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Franz Brunner: Wenn das Maß nicht mehr stimmt

26. Mai 2020 11:11 Uhr

Franz Brunner
Franz Brunner

STEYR. Franz Brunner lässt Sie heute in der Serie "würzige WortWechsel" wissen, warum das Maß eigentlich schon übervoll ist und was Corona, Helmut Qualtinger und Albert Einstein mit seinen Gedanken zu tun haben. Am Donnerstag begleitet Sie wieder Astrid Miglar mit ihrer würzigen Gefühlswelt durch den Tag.

Wenn das Maß nicht mehr stimmt.

Sie liegen jetzt vermutlich völlig falsch. Ich meine nicht die Anprobe im Modegeschäft ihres Vertrauens, wenn Sie während des Auswahlverfahrens zur traurigen Erkenntnis kommen: die bisherigen Maßangaben stimmen bedingt durch einen unerklärlichen Zugewinn an Masse mit den aktuellen Maßen nicht mehr überein. Die Haut ist zu eng, die Schuhbänder sind zu weit weg oder gar durch den Schwimmreifen um die Körpermitte boshaft verdeckt. Nein, dieses Maß meine ich nicht. Eher von Unmäßigkeit soll die Rede sein und davon, dass das Maß nun voll ist.

Ich liege nach getaner Gartenarbeit zufrieden am Rücken, mitten am frisch gemähten Rasen. Den Blick verträumt gegen den Himmel, der definitionsgemäß oben ist, gerichtet. Genauere Angaben unterliegen dem Datenschutz und spielen zudem für die weitere Abhandlung keine Rolle. Hauptsache, der Blick nach oben ist frei. Die Wolkendecke ist dicht, ich tippe auf etwa 95 Prozent Bewölkung, es kann mir ja keiner anderes beweisen. Der Wind treibt die Wolken flott und beharrlich von West nach Ost. Und dann sind sie plötzlich da, die kleinen blauen Flecken am Himmel. Es sind nur wenige, drei oder vier davon tummeln sich in meinem Blickfeld. Und genau das macht sie für mich interessant. Drehen Sie den Spieß um, so ist der Effekt der gleiche. Wenn der Himmel einige Tage hintereinander strahlend blau ist, sind auf einmal die kleinen Wolken interessant. Wie diese mystisch wie aus dem Nichts entstehen, sich aufbauen, zusammenrotten und auf unerklärliche Weise wieder verschwinden, das beflügelt die Fantasie. Weniger ist oft mehr, meint der Volksmund wissend. Und das trifft's wohl auf den Punkt. Der Reiz liegt im Mangel, an der Entbehrung und der Vorfreude.

Oder die Sache mit dem Schnitzel, da ist's genauso. Früher war Wiener Schnitzel in den meisten Familien ein Sonntagsessen, einmal im Monat, eine Besonderheit. Heute kann man in jedem Möbelhaus, wenn man will täglich, ein Schnitzel um 4 Euro 90 ergattern, wenn auch Qualität und Esskultur dabei auf der Strecke bleiben. Der durchschnittliche Konsument, der legendäre Normalverbraucher, hat mit der Zeit das Maß für die Ausgewogenheit von Notwendigkeit und Besonderheit verloren.

Er kann alles haben, zu jeder Zeit an jedem Ort, er diktiert außerdem forsch den Preis. Die Qualität ist zweitrangig, die bestimmen ohnehin die anderen, die Produzenten und Lieferanten. Die sind meist weit weg und für Diskussionen daher nicht zu haben. Und jetzt hat uns tatsächlich dieser kleine Teufel, der COVID-19 vor Augen geführt, dass vieles nicht mehr passt, das Maß nicht mehr stimmt. Jeder möchte zu viel von allem haben und dafür möglichst wenig bezahlen. Der Wert der Dinge gerät ins Wanken. Gerade bekommen wir die Rechnung präsentiert, unterm Strich durchwegs bedenkliche, teils erschreckende Ergebnisse. Nein, nicht die Ergebnisse sind falsch, die Eingaben sind es. Der Fehler liegt ausschließlich bei den Eingaben und kaum einer will’s glauben.

Für eine Korrektur ist es diesmal zu spät, die Fakten liegen schon länger auf dem Tisch, passiert ist passiert. Jetzt ist erstmal Schadensbegrenzung angesagt, und dann bleibt zu hoffen, dass die Richtungsänderung funktioniert, bevor wir zielsicher den nächsten Baum anvisieren. Der Baum wird kommen, ganz bestimmt. Die Welt ist voller Bäume, es liegt allein an uns, diesen auszuweichen. Erinnern wir uns, zumindest die älteren in der lesenden Runde, an Helmut Qualtinger. An den einzigartigen Grantler, den Raunzer, den rundlichen Propheten, der einst den Halbwilden auf seiner Maschine sagen ließ:

"Zwar hab ich ka Ahnung wo ich hinfahr, aber dafür bin i g'schwinder durt!"

Ja, wir waren tatsächlich schneller dort, als wir ahnen konnten, nämlich an jenem Punkt, an dem es ratsam wäre, umzudrehen, zumindest jedoch die Richtung zu ändern, bevor wir uns endgültig um den Baum wickeln. Nicht jeder muss alles um jeden Preis haben, das scheint nicht wirklich vernünftig zu sein. Ach ja, von wegen Vernunft, da kommt mir abschließend Albert Einstein in den Sinn, der meinte leicht resignierend:

"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher."

Es ist strittig, ob dieser bissige Ausspruch wirklich von ihm stammt. Hoffentlich ist genauso strittig, dass der Verfasser, wer immer es auch war, recht hat. Es deutet wenig darauf hin, doch beruhigen tät’s mich schon, wenn dieser sich geirrt hat.

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