Lade Inhalte...

Innenpolitik

Weniger schwere Verläufe mit Omikron, dennoch wird die Lage im Jänner "ernst"

Von Alexander Zens  28. Dezember 2021 10:16 Uhr

Symbolbild: Intensivstation

WIEN/LINZ. Die "gesamtstaatliche Covid-Krisenkoordination" (Gecko) hat in ihrer Sitzung am Montagabend Untergruppen zur intensiveren Behandlung der wichtigen Themen eingesetzt. Erstmals waren bei dieser Sitzung auch die Sozialpartner am Tisch. Konkrete Empfehlungen an die Politik wurden diesmal nicht ausgesprochen.

Zu den großen Themen wie Testen, Impfen, Auslastung der Spitäler und der Intensivstationen oder Covid-Arzneimittel wurden Untergruppen eingesetzt. In diesen kleineren Expertenkreisen sollen die wichtigen Fragen zu den einzelnen Themen aufbereitet werden, damit in der großen Gecko-Runde dann etwaige Empfehlungen an die Politik beschlossen werden können.

In der Gecko-Sitzung am Montagabend waren erstmals auch die Sozialpartner dabei. Für die Arbeiterkammer saß Direktor Christoph Klein am Tisch, für die Wirtschaftskammer Generalsekretär Karlheinz Kopf und für die Sozialversicherung Volker Schörghofer, Direktor im Dachverband der Sozialversicherungsträger.

Konkrete Empfehlungen an die Politik seien von der Gecko am Montagabend nicht beschlossen worden, hieß es aus Sitzungskreisen gegenüber der APA. Man sei aber zu der Einschätzung gekommen, dass die in der vorigen Woche gefassten Beschüsse funktionieren. Diesen zufolge wurde die Sperrstunde in Lokalen mit dem gestrigen Montag bereits um eine Stunde auf 22 Uhr vorverlegt, was auch für den Silvester gilt. Außerdem wurden die Teilnehmerzahlen bei Veranstaltungen beschränkt. Großes Ziel der Gecko sei es, die Ausbreitung der Omikron-Variante in Österreich zu verlangsamen, hieß es. Es gehe darum Zeit zu gewinnen und die Spitalsbetten zu leeren. Dazu müssten die sozialen Kontakte der Menschen reduziert werden.

"Die Lage bleibt ernst"

„Wir werden höhere Infektionszahlen aushalten“, sagte Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Kepler-Universitätsklinikum Linz, im OÖN-Gespräch mit Verweis auf aktuelle Zahlen aus Großbritannien, wo Omikron schon weit verbreitet ist. Dort beträgt die Hospitalisierungsrate aktuell 1:98 – von 98 Corona-Infizierten muss einer ins Spital. Bei der Delta-Variante betrug die Rate 1:62, bei der Alpha-Variante 1:17. Die Reduktion ergibt sich wechselseitig aus dem steigenden Immunisierungsgrad in der Bevölkerung und der sinkenden Wucht des Virus.

„Das ist erfreulich, aber es gibt noch keine große Entspannung. Die Lage im Jänner und Februar wird ernst bleiben“, sagte Lamprecht. Denn Omikron ist deutlich ansteckender, laut jüngsten Erkenntnissen verbreitet es sich in den oberen Atemwegen rund 70 Mal schneller als Delta. Und wenn die Infektionszahlen exorbitant steigen, reichen minimale Hospitalisierungsraten, um das Gesundheitssystem zu überlasten. Lamprecht betonte, dass man mit noch immer relativ hohen Belagszahlen in die nächste Welle gehe (gestern 60 Intensivpatienten in Oberösterreich). Es werde weiter „dämpfende Maßnahmen“ brauchen.

Manche brachten ins Spiel, die Omikron-Welle schnell hoch werden zu lassen und durchzutauchen, andere raten zur Verzögerung und Abflachung. „Den goldenen Mittelweg zu finden, wird die erste große Herausforderung des Jahres 2022“, sagte Lamprecht.

Video: Bernd Lamprecht im Interview

Laut dem Simulationsexperten Niki Popper von der Technischen Universität Wien, der Mitglied von „Gecko“ ist, gibt es „starke Indizien“, dass die Welle im Jänner wieder steigen wird. Das hänge auch damit zusammen, dass Omikron die Immunantwort stärker umgehe, so Popper in Ö1. Laut Lamprecht dürfte die Wirkung der Impfung gegen schwere Verläufe aber auch bei Omikron zwischen 75 und 95 Prozent liegen.

Paradigmenwechsel

Popper erwartet einen gewissen „Paradigmenwechsel“ mit Omikron – hohe Fallzahlen, weniger schwere Erkrankungen. Wichtig sei aus epidemiologischer Sicht, früh zu reagieren. Denn oberstes Ziel sei es, einen Lockdown zu verhindern. Andreas Bergthaler vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Akademie der Wissenschaften sagte, man befinde sich gerade aller Voraussicht nach an einem Wendepunkt, die Infektionszahlen würden wahrscheinlich wieder stark steigen. Gestern wurden bundesweit 1550 Neuinfektionen gemeldet.

„Wir befinden uns gerade aller Voraussicht nach an einem Wendepunkt. Die Neuinfektionszahlen werden wahrscheinlich wieder stark steigen.“ - Andreas Bergthaler, Akademie der Wissenschaften

Oberösterreichs Ärztekammer-Präsident Peter Niedermoser sagt: „Bei dem, was unser Gesundheitssystem schon geschafft hat, werden wir auch Omikron durchstehen.“ Ob mit oder ohne Lockdown? „Das ist offen.“

Streichholz in eine Benzinlache

Der deutsche Infektiologe Mathias Pletz vom Uniklinikum Jena rechnet damit, dass „die Wellen immer flacher werden, auch wenn neue Varianten kommen“. Das Grundproblem sei gewesen, dass das Virus zu Beginn auf eine Bevölkerung ohne Immunität getroffen sei. „Das war, wie ein Streichholz in eine Benzinlache zu werfen.“ Nun gebe es eine Hybridimmunität, die sich aus Impfung und Infektion zusammensetze. Gut 70 Prozent haben in Österreich laut Lamprecht Schutz aufgrund Impfung oder Genesung.

Die Zahl der bestätigten Omikron-Fälle hat sich in Österreich von Kalenderwoche 50 auf 51 fast vervierfacht, von 20. bis 26. Dezember wurden laut der Bundes-Gesundheitsagentur AGES 1218 Fälle nachgewiesen. 

Der Mathematiker und Simulationsexperte Niki Popper

Video: Test-Gipfel berät über Vorgehen

Artikel von

Alexander Zens

Redakteur Politik

Alexander Zens

240  Kommentare 240  Kommentare