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Kultur

Brandauer im OÖN-Interview: „Wahrheit kann sehr unerbittlich sein“

Von Nora Bruckmüller   14. Januar 2013 00:04 Uhr

„Wahrheit kann sehr unerbittlich sein“
Klaus Maria Brandauer wünscht sich, dass das Publikum aus dem Film „Der Fall Wilhelm Reich“ mitnimmt, „genauer hinzuschauen, zu fühlen, zu hören.“

Brandauer über den Versuch, in seinem neuen Film den Forscher Wilhelm Reich zu spielen.

Klaus Maria Brandauer verkörpert in „Der Fall Wilhelm Reich“ eine hochspannende Persönlichkeit. Reich war ein österreichisch-amerikanischer Psychiater, der in der Emigration in den USA die ursprüngliche Energie der Menschen erforschte und deshalb als Gegner vom politischen System bekämpft wurde. Am Donnerstag sind Brandauer und Regisseur Antonin Svoboda Gast bei der OÖN-Filmnacht.

OÖNachrichten: Betrachtet man den Charakter Reichs, erscheint er als passioniert wie besessen, träumerisch wie innovativ. Wie ist es Ihnen dabei ergangen, sich in ihn hineinzufühlen?
Klaus Maria Brandauer: Einfühlen wäre nicht der richtige Weg. Ich habe versucht, mich in ihn hineinzudenken und zwar nicht in die historische Figur, sondern in den Menschen. Nur so kann das Ergebnis auch für jemanden anderes interessant sein. Keine Momentaufnahme, sondern eine glaubwürdige Figur mit Ecken und Kanten. Es geht, wenn man so will, nicht nur um Wahrheit, sondern um Wahrhaftigkeit, was ein großer Unterschied ist. Wahrheit kann sehr unerbittlich sein.

Schaut man sich Reichs Biografie an, merkt man, dass er ein irrsinniger Kämpfer war. Woher hat er diese Kraft genommen?
Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Er ist im Laufe seines Lebens zu Überzeugungen gekommen, die er nicht mehr aufgeben konnte, auch wenn das für ihn vielleicht bequemer gewesen wäre. Er war ein Querulant, ein Nicht-Dazu-Gehörer, eine aufregende Erscheinung. Hinter seiner Fassade verbarg sich eine hochsensible, verletzliche Persönlichkeit. Ich finde es wichtig, dass es solche Menschen gibt, die ihrer Zeit voraus sind. Auch heute. Wer bringt denn sonst die Menschheit weiter?

Kritische Positionen besagen, Reich war Para-Wisschenschaftler, ein Scharlatan. Es stellt sich die Frage: Warum lohnt es sich, einer so umstrittenen Figur eine breite Öffentlichkeit zu geben?
Man kann Reich viel nachsagen, aber ein Scharlatan war er gewiss nicht. Er war sicher ein unverstandener, aber nichtsdestotrotz ein ernstzunehmender Wissenschaftler. Sein Interesse galt der Weiterentwicklung der Menschheit, dabei war er weder diplomatisch, noch hat er sich und seine Leute geschont. Es wurde ihm ja auch nicht leicht gemacht, und es waren politisch wirre Zeiten. Und wenn ich schaue, wem heute alles Öffentlichkeit eingeräumt wird, dann wünsche ich uns viel mehr Wilhelm Reichs und vor allem Sensibilität, sie zu verstehen.

Was sollen sich die Menschen aus dem Film mitnehmen?
Genauer hinzuschauen, zu fühlen, zu hören, sich nicht mit dem ersten Eindruck zufrieden geben. Ich wünsche mir immer, dass jeder Zuschauer sich auf den Film oder die Theateraufführung so richtig einlässt und dann seine ganz eigene Erfahrung macht und zwar jeder eine andere. Anders geht es ja auch gar nicht. Und meinen Beitrag dazu will ich so gut wie möglich leisten. Das erste Gebot heißt ja immer noch: Du sollst nicht langweilen!

 

Die Person Wilhelm Reich

Zwei Mal musste Wilhelm Reich (1897– 1957) zusehen, wie seine Bücher verbrannt wurden: 1933 von den Nazis und 1956, nach seiner Emigration, von der US-Gesundheitsbehörde, die wegen unorthodoxer Therapien und seiner Kritik an der Atomforschung gegen ihn vorging. Reich, der jüdische Wurzeln hatte, praktizierte als Psychoanalytiker und schrieb Bücher wie „Die Massenpsychologie des Faschismus“ und „Die Funktion des Orgasmus“. In den USA erforschte er die ursprüngliche Energie des Lebens, die „Orgon-Energie“, deren freier Fluss für ihn als Grundvoraussetzung physischer und psychischer Gesundheit war. Gegen gerichtliche Anordnung forschte er weiter. Er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt und starb im Gefängnis.

 

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