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Weltspiegel

Afghanistan: Hunger könnte mehr Menschenleben fordern als 20 Jahre Krieg

Von nachrichten.at/apa   15. August 2022 16:55 Uhr

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KABUL. Nach einem Jahr Taliban-Regime herrscht in Afghanistan eine Hungerkrise.

Das meldete die Hilfsorganisation International Rescue Commitee (IRC) am Montag und warnte: Die derzeitige Krise könnte mehr Menschen in Afghanistan das Leben kosten als die vergangenen 20 Jahre Krieg. "43 Prozent der afghanischen Bevölkerung lebt von weniger als einer Mahlzeit am Tag", so IRC. Besonders betroffen sind nach Angaben von IRC von Frauen geführte Haushalte.

Rotes Kreuz drängt auf Hilfe

Auch das Rote Kreuz drängt auf Hilfe für das Land. Hilfsorganisationen allein könnten die öffentlichen Institutionen eines Landes mit 40 Millionen Einwohnern nicht ersetzen, meinte IKRK-Generaldirektor Robert Mardini. Geldgeber, die sich nach dem Machtwechsel aus Afghanistan zurückgezogen haben, sollten demnach ihre Hilfe fortsetzen. Viele Afghanen befänden sich schon jetzt in einer unerträglichen Lage, was Risiken für die Stabilität des Landes berge. "Armut ist nach unserer Erfahrung ein Rezept für Spannungen", so Mardini weiter.

Kämpfer der Taliban haben am Montag in der Nähe der geschlossenen US-Botschaft in Kabul die Rückkehr ihrer radikalislamischen Miliz an die Macht vor einem Jahr gefeiert. Viele brachten zu ihrer Kundgebung auf dem angrenzenden Massud-Platz die weißen Banner der Taliban-Regierung mit und skandierten immer wieder Siegesparolen.

Offizielle Feiern zum Jahrestag waren nicht geplant, doch das Staatsfernsehen wollte ihn mit einem Sonderprogramm begehen. An allen Laternenpfählen entlang der Straße zum Flughafen wehten zudem die Fahnen der Taliban. Regierungssprecher Bilal Karimi sprach auf Twitter von einem "Tag des Siegs und des Glücks für die afghanischen Muslime und das Volk".

Während die Taliban ihren Jahrestag zelebrierten, meldeten afghanische Rebellen einen ihrer bisher größten Schläge gegen die militanten Islamisten. Nach eigenen Angaben hat die "Nationale Befreiungsfront" am Montag 40 Taliban-Kämpfer festgenommen und fünf weitere von ihnen getötet. Die Widerstandsgruppe Nationale Befreiungsfront (NRF) gilt neben dem "Islamischen Staat" als größte Konkurrenz zu den Taliban.

Die Taliban-Regierung hat sich selber noch nicht dazu geäußert. Der Verteidigungsminister der Taliban, Mullah Yaqoob Mujahid, sagte aber am Montag, die Regierung werde Rebellen unter allen Umständen bekämpfen.

Auf Bildern in den sozialen Medien zeigen sich die Rebellen der NRF unterdessen mit den gefangenen Taliban-Kämpfern im Panjir-Tal. Die rund 170.000 Einwohner zählende Provinz nördlich von Kabul gilt traditionell als Hochburg des Taliban-Widerstands. Umso größer war der Rückschlag für alle Taliban-Gegner, als die neuen Machthaber in Kabul das Tal mit seinem steilen und schroffen Gebirge im September vergangenen Jahres doch einnehmen konnten. Das Panjir-Tal gilt auch als Geburtsort der NRF.

Anführer der NRF ist Ahmad Massoud, Sohn des legendären Ahmad Shah Massoud. Ahmad Shah Massoud galt als führende Figur des Taliban-Widerstands während der ersten Herrschaft der militanten Islamisten in den 90er Jahren und spielte auch eine zentrale Rolle im Widerstand gegen die Sowjetunion, die Afghanistan in den 80er Jahren besetzte. Anders als sein Vater konnte Ahmad Massoud bisher keine Gebiete von den Taliban befreien, auch weil die NRF keine Unterstützung außerhalb Afghanistans erhält.

Nach dem Beginn des Truppenabzugs der USA und ihrer Verbündeten im vergangenen Jahr hatten die Islamisten rasch zahlreiche Gebiete Afghanistans erobert. Am 15. August 2021 stürmten sie den Präsidentenpalast in der Hauptstadt und übernahmen damit die Kontrolle über das ganze Land. Bis heute wird ihre Regierung allerdings von keinem Land anerkannt.

Als eine der Hauptgründe für den rasanten Kollaps der afghanischen Regierung und die Machtübernahme der Islamisten gilt unter Experten neben Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung auch Korruption bei der afghanischen Armee und der vom Westen gestützten politischen Elite.

Der Preis ist für die Menschen in Afghanistan hoch, wie IRC verdeutlicht: "Die Kürzung der Gelder für Entwicklungszusammenarbeit in Verbindung mit der Einfrierung von Vermögenswerten und dem Zusammenbruch des Bankensektors haben zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch geführt." Hohe Verluste habe die afghanische Wirtschaft auch dadurch erlitten, dass die Taliban afghanischen Frauen viele Berufe verschlossen haben.

Auch das zivile Engagement leidet nach Angaben von IRC derzeit stark. 77 Prozent der von Frauen geführten zivilgesellschaftlichen Organisationen hätten in den vergangenen zwölf Monaten ihre Finanzierung verloren und dadurch ihre Aktivität einstellen müssen. Insbesondere von Frauen geführte zivilgesellschaftliche Organisationen sollten Zugang zu Fördermitteln erhalten, fordert IRC.

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