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Ian McEwan im Dialog mit George Orwell

Von Peter Grubmüller, 05. November 2023, 15:47 Uhr
Ian McEwan im Dialog mit George Orwell
Ian McEwan Bild: APA/AFP/JOEL SAGET

"Der Bauch des Wals", zwei Essays über Kunst und Politik.

Gibt es überhaupt einen Grund, den Wortmeldungen von Schriftstellern oder Künstlerinnen Gehör zu schenken, fragt Ian McEwan in dem Essayband "Der Bauch des Wals". Der große Beobachter menschlicher Fehlbarkeit, der mit seinem Roman "Abbitte" Weltruhm erlangte und für "Amsterdam" mit dem Booker-Prize ausgezeichnet wurde, nimmt jene Fährte auf, die George Orwell (1903–1950, "Farm der Tiere", "1984") 1940 mit der Schrift "Im Inneren des Wals" ausgelegt hat. Unter dem Speck des riesigen Meeressäugers mag der biblische Jona ein Kriegsschiff, einen die Welt verwüstenden Sturm eben bloß wie ein Säuseln wahrnehmen.

Passagier dritter Klasse

Orwell war Bewunderer Henry Millers (1891–1980) – dem schreibenden Hedonisten nahm er es nicht übel, dass er sich von allem Schrecken der Zeitgeschichte in Deckung gebracht hatte. "Wendekreis des Krebses" hielt Orwell für herausragend, weil Miller darin "über den Mann auf der Straße schreibt", es sei die Stimme "des Passagiers dritter Klasse". Und doch formulierte Orwell im gleichen, Millers Roman bejubelnden Text: "Natürlich ist ein Romancier nicht verpflichtet, über zeitgeschichtliche Ereignisse zu berichten, aber ein Romancier, der sie übersieht, hat gewöhnlich entweder die Füße nicht auf dem Boden oder er ist einfach ein Idiot." Bei Miller jedoch sei es Kernpunkt von dessen ästhetischer Freiheit gewesen, sich dem politischen Engagement zu verweigern. Orwell selbst hatte nicht nur gegen totalitäre Regimes angeschrieben, sondern auch im Spanischen Bürgerkrieg gegen den Faschismus gekämpft.

Ian McEwan verflicht nun die Thesen Orwells unter anderem mit den Gedanken von Albert Camus (1913–1960, "Der Künstler und seine Zeit") und Henry James (1843–1916, "Die Kunst der Dichtung"). Während Camus darauf beharrt, dass "die Kunst vom Zwang lebt und an der Freiheit stirbt", ist James überzeugt, dass "Freiheit die Grundvoraussetzung einer jeder Ausübung von Kunst" sei.

Für McEwan bestünden aktuell viele Gründe, das Innere des Wals zu verlassen. Während China Orwells totalitäre Utopien mit Gesichtserkennung und Rundumüberwachung perfektionieren würde, galoppierten Artensterben und Klimawandel. In den USA grassiere ein wahnhafter Glaube an Verschwörungstheorien – und als US-Präsident Trumps Beraterin Kellyanne Conway von "alternativen Fakten" sprach, schnellten die Verkaufszahlen von Orwells "1984" in die Höhe. McEwan: "Müssten wir nicht davon ausgehen, dass es kein Walinneres mehr gibt, dass dieses Geschöpf am Ufer gestrandet ist." Doch Schriftsteller, die sich selbst oder anderen die Freiheit ihrer Arbeit absprechen würden, forderten im Grunde ihren eigenen Untergang.

Ein verdammt kluges Buch.

  • Ian McEwan: "Der Bauch des Wals", Diogenes, übersetzt von Felix Gasbarra und Bernhard Robben, 128 Seiten, 22,70 Euro
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Autor
Peter Grubmüller
Ressortleiter Kultur
Peter Grubmüller
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