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Hoamatland

Die Alm, die Kuh und du

Von Manfred Wolf 01. Juni 2019 00:04 Uhr

Die alm, die Kuh und du

Ach, wie romantisch! Eine Alm, ein Bacherl, eine Kuh. Und dort sehen Sie ein Kalb. Schnell hin und streicheln, oder nicht? Auf keinen Fall! Darüber sind sich Sennerin Marlene Loidl und Gerhard König vom Alpenverein einig und warnen im Gespräch mit Manfred Wolf eindringlich davor.

Ende Mai war bei vielen Almen noch nicht ans Aufsperren zu denken. Sie lagen im Schnee. Für die Kühe wird das Futter knapp, der Beginn der Wandersaison, für die Almbauern eine wichtige Einnahmequelle, verzögert sich. Das romantische Bild des Almlandwirts hält der Realität nicht (immer) stand. Und dann schwebt noch das sogenannte "Kuh-Urteil" über den Dingen. Sollen Wanderwege gesperrt werden, welche Rolle spielen Hunde und worüber schüttelt man nur noch den Kopf?

Hoamatland: Ein Jahr nach dem "Kuh-Urteil" gibt es im Internet eine "Kuh-Kuss-Challenge", bei der Wanderer eine Kuh küssen und das Foto auf sozialen Medien veröffentlichen sollen. Was sagen Sie dazu?

König: Das ist ein Wahnsinn!

Loidl: Der Untertitel könnte auch Selbstmord-Challenge lauten. Auf einer Alm zu einem fremden Tier hingehen … Da sagt schon der Hausverstand: Nein!

Hoamatland: Wandert der Hausverstand denn nicht mehr mit?

Loidl: Wir haben tausende Wanderer, die sich zu benehmen wissen. Aber dann gibt es die Ausnahmen, derentwegen Almen geschlossen und Landwirte vor Gericht gestellt werden. Auch wenn der Vorfall in Tirol tragisch war, aber man muss die andere Seite kennen.

König: Der Fall in Tirol wurde aufgebauscht. Es war eine außergewöhnliche Situation, die man nicht vergleichen kann mit dem, was bei euch los ist. Auf dieser Alm gab es Straßenverkehr, es herrschte großer Wirbel und die besagte Kuh war eine Problemkuh. Wenn ich weiß, ich hab eine Kuh, die immer wieder Leute angreift – auch wenn die sich normal verhalten – dann wird der Bauer in Zukunft auch haftbar bleiben.

Die alm, die Kuh und du
Marlene Loidl

Loidl: Das ist auch ok. Wenn eine Kuh wirklich bösartig ist, dann kann ich nur sagen: Ich habe so eine Kuh sicher nicht lange. Weil der Stress nicht dafürsteht.

Den sie selbst mit der Kuh haben oder in der Folge mit den Touristen?

Loidl: Die Kombination. Ich sage den Touristen immer, bitte geht’s außen um die Kühe herum. Keine Selfies, keine Kuh-Kuss-Challenge. Die Kuh muss ja gar nicht bösartig sein, sie muss nur einen schlechten Tag haben.

König: Es reicht ja nur ein Deuter von der Kuh und du fliegst.

Loidl: Ich bin einmal zwischen die Hörner reingekommen. Ich habe es kommen sehen, hab der Kuh mit dem Stock noch eins verpasst, aber das war ihr egal. Wenn ich zu Fall gekommen wäre, dann hätte sie mich zerdrückt.

König: Wir kamen einmal nach einer Klettertour auf einer Almwiese heraus und das Material auf den Rucksäcken hat geklimpert. Da sind dann die Kühe auf uns zugelaufen. Wir sind davongelaufen, über den Zaun in Sicherheit.

Wie verhält man sich da richtig?

König: Schauen, dass man nicht in die Situation kommt.

Wenn doch, dann läuft man davon?

König: Meine Frau kommt von einem Bauernhof, ich weiß, was mit Kühen los ist, die sind nicht so harmlos.

Loidl: Und du hast keine Chance. Eine Kuh, selbst wenn sie "nur" 400 Kilo wiegt – und es gibt welche, die haben 800 Kilo –, muss keine Kraft aufwenden. Viele sagen, stehen bleiben und die Hände in die Höhe reißen. Ähm … Ich täte das nicht …

König: Eine Kuh hat eine unheimliche Masse …

Loidl: … die Masse, das Gewicht, der Aufprall … also laufen! Es ist, wie sie gesagt haben: Nicht erst in die Situation kommen. Respektabstand halten und dann noch ein wenig mehr, dann muss man auch nicht davonlaufen, die Kühe sind schneller. Gegen eine galoppierende Kuh hast du keine Chance.

König: Und auf Almboden, der noch dazu uneben ist, wo die meisten gar nicht richtig gehen können …

Loidl: … in Sandalen und Flip-Flops!

Noch einmal zum Urteil in Tirol …

König: … das falsch interpretiert wurde.

Die alm, die Kuh und du
Marlene Loidl und Gerhard König im Gespräch

Warum?

König: Es ist gesagt worden, Kühe auf der Alm sind eine Gefahr und Bauern haften sofort immer für ihre Kühe, und dann kam es zum Aufschrei von der Almwirtschaft, die gesagt hat, wir müssen die Almen sperren, damit die Wanderer nicht mehr hereinkommen. Aber dieses Urteil, wenn man es genau durchliest, dann sieht man, dass es nur auf diesen konkreten Fall bezogen war. Man kann das nicht verallgemeinern. »

Loidl: Ja, aber Fakt ist, dass die Tierhalter verantwortlich sind, und es kann sein, dass es so ein Urteil wieder gibt. Und den Landwirt, der sich eine Strafe von einer halben Million leisten kann, den möchte ich sehen.

Aber das wäre durch eine private Haftpflichtversicherung gedeckt.

Loidl: Ja, aber leb einmal damit, dass das deine Kuh macht. Eine junge Kuh, die zum ersten Mal ein Kalb hat und ihrem Instinkt folgt. Sie legt ihr Kalb ab, irgendwo unter einem Baum, mutterseelenallein, es schläft da und ruht sich aus. Aber die Mutter hat es im Blick und wenn da ein Fremder hingeht …

Das Problem in Tirol war auch, dass die Frau einen Hund dabei hatte, den sie mit der um die Hüfte geschwungenen Leine fixiert hatte. Er verhielt sich unauffällig, heißt es im Urteil.

König: Die Kuh sieht im Hund einen Wolf und will ihre Kälber verteidigen. Da hilft nur eines, den Hund auslassen.

Loidl: Der Hund ist nicht generell das Problem, der unerzogene Hund ist es. Der Hund aus der Stadt, der noch nie eine Kuh gesehen hat, der sich vielleicht auch fürchtet, der neugierig ist, der an der Leine hängt und bellt.

Es sind so viele Wanderer unterwegs wie noch nie. Einige glauben offensichtlich, Kühe sind Kuscheltiere.

Loidl: Sie wollen ihr Kind auf eine Kuh draufsetzen, um ein Foto zu machen.

König: Ich glaube, da ist auch die Werbung schuld, man sieht Fotos von Urlaubern mit Kühen in Kopfnähe, die gestreichelt werden, oder wie Menschen auf Kühen sitzen.

Loidl: Oder im Fernsehen, wo die Frau mit dem gepflückten Kräuterbüschl dasteht, und sagt: "Lili, friss einmal." So funktioniert es nicht.

Im März hat das Ministerium als Reaktion auf den Vorfall in Tirol zehn Verhaltensregeln für die Alm formuliert. Sollte man den Kindern diese Regeln in der Schule näherbringen? Zum Beispiel vor einem Wandertag?

König: Ich will nicht sagen "Die Schulen müssen". Aber es würde nicht schaden, wenn man vor oder im Rahmen des Wandertages – wenn ich zur Alm komme – den Kindern erkläre, wie man sich auf dieser verhält. So wie die FIS-Regeln, wenn man auf Skikurs fährt. Man müsste sie bei neuralgischen Punkten, zum Beispiel bei euch auf der Alm, anbringen. Und im Bummelzug, wenn man zu euch rauf fährt.

Loidl: Wir haben drei Wanderwege zu uns herauf. Überall, wo der Wanderweg auf die Alm aufschnappt, stehen Warnhinweise: "Vorsicht Weidevieh, bitte Abstand halten", "Vorsicht Kühe mit Kälbern, nicht berühren".

Werden die lediglich als Empfehlung wahrgenommen?

König: Ja, wie bei der Lawinengefahr.

Fehlt der Respekt?

König: Jein. Ich denke, viele Menschen glauben, diese Warnungen seien übertrieben. Was soll schon passieren?

Loidl: Doch. Wer geht hin, einfach so, und streichelt ein fremdes Kind? Immer wieder werden Blumenwiesen betreten, Hunde oder Kinder laufen rein. Dass es sich dabei um das Futter für die Tiere handelt, daran denkt keiner.

König: Das Problem kenne ich. Im Tempowahn, der gerade herrscht, werden Abkürzungen genommen, Wanderer zwicken sich den Weg frei und markieren ihn sich sogar mit Farbpunkten.

Loidl: Und Fremde glauben, ah, da ist ein Weg und verirren sich. Und dann fliegt der Hubschrauber.

König: Und es heißt, wir hätten nicht ordentlich markiert. Ja, ja, wirklich! Freilich, das betrifft wenige. Jene, die den Berg als Sportgerät "missbrauchen". Früher war ein Berg gleichbedeutend mit Wandern, Erlebnis. Wenn heute jemand angelaufen kommt und man will mit ihm reden, dann ist das erste, was er macht: Er drückt auf die Stoppuhr.

Loidl: Zu mir rauf geht die Mountainbikestrecke. Kurz vor unserer Alm ist ein Bergerl, da hast du einen Blick über das Hochplateau und das Dachsteinmassiv. Einige Biker bleiben dort stehen, schauen auf die Uhr und drehen um. Die haben den Dachstein nicht einmal gesehen. Ich muss da lachen. Aber das ist nur eine kleine Gruppe. »

Sie sprechen oft von kleinen Gruppen. In Summe sind das aber viele …

Loidl: Wenn nur einer in der Wiese für sein Töchterchen eine Blume pflückt, dann sagt man eh nichts, aber wenn das viele werden, dann werde ich z’wider.

König: Das sind aber keine Dasigen, weil die Kinder in der Gosau, die wissen, ab einem gewissen Punkt darf ich nicht mehr aufs Feld.

Loidl: Aber das bringt mir nichts, da es keine Einheimischen sind, wenn der fremde Hund ins Feld scheißt.

König: Darum der Verhaltenskodex.

Loidl: Da wären wir wieder: Es gibt 95 Prozent, die sich daran halten, und an den anderen fünf Prozent scheitert es.

Wie bekommt man die fünf Prozent?

König: Nie.

Loidl: Da sind wir uns einig.

Das sind dann jene Touristen, wie Anfang Mai, als zwei Deutsche in Tirol gerettet werden mussten, die dann wegen der hohen Kosten geklagt haben, weil die Rettungsaktion überdimensioniert gewesen sei?

König: Ja.

Loidl: Im Vorjahr ging eine Frau mit ihrem Hund zu einem Kalb. Sie hat mich erst gehört, als ich mit Nachdruck geschrieen habe. Dann war sie sauer und hat mir erklärt, dass sie eh nur ein Selfie mit Hund und Kuh machen wollte. Da schläft mir das Gesicht ein. Dann hab ich ihr erklärt, wie das ist, mit Hund und dem bevorstehendem Tod …

König: Was stellst du dir vor, wie kann das mit Wanderern funktionieren?

Loidl: Bewusst machen, dass eine Alm kein Streichelzoo ist.

Lassen sich Bereiche einzäunen?

Loidl: Das ist beim Fall von Tirol möglich, aber ich habe 120 Hektar auf einem Hochplateau, wie soll das gehen? Die Kühe sind mobil, die haben dort den Bach, wo sie trinken, und da die Weide.

Ist Sperren von Almen ein Thema?

Loidl: Bei uns nicht, weil es Bundesforstgebiet ist. Ich verstehe aber jeden Almbauern, der nach dem Urteil von Tirol Angst hat und den Weg sperrt. Das ist ein Appell: Helft uns! Niemand will jemandem etwas zu Fleiß tun, es hat ja über Jahrzehnte funktioniert.

König: Wir trachten natürlich danach, dass die Wanderwege frei bleiben.

Müssen sie das auch? Selbst wenn der Landwirt nicht will?

König: Wenn der Weg ersessenes Recht ist, ja.

Aber dann müsste man dem Almbauern auch unter die Arme greifen. So wie in Kärnten, wo die bestehende Haftpflichtversicherung für Almbauern erweitert werden soll, wenn über ihre Weide ein Wanderweg führt.

Loidl: Das wäre wünschenswert.

König: Uns geht es darum, dass Wege offen bleiben, ohne Einschränkungen, aber die Wanderer müssen sich an Spielregeln halten.

Loidl: Eine Hand wäscht die andere, ich lebe dort oben vom Tourismus, ich bin 14 Wochen als Sennerin oben und lebe davon. Ich freue mich über jeden Gast, aber ich freue mich noch mehr, wenn sie die Regeln einhalten! 

Marlene Loidl

Die Goiserin arbeitete nach der Tourismusschule Bad Ischl im Tourismusverband und bewirtschaftet seit sechs Jahren mit ihrem Lebensgefährten Sepp Gamsjäger die Plankensteiner Alm.

Gerhard König

Der pensionierte Volksschullehrer und Direktor hat Rechtswissenschaften studiert und ist seit 2011 Wegereferent beim Alpenverein Bad Ischl.

Verhaltensregeln: Sicher auf der Alm

  • Kontakt zum Weidevieh vermeiden, Tiere nicht füttern, sicheren Abstand halten!
  • Ruhig verhalten, Weidevieh nicht erschrecken!
  • Mutterkühe beschützen ihre Kälber, Begegnung von Mutterkühen und Hunden vermeiden!
  • Hunde immer unter Kontrolle halten und an der kurzen Leine führen. Ist ein Angriff durch ein Weidetier abzusehen: Sofort ableinen!
  • Wanderwege auf Almen und Weiden nicht verlassen!
  • Wenn Weidevieh den Weg versperrt, mit möglichst großem Abstand umgehen!
  • Bei Herannahen von Weidevieh: Ruhig bleiben, nicht den Rücken zukehren, den Tieren ausweichen!
  • Schon bei ersten Anzeichen von Unruhe der Tiere Weidefläche zügig verlassen!
  • Zäune sind zu beachten! Falls es ein Tor gibt, dieses nutzen, danach wieder gut schließen und Weide zügig queren!
  • Begegnen Sie den hier arbeitenden Menschen, der Natur und den Tieren mit Respekt!

 

 

 

Artikel von

Manfred Wolf

Redakteur Magazin, Chef vom Dienst

Manfred Wolf
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