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Kultur

OÖN-Filmnacht: „Wir müssen Kinder Kinder sein lassen!“

Von Ludwig Heinrich   04. Oktober 2013 00:04 Uhr

„Wir müssen Kinder Kinder sein lassen!“
Löst Diskussionen aus: Erwin Wagenhofer

OÖN-Filmnacht mit Erwin Wagenhofers „Alphabet“ am Montag im Moviemento Linz.

Provokant gleich die Behauptung auf Seite 1 der Werbebroschüre: 98 Prozent aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt. Nach der Schule sind es nur noch zwei Prozent. Erwin Wagenhofers neueste Doku „Alphabet“ (Kinostart 11. Oktober) wird bestimmt für Aufsehen sorgen und sollte „Pflichtfach“ für Lehrer, Schüler und vor allem Politiker sein.

OÖNachrichten: Gab es für „Alphabet“ eine Initialzündung?

Erwin Wagenhofer: „Alphabet“ ist eine Folge meiner Filme „We Feed The World“ und „Let’s Make Money“. Das Ganze ist als Trilogie zu sehen und die Überlegung ist: Wenn wir bei Essen und Geld solche Verwerfungen und Krisen haben, woher kommt das? Die Finanzkrise ist ja künstlich gemacht, die hat nicht der Herrgott geschickt. Sie ist von Menschen gemacht, die die beste Ausbildung haben. Formal. Denn jeder, der in der City of London, in der Wall Street oder in Frankfurt etwas zu tun hat, hat einen Doktortitel aus Harvard oder Oxford. Jene, die den größten Schaden angerichtet haben und noch anrichten, sind keine Alchimisten, die aus nichts Gold machen. Alles Uni-Absolventen.

Wie ist das mit den 98 Prozent zu verstehen?

Tatsache ist, dass Neugeborene alles an diversen Begabungen mitbringen. Dann kommen Schule und Gesellschaft ins Spiel. Die erkennen die Begabung nicht. Dabei ist G a b e das Wichtigste überhaupt. Denn wenn einer mit Gabe arbeitet, kann er auch geben. Das hat unsere Leistungsgesellschaft noch nicht erkannt. In der Kindheit, spätestens in der Schule, wird den Kindern das, was in ihnen steckt, ausgetrieben.

Wo liegen die gröbsten Fehler der Schule?

Dass wir dort ein Auslese- und Bewertungssystem haben, in dem die in den Kindern angelegten Begabungen nicht zur Entfaltung gebracht werden. Alles wird standardisiert.

In „Alphabet“ präsentieren Sie, wie chinesischen Kindern ein Lernpensum förmlich eingetrichtert wird.

Kreativität und Phantasie gehen im gnadenlosen Drill verloren. Selbstmorde sind die Folge. Der Erziehungswissenschafter Yang Dongping zieht für sein Land das bittere Resümee: „Unsere Kinder gewinnen am Start und verlieren im Ziel.“ Auch das Einkindersystem der Chinesen hat sich als Flop erwiesen. Für 150 Millionen Männer im heiratsfähigen Alter gibt es keine Mädchen. Viele Mädchen werden aus Vietnam „importiert“.

Sie zeigen auch andere Beispiele. Männer wie André Stern aus Paris, der nie zur Schule ging und heute Komponist, Gitarrenbaumeister, Journalist und Autor ist. Sein Buch „…und ich war nie in der Schule“ wurde ein Bestseller. Was wollen Sie damit sagen?

Meine Absicht war, einen positiven Film zu gestalten, der demonstriert, wie leicht es ist, die Dinge anders zu machen. Wir müssen den Blick umdrehen und Kinder als das erkennen, was sie sind, und nicht davon ausgehen: Kinder kommen auf die Welt, sind leer und blöd, und jetzt müssen wir ihnen was beibringen! Wir müssen Kinder Kinder sein lassen und nicht: Du musst mit drei Geige spielen! Du musst mit fünf Englisch können. So ein Blödsinn!

Welche Wirkung erhoffen Sie sich von „Alphabet“?

Er soll ein Beitrag zur Debatte sein. Mut machen. Es muss nicht alles nur zerstörerisch sein. Das Leben ist was Schönes. Nur, was wir daraus machen, ist nicht so gut.

Noch ein Schlusswort, bitte...

Gebildete Menschen achten viel zu wenig auf Herzensbildung. Das zu ändern, wäre ein guter Anfang.

 

Karten zu gewinnen!
Der renommierte Filmemacher Erwin Wagenhofer („We Feed The World“, „Let’s Make Money“) stellt am Montag, 7. 10., seine neue Doku „Alphabet“ im Linzer Moviemento Kino vor. Wir verlosen 30x2 Karten für die Vorstellung um 20 Uhr.

Info zu Erwin Wagenhofer

Herkunft: Der Niederösterreicher Erwin Wagenhofer stammt aus Amstetten. Der 52-jährige freischaffende Regisseur und Autor ist verheiratet. In die Filmbranche stieg er erst 1983 ein.

Erfolge: Wagenhofer ist vor allem für seine Dokumentationen „We Feed The World“ (2005) und „Let’s Make Money“ (2008) bekannt. Beide Werke wurden mehrfach prämiert und hinterfragen kritisch Gesellschaft und ihre zugrunde liegenden Systeme wie die Nahrungsverarbeitung und den Geldkreislauf.
www.filmemacher.at

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