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Die Macht der Familien

Von Dietmar Mascher   03. November 2016 00:04 Uhr

Das Ehepaar Schwarz formte den Weltkonzern Engel
1945
Ludwig Engel sollte für einen Geschäftspartner Kunststoffmaschinen herstellen. Das war der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Seine Tochter Irene und ihr Mann Georg Schwarz (im Bild) führten das Unternehmen von 1965 an 35 Jahre – und an die Weltspitze. Engel-Maschinen werden nicht nur weltweit eingesetzt, sie werden auch weltweit (in den USA wie in Asien) hergestellt. Jetzt wird das Schwertberger Unternehmen bereits von der vierten Generation geführt.

Jedes zweite Großunternehmen in Oberösterreich befindet sich in Familienbesitz. Diese Betriebe sind das Rückgrat der heimischen Wirtschaft.

Als Eduard Klinger vor 85 Jahren in der Wiener Straße in Linz einen Schlossereibetrieb gründete, tat er das nicht, weil er beseelt war vom Unternehmertum, sondern weil er keinen Job fand. Heute ist das Unternehmen unter dem Namen IFN Internorm bekannt, einer der größten Fensterhersteller Europas und einer der größten Arbeitgeber des Landes. Das Unternehmen wird in dritter Generation von seinen Enkelkindern Christian und Anette Klinger sowie Stephan Kubinger geführt. "Neun von zehn Familienbetrieben scheitern in der dritten Generation. Wir schaffen es bereits seit 20 Jahren", sagt Christian Klinger nicht ohne Stolz.

Ein paar Kilometer weit vom Internorm-Hauptsitz entfernt lenkt ebenfalls die dritte Generation ein weltweit erfolgreiches Unternehmen. Während seine Mutter Sissy und seine Schwester Victoria durch ihre Erfolge im Dressurreiten einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind, hält sich Johannes Max-Theurer im Hintergrund, traditionell wie sein Großvater Josef Theurer, der 1953 mit Franz Plasser ein Unternehmen für Gleisstopfmaschinen gegründet hatte. Heute ist Plasser & Theurer Weltmarktführer.

Oberösterreich hat mehrere solcher Beispiele zu bieten. Seit 100 Jahren führen die Familien Richter und Fritsch die Welser Firma Richter Pharma. Generell ist Wels geradezu ein Biotop für Familienunternehmen, die zum Teil auch durch Heirat miteinander verflochten sind. 

Der verstorbene Trodat-Gründer Walter Just ist der Großvater von Franz-Josef Doppler, des Chefs der gleichnamigen Tankstellen-Firma (Turmöl). Und auch die großen Welser Firmen Felbermayr und Resch & Frisch sind klassische Familienbetriebe, die sich zu beachtlicher Größe entwickelt haben und auch international Beachtung finden.

Neun von zehn Unternehmen in Österreich sind Familienbetriebe. Sie sind das Rückgrat der Wirtschaft. Ohne Berücksichtigung von Einpersonenunternehmen sind immer noch mehr als 50 Prozent der Betriebe Familienunternehmen und für 60 Prozent der Umsätze verantwortlich. Das trifft auch auf das Ranking der größten Firmen im Land zu. Dass sie Stabilität repräsentieren, lässt sich auch mit Zahlen belegen. 69 Prozent der heimischen Familienbetriebe haben ihre Umsätze im Vorjahr erhöht, nur sieben Prozent mussten Einbußen verzeichnen. Diese Werte liegen über dem europäischen Durchschnitt.

Nachhaltigkeit sei das Schlagwort im Zusammenhang mit Familienbetrieben, sagt Maria Schlagnitweit, Partnerin beim Steuerberater und Wirtschaftstreuhänder LeitnerLeitner in Linz und Spezialistin für Familienbetriebe. „Nachhaltig heißt, dass langfristig auch Werte im Unternehmen gelebt werden. Und sie sind meist besser in der Lage, Krisen zu meistern“, sagt Schlagnitweit.

„Nicht getrieben von Quartalsberichten“

„Familienbetriebe sind nicht getrieben von Quartalsberichten und dem Druck der Börse. Man denkt hier wirklich noch in Generationen“, sagt auch Doris Hummer. Die ehemalige Forschungs- und Bildungslandesrätin hat nach ihrem Rückzug aus der Landesregierung neben ihrem Vater die Geschäftsführung des Familienunternehmens Domico übernommen, ein mittelständisches Industrieunternehmen mit 150 Mitarbeitern und Hauptsitz in Vöcklamarkt. Ihr Vater hat das Unternehmen 1978 gegründet. Hummer führt Domico jetzt mit ihrem Vater gemeinsam. „Sehr harmonisch“, wie sie betont.

Das Thema Übergabe ist in Familienunternehmen eines der meistdiskutierten. Zwei Drittel der Familienbetriebe sind mehr als 30 Jahre alt, ein Viertel ist sogar älter als 50 Jahre. Das heißt, in vielen ist schon mindestens die zweite Generation am Werk.

Doris Hummer: Der Ton in der Sozialpartnerschaft wird rauer
"Es muss für Familien erstrebenswert bleiben, ihre Firma weiter zu führen und nicht zu verkaufen und in Mietshäuser zu investieren."
Doris Hummer, Geschäftsführerin Fa. Domico

Die KMU Forschung Austria hat ermittelt, dass zwischen 2014 und 2023 45.700 Unternehmen vor dieser Herausforderung stehen, die Familien und fast eine halbe Million Mitarbeiter gleichermaßen beschäftigen.

7000 Übergaben pro Jahr

„Jährlich werden für bis zu 7000 Unternehmen Nachfolger gefunden. Der Prozentsatz der Nachfolger, die dabei scheitern, ist geringer als bei Neugründungen“, schreiben Maria Schlagnitweit und ihre Kollegen von LeitnerLeitner im Buch „Jetzt seid ihr dran - Unternehmensnachfolge richtig steuern“, das diese Woche erschienen ist.

Mit der Unternehmensnachfolge sind zahlreiche Probleme und Fragen verbunden. Wenn man das Unternehmen an die Kinder übergibt, sind diese überhaupt in der Lage, das zu meistern? Haben sie Interesse und Lust? Was ist, wenn mehrere Kinder da sind?

In früheren Zeiten war die Unternehmensübergabe an die Kinder mittels Schenkung oder Erbschaft die Regel. 1996 fanden 75 Prozent der Unternehmensnachfolgen innerhalb der Familien statt, 2001 waren es noch zwei Drittel, jetzt ist es nur noch jedes zweite Unternehmen, das an die leiblichen Nachfolger übergeben wird.

Aber wie soll man dies regeln? Die Spängler Bank, selbst ein Unternehmen in Familienbesitz, hat sich auf die

Beratung von Familien und deren Nachfolger spezialisiert. Bewährt habe sich dabei, einen Familienkodex zu erarbeiten“, sagt Walter Schnitzhofer von der Spängler Bank. Je früher dieser erarbeitet und familienintern abgesegnet wird, desto leichter fällt die Übergabe und desto überschaubarer die familieninternen Konflikte. „Denn davon kann es schon einige geben“, sagt Schnitzhofer. Etwa wenn ein Familienunternehmen so erfolgreich und der Unternehmenswert so hoch ist, dass andere Familienmitglieder nicht ausgezahlt werden können. Oder wenn mehrere Eigentümer unterschiedliche strategische Ziele haben. „Aber auch wenn Geschwister ein Unternehmen übernommen haben und dann heiraten. Diese zugeheirateten Partner können dann einiges durcheinander bringen“, erzählt der Berater aus der Praxis. Im Familienkodex soll klar geregelt werden, wer was darf, wie die Geschäftsführung bestellt wird und wie der Aufsichtsrat ausgewählt wird. „Gründer setzen meist ihre Freunde und Geschäftspartner in den Aufsichtsrat. Wenn dann die Nachfolger kommen, muss klar sein, wie es weitergeht.“

Führen und besitzen?

Dazu muss auch klar sein, ob der Eigentümer das Unternehmen selbst führt oder nur noch besitzt. In der Praxis kann es da schon einen Paradigemenwechsel geben, wie das das Beispiel Greiner zeigt. Dort waren bis vor einigen Jahren Mitglieder der deutschen und österreichischen Familien im Management vertreten. Und im so genannten Goldfischteich wurden auch Familienmitglieder für höhere Aufgaben ausgebildet und vorbereitet. Nach dem Rückzug von Axel und Boris Greiner aus der Unternehmensführung besteht der Vorstand nur noch aus externen Managern.

Beispiel Fischer Ski

Auch beim Skihersteller Fischer, der von Spängler beraten wurde, haben externe Manager im täglichen Geschäft das Sagen. Die Familie, und das ist klar geregelt, ist nur noch im Aufsichtsrat vertreten und kann auf diese Weise bei strategischen Weichenstellungen Einfluss nehmen. „Größere Familienunternehmen haben in der Region meist eine höhere gesellschaftliche Verantwortung, auch gegenüber den Mitarbeitern. Man sieht »»» » häufig auch, dass es soziales Engagement gibt oder Mitarbeiterbeteiligung. Das zählt zu den positiven Seiten von Familienbetrieben. Ebenso die Unabhängigkeit. Und wenn alles passt, entsteht eine unglaubliche Leidenschaft“, sagt Schnitzhofer.

Auch Gefahr der Eskalation

Wenn nicht alles passt, kann das ein Unternehmen freilich auch in den Abgrund führen. „Ich kenne Beispiele, bei

denen die Übergabe so schlecht vorbereitet war, dass sie in einem Familienstreit kulminierte und mit Betretungsverboten in der Firma endete“, sagt Doris Hummer, die als Chefin des VP-Wirtschaftsbundes regelmäßig Firmen besucht und Übergaben hautnah erlebt. „Für mich selbst war immer klar, dass ich einmal das Unternehmen übernehme. Ich habe als Ferialpraktikantin gearbeitet und nach dem Studium hier zu arbeiten begonnen.“

Dass sie aber selbst daneben ein eigenes Unternehmen gegründet und sich auch politisch engagiert hat, sei in diesem Zusammenhang aber sehr wichtig gewesen. „Beides waren Erfahrungen, von denen ich profitiere. Generell halte ich es für wichtig, auch einmal außerhalb etwas zu machen;“ sagt Doris Hummer.

Extern Erfahrung sammeln

Das bestätigt auch Schnitzhofer. „Die Kinder sollten im Ausland oder bei anderen Betrieben arbeiten. Nicht nur als Praktikanten, sie sollen sich dort durchsetzen. Wenn sie dann zurückkommen und dann in einer gehobenen Position einsteigen, haben sie ein anderes Standing, als wenn sie nach der Matura oder anderer Ausbildung gleich im elterlichen Betrieb anfangen“, sagt Schnitzhofer.

Beraterin Maria Schlagnitweit sieht in der Nachhaltigkeit der Familienbetriebe nicht nur Vorteile. „Bisweilen führt das langfristige Denken dazu, dass gewisse Beharrungstendenzen im Vordergrund stehen. Der Druck, sich als Unternehmen immer wieder neu zu erfinden, ist bei Familienunternehmen vielleicht nicht so groß.“

Wann soll man als Chef eines Familienunternehmens zum ersten Mal an Übergabe denken? „So bald wie möglich. Man kann das nicht früh genug machen. Aber für den Fall, dass dem Eigentümer etwas passiert, sollte alles geregelt sein. In der Regel ist der erste Notfallplan hoffentlich einer, den man nie benötigt“, sagt Schlagnitweit. Als Faustregel gelte, dass man etwa zehn Jahre vor dem geplanten Rückzug mit den Vorbereitungsarbeiten beginnen sollte. Schlagnitweit rät ihren Kunden auch, den Kindern sukzessive Aufgaben zu übertragen und ihnen dabei einen gewissen Freiraum zu lassen und ihnen dort nicht dreinzureden. Tatsächlich haben zwei Drittel der Übergeber heute einen Plan, wie sie vorgehen wollen.

Besser als Zinshäuser

„Man muss sich auch fragen, ob man den Kindern im Zuge einer Unternehmensübergabe etwas Gutes tue“, sagt Doris Hummer. „Auf der anderen Seite muss es aber auch der Wirtschaftspolitik gelingen, die Familien zu überzeugen, dass es sich lohnt, das Unternehmen nicht zu verkaufen und den Erlös in Mietshäuser zu investieren. Es braucht Zuversicht. Und die Rahmenbedingungen müssen passen“, sagt Doris Hummer, die als Nachfolgerin heute bei weitem kein Einzelfall mehr ist. 2014 haben etwa gleich viele Töchter wie Söhne die Nachfolge im Unternehmen angetreten, 1996 war nur jeder dritte Nachfolger weiblich. Nachfolger sind im Durchschnitt 37,4 Jahre alt und haben zu diesem Zeitpunkt zwischen neun und zwölf Jahren Berufserfahrung. Sie müssen also nicht so lange warten wie der Nachfolger der Queen, nach dem ein eigenes Nachfolge-Phänomen benannt ist: das Prince-Charles-Syndrom.

Carl Richter, der Sohn des Firmengründers der heutigen Richter Pharma AG, im Kreis seiner Familie.

440 Jahre Erfahrung

Sommerfrische in Hinterstoder, gemeinsam mit Familie und Freunden – so inszenierten sich die Unternehmerfamilien wie die Richters Anfang des 20. Jahrhunderts. Ausgegraben wurde das Foto bei der Aufarbeitung der Firmengeschichte der Richter Pharma AG durch Verena Hahn-Oberthaler und Gerhard Obermüller von der Linzer Agentur Rubicom. Sie ist auf historische Kommunikation spezialisiert. Zweieinhalb Jahre haben die Experten den reichen Fundus der Firma, deren Wurzeln 440 Jahre zurückreichen, gesichtet und geordnet. Das Ergebnis wurde Anfang Oktober in Form eines Buches und einer Dauerausstellung in der Welser Kunstmühle Fritsch präsentiert. "Florian Fritsch war die Absicherung des historischen Erbes wichtig", erzählt Hahn-Oberthaler. Es blieb aber nicht bei der Vergangenheitsbetrachtung. Ein Werteworkshop zur aktuellen Standortbestimmung wurde ebenfalls absolviert. "Schließlich ist der Wert eines Unternehmens die Summe seiner Erfahrungen."

1945

Günter Fronius gründet in Pettenbach einen EinMann-Elektrobetrieb. Der gebürtige Siebenbürger, der im Vorjahr im Alter von 107 Jahren verstarb, machte aus diesem Betrieb ein Vorzeigeunternehmen für Lade- und Schweißgeräte. Dazu entwickelte sich das Familienunternehmen zu einem Pionier der Photovoltaik.

1843

Der Linzer Buchdrucker Josef Wimmer übernimmt nach dem Tod seiner Frau deren Druckerei und gründet 1865 die Tagespost, die Vorgängerzeitung der OÖNachrichten. Der jetzige Herausgeber Rudolf A. Cuturi ist direkter Nachkomme Wimmers.

1866

Johann Rosenbauer war nicht nur leidenschaftlicher Feuerwehrmann, sondern auch Unternehmer. Er verband beides und gründete in Linz einen Handelsbetrieb für Feuerwehrutensilien. Heuer feiert das Unternehmen das 150-jährige Bestehen. Es befindet sich immer noch in Familienbesitz. Nachkomme Dieter Siegel führt Weltmarktführer Rosenbauer als Vorstandschef.

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