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Steyr

Franz Brunner: Kampf der hohlen Phrasen

27. Oktober 2020 10:45 Uhr

Franz Brunner
Franz Brunner

STEYR. Heute appelliert Autor Franz Brunner an den Hausverstand, plädiert für Rücksichtnahme und regt dazu an, ein wenig zu denken.

Kampf der hohlen Phrasen.
Eigenverantwortung, Hausverstand, Vernunft, Rücksicht und Corona.

Was haben diese Begriffe gemeinsam? Sie kommen nicht drauf? Dann sind Sie am richtigen Weg, der Lösung bereits sehr nahe. Na, haben Sie’s jetzt? Gratuliere. Nichts, da passt gar nichts zusammen, am besten vergessen Sie diese Wörter rasch wieder. Wenn’s darum geht, eine Krise zu bewältigen, kann man damit bestenfalls hohle Phrasen basteln. Alles nur abstrakte Begriffe ohne praktische Bedeutung, die zudem nichts miteinander zu tun haben. Genau so gut könnte ich die Wörter Vorschlaghammer, Haschisch, Meerschweinchen und Pizza aneinanderreihen. Reine Willkür, dem Zufall geschuldet. Gut, da würde ich bei meiner blühenden Fantasie trotzdem einen Zusammenhang finden. Sie glauben's mir nicht? Eine leichte Übung, alsdann:

Ich habe mein Meerschweinchen wegen groben Ungehorsams mit dem Vorschlaghammer zermalmt, anschließend die Pizza damit belegt. Und damit es besser mundet, diese zum Schluss mit einem Hauch Haschisch abgeschmeckt, so wie man das ja auch manchmal bei Keksen erfolgreich macht.

Sie hätten's mir besser ohne Beweis glauben sollen, dass ich Fantasie habe, jetzt habe ich Ihnen wohl den Appetit verdorben. Der ist mir allerdings schon lange vergangen. Sobald ich was von Eigenverantwortung oder Vernunft höre, bekomme ich Pusteln. Sofort sehe ich vor meinem geistigen Auge den Papiercontainer unweit unseres Hauses. Davor liegt ein Haufen Pizza-Reste, vermutlich von der Meerschweinchen-Pizza, daneben ein ausgedienter Kühlschrank. Wahrscheinlich hat der sich geweigert, die Pizza aufzunehmen und wurde ebenfalls mit dem Vorschlaghammer gekillt. Das hat er jetzt davon, aber was kann ich dafür? Warum muss ich mich jetzt vor Ratten ekeln, die sich um die Pizza-Reste streiten? Etwa, weil meine Mitmenschen bereits zum Frühstück Haschisch konsumieren und den Papier-Container nicht mehr als solchen erkennen? Sehen so Hausverstand und Vernunft aus?

Es scheint schon länger so zu sein oder war's von jeher so, dass Vernunft und Hausverstand nicht automatisch zur Grundausstattung des Normalbürgers gehören. Daher haben wir auf demokratischem Weg Führungskräfte rekrutiert, die für uns die Denkarbeit übernehmen. Die haben sämtliche Informationen, die Ausbildung und das ehrliche Bemühen, uns die schweren Entscheidungen abzunehmen.

Jetzt dürfen Sie, bevor Sie weiterlesen, kurz nachdenken und gegebenenfalls schmunzeln. Keinesfalls laut lachen, das wäre viel zu gefährlich.

Manch einer wird nun einwenden, dass diese Dinge ohnehin gar nicht soooo wichtig sind, wie uns die Politik das gerne weismachen möchte. Und es ist tatsächlich schwer zu argumentieren, wenn man nüchtern die Zahlen betrachtet. Zahlen lügen bekanntlich nie und das Internet sehr selten. Atmen Sie jetzt einmal richtig tief durch und riskieren Sie mit mir einen gedanklichen Ausflug.
Die Google-Suche nach Eigenverantwortung ergibt fast 4 Millionen Treffer, jene nach Vernunft etwa 15 Millionen und der Hausverstand knackt knapp die Million. Dem gegenüber steht die Suche nach einigen Grundnahrungsmitteln ganz anders da. Bier als Suchbegriff führt zu 120 Millionen Treffern, der Wein hat stolze 102 Millionen aufzuweisen. Verstehen Sie, worauf ich hinaus will? Die Bedeutung dieser schwammigen Begriffe, die uns alle retten sollen, wird ganz und gar überbewertet, die Nahrungsaufnahme ist das, was den Normalbürger beschäftigt. Haben wir genug zu essen und zu trinken? Das sind die Kernfragen. Corona hin oder her, aber wer möchte schon gerne verhungern, wer verdursten? Und fast noch wichtiger scheint vielen, sich am Abend unters Spaßvolk mischen zu können, um sich ohne die Einhaltung irgendwelcher Schutzmaßnahmen auszutoben. Solange es dumme Mitbürger gibt, die unverfroren und stolz in den Medien kundtun, auf sämtliche Maßnahmen zu sch…, also zu verzichten, haben die Einschränkungen ihre Berechtigung.

Die geistig beschränkte Fraktion provoziert die Rücksichtsvollen damit, ihre Stammtische und Sauf-Feten in den privaten Bereich zu verlegen. Bevor ich’s vergesse: der Spaß als Suchbegriff führt zu über 300 Millionen Treffern. Gott behüte, wenn diese Zahlen tatsächlich den Zustand unserer Gesellschaft spiegeln.

Die Reduzierung der sozialen Kontakte ist demnach eine klare Fehlansage. Seien wir doch ehrlich und lassen wir das Gefasel von der Eigenverantwortung. Ein großer Teil der Bevölkerung kann diesen Begriff nicht einmal richtig schreiben, geschweige denn leben.

Die Lösung? Ich kenne sie nicht, vertraue dennoch ein wenig darauf, dass unsere demokratisch legitimierten Entscheidungsträger zu unser aller Wohl denken und agieren. Manche der Maßnahmen mögen unkoordiniert, vielleicht übers Ziel geschossen erscheinen, trotzdem müssen wir uns eingestehen: die Normalbürger haben es verbockt. Bei wenigen Plusgraden über ein Stück Stoff vorm Mund zu jammern, aber bei 35 Grad im Auto freiwillig Kapuzenpullover und Kappe tragen, wo steckt da die Logik? Und eine weitere traurige Einsicht müssen wir hinnehmen: Einstein hatte recht, nicht das Universum ist unendlich, sondern lediglich die Dummheit des Menschen. Möge auch dagegen bald ein Impfstoff gefunden werden.

www.franzbrunner.at

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