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Ikone der Volkskultur

"Weil wir einfach Spinnerinnen sind!"

Von Julia Evers   21. Dezember 2018

"Weil wir einfach Spinnerinnen sind!"
An den Webstuhl setzt sich Gexi Tostmann nur fürs Foto, eigentlich behauptet sie, zwei linke Hände zu haben. (Weihbold)

Die Grande Dame der Trachten, Gexi Tostmann, ist als "Ikone der Volkskultur" nominiert.

Sie hat mehr Dirndln im Kasten als das Jahr Tage. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum ihr Leben mit diesem Kleidungsstück verwoben ist: Gexi Tostmann (76), Senior-Chefin von Tostmann Trachten, hat diesen Namen weit über die Ortsgrenzen von Seewalchen hinaus bekannt gemacht und sich für Bewahrung, Erforschung und Weiterentwicklung des traditionellen Kleides aus dem Alpenraum starkgemacht.

Was derzeit alles so unter dem Titel Dirndlkleid spazieren geführt wird, goutiert die promovierte Volkskundlerin, deren Vorname eigentlich Gesine lautet, nicht: "Es ist so viel Schmarrn am Markt, diese Wegwerfgesellschaft hat sich der Tracht angenommen. Es gibt jetzt diese billigen Trachten aus Plastikstoffen, in denen die Menschen auf die Wiesn gehen und die sie danach in den Mistkübel hauen."

Wenn Tostmann über dieses Thema spricht, gestikuliert sie mit den Händen, dann spürt das Gegenüber, dass ihr das Thema Tracht am Herzen liegt. "Für mich ist Tracht einerseits das Verwurzeltsein, die Tradition, das Regionale, das Handwerkliche, und was jetzt sehr stark dazukommt, ist die Nachhaltigkeit, ein Begriff, den es noch gar nicht gegeben hat, als meine Eltern mit dem Geschäft angefangen haben", sagt sie.

Wie nachhaltig Dirndln sein können, zeigte sie immer gern am eigenen Körper: "Eines hab ich bekommen, als ich zwölf Jahre alt war, das habe ich auch 60 Jahre später noch angehabt." Nur weil sie vor einigen Jahren mit dem Rauchen aufgehört und zehn Kilo zugenommen hat, darf dieses Dirndl nicht mehr raus, erzählt sie, gefolgt von einem "Was war jetzt eigentlich die Frage?". Dass Gexi Tostmann den Faden verliert, kann bei jemandem, der einen so reichen Erfahrungsschatz hat, schon einmal vorkommen. Mit der Einführung der Auszeichnung von "Botschaftern der Tracht" half sie, das schlechte Image ebendieser zu verbessern. Mit Volkskultur kennt sie sich aus, nicht nur weil sie als "unbegabt in jeder Hinsicht" Volkskunde studiert hat. Nicht stehenzubleiben und für neue Einflüsse offen zu sein, ist ihr sehr wichtig: "Pflege der Tradition ist etwas, auf dem man aufbauen muss – weitertun und nicht nur konservieren!" Bei der Tracht sei es wichtig, "dass es nicht zu sehr ins verstaubte oder rechte Eck geht". Heute gebe es eine neue Art von Tracht: "Sportkleidung – was sich da entwickelt!"

Mittlerweile führt Tochter Anna samt Ehemann das Unternehmen. "Am stolzesten bin ich auf die Anna. Und beruflich darauf, dass ich damals in den 80er Jahren, als die ganze Branche ausgelagert hat, gesagt habe, das kann ich nicht – einerseits mit Tradition und Region arbeiten und dann, nur weil es billiger ist, nach Ungarn gehen. Darum haben wir entschieden, im Ort zu bleiben." Dort ist heute noch – vom Entwurf über die Erzeugung bis zur Verkaufsfläche – alles unter einem Dach. "Wie im Mittelalter!", ruft Tostmann. "Wir denken uns schon immer was bei dem, was wir tun, nicht nur, wie man mehr verdienen kann", sagt Tostmann und liefert gleich die Begründung: "Weil wir einfach Spinnerinnen sind, wir Weiber!"

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