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Schöne neue Welt

Zufall wird aus dem Spiel genommen

Von Günther Mayrhofer und Christoph Zöpfl   20. Januar 2016 00:04 Uhr

Zufall wird aus dem Spiel genommen
Vor einem Jahr lernten die LASK-Spieler den Footbonauten in Katar kennen.

LINZ. Der Fußball dreht sich immer mehr um Daten: Früher bestimmte allein das Gefühl, wie eine Mannschaft trainiert, welche Taktik gewählt wird und welche Spieler Verstärkungen sein könnten – inzwischen spielen Tests und Statistiken eine immer wichtigere Rolle.

Es ist noch gar nicht so lange her, da werteten Fußball-Trainer es als gutes Zeichen, wenn sich die Spieler in der Vorbereitung auf eine Saison während des Trainings übergaben. Sie schlossen daraus, dass die Profis sich bis zur Leistungsgrenze verausgabten. Lange Läufe und Übungen mit Medizinbällen waren das Standardprogramm.

Diese Zeiten sind vorbei. Mit der Hilfe von Sportwissenschaftern werden für die Frühjahrsvorbereitung schon am Ende der Herbstsaison Leistungstests absolviert und für jeden Spieler individuelle Pläne für den Urlaub erstellt. Schummeln geht nicht – Pulsuhren und weitere Leistungstests zum Trainingsstart schlüsseln genau auf, ob ein Spieler sich an den Plan gehalten hat.

Doch nicht nur die inneren Werte werden gemessen. Das beschleunigte Spiel verlangt Handlungsschnelligkeit und Präzision – diese Komponenten können mit dem Footbonauten gemessen werden: Der Spieler steht dabei in der Mitte eines quadratischen Kunstrasenfeldes. Nach einem Licht- und Tonsignal bekommt er Bälle mit wechselnder Geschwindigkeit (bis zu 120 km/h), Anflughöhe und Effet zugespielt. Er muss den Ball annehmen und in jenes der 72 Felder an der Wand passen, das aufleuchtet.

Auch die Analysen der Spiele haben sich grundsätzlich geändert. Einst musste der Augenschein des Trainers ausreichen. Heute gibt es Analysesysteme, die Aktionen eines jeden Spielers aufzeichnen – wie viele Kilometer ist er gelaufen, wie viele Ballkontakte hatte er, wie viele Meter sprintete er dabei? Klubs, die es sich leisten können, setzen diese teure Technik inzwischen auch im Training ein. Analyseteams arbeiten die Daten für den Trainer auf.

Moneyball als Evolution

Noch wenige Vereine gehen auch bei den Transfers einen anderen Weg. "Moneyball" ist der Ausgangspunkt dieser Evolution und hat den Ursprung im Baseball. Ab 1997 verpflichteten die Oakland Athletics, ein finanzschwaches Team in der nordamerikanischen Profiliga MLB, Spieler in erster Linie anhand von statistischen Daten, nicht nach dem klassischen Auswahlverfahren mittels Beobachtung. Mit billigeren Spielern entwickelte sich Oakland zu einem Spitzenteam. Über American Football und Basketball wird nun auch im Fußball "Moneyball" gespielt.

Ein Kriterium für Offensivkräfte ist zum Beispiel dabei, wie oft ein Spieler an torgefährlichen Aktionen beteiligt ist. Glück und Pech sind bei der Bewertung keine Größe. Der dänische Klub Midtjylland setzte das Konzept als erster um und eroberte gegen die finanzstärkere Konkurrenz vergangene Saison den Meistertitel. Die Statistik bewog den Verein dazu, die Österreicher Martin Pusic und Daniel Royer zu verpflichten.

Der englische Zweitligist Brentford, zu dem Marco Djuricin und Konstantin Kerschbaumer wechselten, hat in der laufenden Saison allerdings weniger Erfolg mit dieser neuen Herangehensweise. Denn alles lässt sich im komplexen Fußball nicht mit Daten erklären. Das "Bauchgefühl" des Trainers und die Charaktereigenschaften der Spieler lassen sich nämlich auch in Zukunft nicht mit Zahlen abbilden ...

3 Fragen an Willi Ruttensteiner

Der langjährige ÖFB-Sportdirektor aus Wolfern wurde früher oft nicht ganz ernst genommen, weil er ein Faible für sportwissenschaftliche Analysen hatte und in seinem Laptop viele Daten speicherte. Inzwischen hat sich diese Einschätzung grundlegend geändert. Der „Laptop-Willi“ hatte recht.

  1. Was hat sich in puncto Analysesysteme seit Ihrer Trainnerprüfung geändert.

    Als ich 1996 die Lizenzprüfung machte, hatte ich keine Kenntnis davon, dass es so etwas überhaupt gibt. Erst 2001, als ich eine Studienreise nach England zu Arsene Wenger machte, gingen mir die Augen auf. Ich habe dort das Prozone-System gesehen, seitdem bin ich von diesen Analyse-Möglichkeiten begeistert.
  2. Kann man sich auch beim Datensammeln „überfressen“ und den Blick für das Wesentliche verlieren?

    Absolut. Ich wurde oft als Daten-Freak abgestempelt, aber in Wirklichkeit bin ich ein Verfechter der Theorie, dass das Auge des Trainers entscheidend ist. Es ist nur wichtig, dass man seine Eindrücke mit den Daten vergleicht, um zu kontrollieren, ob die Richtung stimmt.
  3. Geht´s-aussi-und-spielt‘s-euer-Spiel oder „Fußball-Matrix“ – wie wichtig ist das Bauchgefühl?

    Das Bauchgefühl ist ganz und gar wichtig. Vor allem, wenn einmal das Spiel läuft, ist das Bauchgefühl des Trainers am wichtigsten. Alles, was man nicht intuitiv abgespeichert hat, kann man an der Linie nicht abrufen. Unter dem Spiel müssen Entscheidungen blitzschnell getroffen werden, für große Überlegungen ist da einfach keine Zeit. 

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