uns die Uferlosigkeit dieses städtischen Ungetüms nicht bewusst wird. Stressfreie Autofahrer und Fußgänger teilen sich die Verkehrsflächen, eine Kindergärtnerin schiebt ein Wagerl, auf dem sechs Kleine angeschnallt sitzen, fröhlich summend durch die Stadt, der Obdachlose mit dem Cowboyhut grinst mich an und hält mir sein Bierflaschl einladend entgegen. Wir gehen doch lieber in "Doc Maynard’s Pub". Ein Bier? Die 0,65-l-Flasche "Nectar of the Gods" wäre ebenso verlockend wie das "Christmas Ale" im Sommer, oder pilgern wir zur "Holy Mountain"-Brauerei? Doch wir sind ja nicht zum Trinken da, hier ist der geschickt gewählte Treffpunkt für eine unterirdische Stadtführung, die "Underground Tour".

1889 wütete ein Großbrand in Seattle. 25 große Häuserblocks, komplett aus Holz erbaut, fielen ihm zum Opfer. Nach dieser Katastrophe wurde Holz als Baumaterial verbannt und Seattle im wahrsten Sinne von Grund auf verändert: Man hob die Stadt auf eine höhere Ebene. Während Gehsteige und Schaufenster der Innenstadt auf der neuen Straßenebene lagen, befanden sich die Ladeneingänge eine Zeitlang noch unten, auf dem ursprünglichen Niveau. Bis die neuen Gehsteige gebaut waren, mussten die Arbeiter täglich mehrmals über steile Leitern klettern. 17 Männer stürzten dabei in den Tod.

Der Stadtneubau war noch nicht abgeschlossen, da brach 1907 die Beulenpest aus. Die panischen Stadtväter ließen den Untergrund sofort hermetisch abriegeln. Erst in den 1960er Jahren wurde er wieder ausgegraben, abgesichert und allmählich zur historisch interessanten Attraktion gemacht. Dort unten finden wir heute ramponierte Teile von Geschäfts- und Wohnungseinrichtungen aus dem 19. Jahrhundert, von der "Budel" bis zur Badewanne und Maschinen. Als Decke wurden im Untergrund an mehreren Stellen "Glass Skywalks" eingebaut. Dicke Glasziegel lassen uns aus dem Untergrund nach oben schauen, von oben dagegen ist unten nichts zu erkennen.

"Näherinnen" im Verkehr

In der typischen Wildwest-Stadt Seattle lebten zur Zeit des großen Brandes mehr als 20.000 Männer, mehrheitlich Fischer, Holzfäller, Abenteurer, und 2300 Frauen, die als Beruf "Näherin" angaben, jedoch keine Nähmaschinen brauchten. Die Chefin des "Näherinnen-Zirkels" (Sewing Circle), Madam Lou Graham, ließ die Damen ihre Dienste zwischen Rathaus und katholischer Kirche anbieten. Dort herrschte viel Verkehr. Anderer Verkehr als heute.

"Emerald City" im Schatten des Vulkans
Madame Lou und ihr „Näherinnen-Zirkel“ Ende des 19. Jahrhunderts.

Von der Underground Tour kehren wir durch eine Jugendstil-Eisenkonstruktion an die Oberwelt zurück – und stehen vor Häuptling Seattle. Die Augen an seinem überlebensgroßen Standbild blicken versonnen in die Weite. Oder vielleicht gedankenverloren zurück in eine Zeit, als im Naturparadies am Puget Sound noch nicht der weiße Mann das Sagen hatte. Der weise Indianer sprach: "Wir wissen, was der weiße Mann eines Tages erst entdecken wird. Unser großer Geist ist derselbe Gott. Denkt nicht, dass ihr ihn besitzt, so wie ihr unser Land zu besitzen glaubt. Denn das könnt ihr nie. Der große Geist ist der Gott aller Menschen, des roten und des weißen Mannes. Dem großen Geist ist diese Erde kostbar. Die Erde zu verletzen heißt, Gott zu verachten."

"Emerald City" im Schatten des Vulkans
Blick vom Wahrzeichen Space Needle auf Seattle

Seit der Weltausstellung 1962 besitzt Seattle ein Wahrzeichen, das sich zum täglich gut gebuchten Touristenziel gemausert hat: den 184 Meter hohen Aussichts- und Restaurantturm "Space Needle" (Weltraumnadel). Er prägt die Skyline der Stadt, sein damals futuristisch anmutender Stil entsprach dem Ausstellungsmotto "Das Leben des Menschen im Weltraumzeitalter". Nach der Liftfahrt zur Aussichtsplattform bietet sich ein fantastischer Rundblick über die Stadt, ihre weitläufige Hafenbucht, die sanfteren, bewaldeten Berge des National Forest im Osten und den mächtigen, schneeweißen Mount Rainier im Südosten.

Chihuly lässt Glas sprießen

Den besten Blick zur Space Needle genießt man von einem Schiff am Meer, den schönsten, beeindruckendsten jedoch von unten, durch die Glaskuppel über einem einzigartigen Kunstprojekt. Sein Schöpfer heißt Dale Chihuly. Er gehört einem Stamm der "Native Americans" an, ist daher stark von indianischer Kultur geprägt. 1941 in Seattles Nachbarstadt Tacoma geboren, hat er sich zum Glaskünstler, Bildhauer und Hochschullehrer entwickelt. Er studierte Innenarchitektur und Design, Glasbläserkunst und Bildhauerei an mehreren US-Universitäten, ein Praktikum führte ihn nach Murano (Venedig). Später arbeitete er mit den renommiertesten Glasmanufakturen in Japan und Finnland, Irland und Mexiko zusammen. Sogar seine handwerkliche Zusatzausbildung als Weber hinterlässt ihre Spuren, wenn er textiles Design der Navajo-Kultur in die Gestaltung von Glasobjekten einfließen lässt.

"Emerald City" im Schatten des Vulkans
Dale Chihuly lässt Glas wie farbenprächtige Pflanzen sprießen.

Überwältigender internationaler Erfolg ließ Chihuly zum Kunstunternehmer werden. Seit fast 30 Jahren arbeitet er mit einem Team von bis zu 12 Glaskünstlern. Ihre variantenreichen Installationen sind in Museen und botanischen Gärten vieler Länder zu bewundern. Denn Chihuly scheint Glas sprießen zu lassen. Wie farbenprächtige Pflanzen schlängeln sich die Gebilde seiner Fantasie durch gläserne Gärten und wachsen aus der Erde hoch hinauf.

Chihuly will immer Unerwartetes schaffen. Seit einem halben Jahrhundert hat er in beharrlicher künstlerischer Arbeit bisher bewährte Glaskunsttechniken an neue Grenzen geführt. Als seine Inspiration bezeichnet Chihuly die ganze Welt rund um ihn. Mit auffälligen Farben und Formen füttert er die Vorstellungskraft des Betrachters und Besuchers seiner großflächigen "glass gardens".

Dale Chihuly, der Künstler mit der Augenklappe, der einen Autounfall nur knapp überlebte, lässt uns Schönheit neu empfinden, ohne selbst Antworten zu geben.

Er passt zu Seattle.

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