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Einfach leben

Reduziert in zehn Schritten: Was wir von OÖN-Klimamönch Edmund Brandner lernen können

Von Reinhold Gruber   08. April 2011 13:06 Uhr

Edmund Brandner

Handeln statt reden. Noch so eine Floskel, die gerne mit dem Hinweis, dass die anderen einmal beginnen sollen, verbunden wird. Brandner, OÖN-Redakteur im Salzkammergut, hat nicht mit dem Finger auf andere gezeigt. Er stellte sich dem Selbstversuch. Ein Jahr lang hat er getestet, wie viel anders das Leben ist, wenn wir das tun, was die Klimaschützer von uns verlangen: den CO2-Haushalt zu reduzieren.

Die Ausgangslage: Der durchschnittliche Österreicher trägt mit dem Verursachen von durchschnittlich elf Tonnen Kohlendioxid zur Erwärmung der Atmosphäre bei. Wollen wir die Erwärmung bei zwei Grad deckeln, dann darf laut Wissenschaftern die weltweite Pro-Kopf-Emission 2,5 Tonnen nicht überschreiten. Beginnen müsse man damit sofort. Brandner hat am 1. Jänner 2010 begonnen, ein „Klimamönch“ zu sein. Seine Familie musste mitziehen.

Schließlich bedeutet CO2-Fasten eine grundsätzliche Änderung des Lebensstils.

Am Ende des Jahres hatte er rund 4,5 Tonnen CO2-Emissionen eingespart. Weniger als er selbst erwartet hatte, aber dafür mit der Erkenntnis, dass der „moderat klimaschonende Lebensstil“, den er gefunden hat, einer ist, von dem er sich nicht verabschieden kann und will. Seine Erfahrungen hat er gemacht und im „Tagebuch eines Klimaretters“ in Buchform niedergeschrieben. Er ist zum Vorbild und zur Leitfigur der OÖNachrichten-Aktion „Wir retten das Klima“ geworden. Immerhin 350 Landsleute konnte er dazu bewegen, seinen Spuren des Reduzierens zu folgen.

Brandners Empfehlungen:

1. Entrümpeln beginnt mit einer Bestandsaufnahme im Kopf!

Was brauche ich wirklich, was macht mein Leben aus? Welche Dinge sind wirklich wichtig und worauf kann ich verzichten?
Interessant ist, dass dabei Dinge übrig bleiben, die man nicht kaufen kann: Familie, Freunde, Zeit für sich selbst, Genuss, Natur, Gesundheit, usw. Der Rest ist Ballast, unter dem die wirklich essenziellen Dinge verschütt gehen.

2. Reduktion beim Essen!

Wenn man auf regionale und saisonale Produkte setzt (wenn sie biologisch sind, ist es noch besser), spart man nicht nur CO2 ein, man entdeckt auch die alte oberösterreichische Küche wieder.
Wer kennt heute noch Brotsuppe, Griesmaultaschen, Frühlingssalat von der Wiese oder Polsterzipferl (mit russischem Tee)?

3. Reduktion in der Mobilität!

Seit ich statt dem Auto das Fahrrad verwende, hat sich mein Aktionsradius eingeschränkt. Allerdings hatte ich nie das Gefühl, dass mir etwas entgeht. Stattdessen bin ich mehr zuhause bei meiner Familie, und ich bin körperlich ausgeglichener. Vor allem aber habe ich den Genuss des Radfahrens entdeckt. Und weil ich mit dem Rad einkaufe, unterstütze ich die Nahversorger.
Übrigens zahlt sich dabei der Kauf eines Fahrradanhängers aus. Ich bringe damit sogar meine Bierkisten nach Hause.
Ein Versuchen: Eine Woche das Auto stehen lassen und schauen, was passiert – ich gebe zu, dass ich für Abendtermine einen Dienstwagen habe. Und zweimal im Monat leihe ich mir das Auto meiner Frau aus.

4. Lesen statt Fernsehen

Ich habe keinen Fernseher aber ein „Spiegel“-Abo. Manchmal nehme ich mir andere Zeitungen mit nach Hause. Während andere im ORF Werbung für Sperrholzmöbel und Lottojackpots sehen, sitze ich auf meiner Terrasse, rauche eine Pfeife und erfahre mehr über die Welt als andere in den TV-Programmen.

5. Reduktion im Urlaub

Der hässlichste Urlaub, den ich je verbrachte, fand in einem Touristenbunker in Algerien statt. Flugreise mit All Inclusive. Der schönste Urlaub war eine anstrengende Fußwanderung durch das schottische Hochland. Die Anreise erfolgte per Bahn und Schiff. Mehr muss ich nicht sagen.
Nur das noch: Es ist traurig, dass für Touristen mittlerweile die ganze Welt greifbar und konsumierbar wurde. Mir gefällt die Vorstellung, dass es Gegenden gibt, die ich nur über Bücher und Filme entdecken kann. Dass ich in manche Länder einfach nie kommen werde und dass die für mich dadurch exotisch bleiben. Indem ich auf Flugreisen verzichte, bewahre ich mir dieses Gefühl.

6. Zugfahren statt Fliegen

Mit einem guten Buch in der Hand durch die Landschaft gleiten, oder im Speisewagen ein Gläschen Wein genießen: Fernreisen im Zug sind entspannend. Fliegen ist hektisch und unbequem.

7. Selber machen statt kaufen

Ich habe im Vorjahr einige neue Leidenschaften entdeckt. Ich wurde zum Fahrradmechaniker, Tomatenzüchter und zum Hobbykoch. Nach dem Winter war mein altes Rad so rostig und kaputt, dass ich mir früher ein neues zugelegt hätte. Dann wäre mir aber entgangen, wie schön es ist, alte Dinge zu reparieren.
Ich esse Supermarkttomaten nur noch, wenn es unbedingt sein muss. In meinem Glashaus und auf meiner Terrasse wachsen heuer zehn verschiedene, alte Tomatensorten. Beim Kochen wiederum kann ich mit Gasthausqualität selten mithalten. Aber es ist schöner, bei guter Musik kulinarische Kreativität auszuleben, als fertige Produkte zu kaufen.

8. Kein Gewand mehr kaufen

Für Frauen ein Horror, für Männer ein Traum. Es ist interessant, wie lange Textilien halten und wie schön Gewand aus Second-Hand-Läden ist.

9. Beim Konsum bremsen

Wie wichtig ist es, dass ich ein Handy besitze, das Kochrezepte ausspuckt, wenn ich es schüttle (iPhone-App von Dr. Oetker)? Der Durchschnittsösterreicher nimmt täglich 6000 Werbebotschaften wahr. Und konsumiert entsprechend. Das passiert aber schon längst nicht mehr zum eigenen Vorteil.
Ich habe von einer Familie in Österreich gehört, die sich eine interessante Konsumbremse eingebaut hat: Wenn sie sich für eine größere Investition entscheidet, wartet sie zwischen Entscheidung und Kauf noch zwei Wochen. Wenn der Einkauf dann immer noch notwendig erscheint, bleibt sie bei der Entscheidung. Oft aber wird aus der Investition dann doch nichts.

10. Muss ich überall dabei sein?

Zugegeben, das mag auch eine Alterserscheinung sein. Aber auf manchen Kinofilm und auf manche Party verzichte ich gerne. Dieser Punkt betrifft aber nicht nur Ereignisse.
Was spricht eigentlich dagegen, mit alten, verbeulten Autos zu fahren? Abgetragenes Gewand zu tragen? Am Wochenende das Mobiltelefon auszuschalten? Zu Silvester um 22 Uhr mit einem Krimi ins Bett zu gehen?
Wir lassen uns freiwillig gefangen nehmen. Dabei gäbe es so viele schönere und essenziellere Dinge.

P.S.: Wer noch mehr wissen will: Edmund Brandner bloggt hier.








 

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