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Steyr

Franz Brunner: Iannis und der Wein der Weisen

03. November 2020 10:32 Uhr

Franz Brunner
Franz Brunner

STEYR. Der Autor der würzigen Wortwechsel erzählt heute von seinem Trip nach Griechenland. Was Franz Brunner von dort über zerbrochene Freundschaften, einen alkoholgeschwängerten Abend, Corona, die Umweltverschmutzung, Respekt und Toleranz zu berichten hat, lesen Sie in den folgenden Zeilen.

Iannis und der Wein der Weisen.
Ich geb’s zu. Ohne jegliche Reue gestehe ich, schwach geworden zu sein. Nein, keine Frauengeschichte, ich bin einzig dem verlockenden Ruf des Meeres erlegen und trotz kleiner Gewissenbisse im September nach Griechenland geflogen. Und wäre mir die Sache mit Iannis nicht passiert, hätten Sie’s nie erfahren. Warum ich das gerade jetzt erzähle? Weil Iannis mir was Ungewöhnliches nach Steyr mitgab. Nein, keine Sorge, Corona war’s nicht und Iannis selbst war's auch nicht, dazu liebt er die griechische Sonne zu sehr. Er schenkte mir Weisheiten, die ich gerade gut gebrauchen konnte.

Nicht alle Hellenen sind weise, das wissen wir spätestens seit deren Staatsschuldenkrise von 2010, aber Iannis ist einer, ein Weiser, auch wenn man’s ihm nicht auf den ersten Blick ansieht. Man muss schon länger mit ihm beisammensitzen, um sein Potenzial zu orten. Ich habe das riskiert und es war gut so. Hier nun, wie es dazu kam.
Iannis ist ein Grieche, wie er im Buche steht, einer vom Typ Alexis Sorbas. Die Haut sonnengegerbt, die Haare für einen Spät-Fünfziger bereits erstaunlich weiß, der Schnauzbart struppig und der Blick verwegen. Ihm gehört die Taverne neben meiner Frühstückspension, am dritten Abend kamen wir zur Sperrstunde ins Gespräch. "Jamas". Die Gesprächseröffnung von Iannis war kurz und, wenn man ehrlich ist, auch inhaltsleer. Sein Schnapsglas binnen Sekunden ebenso, meines durfte sich etwas länger seiner Fülle erfreuen, denn ich trinke keinen Schnaps. Bis Iannis das bemerkte, lag er bereits drei Ouzo voraus, meinen leerte er noch obendrauf. Ich hatte nicht vor, ihn einzuholen, zumindest nicht beim Ouzo-Verzehr. Reden wollte ich mit ihm, über dies und jenes, über Gott und die Welt. Und Corona ließ sich leider nicht vermeiden.

Er akzeptierte meine Entscheidung für Retsina, den Wein der Weisen, und ich sah es als einen Akt der Fairness, alsbald Promillegleichstand herzustellen. So konnten wir schließlich auf Augenhöhe philosophieren, zumal unser beider Englisch mittlerweile vergleichbar beschwingt war.

Wir diskutierten über Tourismus, Ernährung, Umweltverschmutzung und vieles mehr. Und als der Retsina schließlich zu schmecken begann, fand sogar das Wetter Aufnahme in unsere Geisteswelt. Allerdings nur kurz, das sei zu unserer Entschuldigung angemerkt. Zudem ließen wir die Themen Fußball, Sex und Politik aus, dazu äußern sich Philosophen unseres Kalibers nicht öffentlich. Doch ungeachtet des Themas, Iannis begann seine Ausführungen stets mit der gleichen Phrase: „I tell you, my Austrian friend ….!“

Leider traf er damit eine wunde Stelle in meiner Psyche, denn das Thema Freundschaft war zurzeit nicht gerade positiv besetzt. Ich zuckte jedes Mal zusammen, wenn er mich mit „My friend“ ansprach. Und so kam’s nach dem gefühlt zwanzigsten Zucken, dass das Thema Freundschaft zum Gespräch anstand. Ich erzählte meinem neuen „Greek friend“ davon, dass zuletzt einige Freundschaften, von denen man(n) im Allgemeinen ohnehin nicht viele hat, im Sande verliefen. Ohne besondere Vorfälle und ohne böse Worte, sie liefen einfach aus. Und das machte mir ein wenig zu schaffen, ich grübelte nach dem Warum, leichte Vorwürfe inklusive.

Jedermanns Freund ist niemands Freund. Alt, aber wahr, sogar wahrer als früher. Wie viele Facebook-Freunde haben Sie? Keinen? Sie sind nicht auf Facebook? Ungeachtet, wie viele Freunde Ihnen damit entgehen, seien Sie stolz auf sich. Ich habe mich breitschlagen lassen, und ein bisschen schäme ich mich dafür. Betrachten Sie das bitte als mildernden Umstand. Iannis versuchte, mich mit einem Hinweis zu trösten: „My friend, don’t worry about friendship.“ Wird eine Tür zugeschlagen, tut sich eine neue auf, so zitierte er den griechischen Volksmund. Ich wollte ihn ob seines redlichen Bemühens nicht belehren, dass das eigentlich eine österreichische Weisheit ist. Und auf einmal war's 3 Uhr morgens und die Philosophen waren sehr müde. Jetzt in wenigen Sätzen zusammenzufassen, wie wir die Welt retten wollen, ist unmöglich.

Nur so viel sei verraten: Verlässlichkeit, Respekt und Toleranz spielen dabei eine wichtige Rolle. Für Freundschaften und eine funktionierende Demokratie gilt das im Übrigen genauso. Vielleicht gibt's da rundum Luft nach oben?

Doch ist die Welt überhaupt noch zu retten? Haben wir uns die Rettung verdient? Wenn ich daran denke, was wir Mutter Erde bisher angetan haben, muss ich ernsthaft daran zweifeln. Nach ausreichend Zufuhr von Ouzo und Retsina kamen wir zum Schluss, dass es zumindest für uns zwei gut sei, weiterzuleben. Es war uns ja außer reisebedingt überdurchschnittlichem CO2-Ausstoß keine größere Verfehlung vorzuwerfen. Dass an diesem Abend auch der Getränkeumsatz überdurchschnittlich war, betrachteten wir nicht als Verfehlung, sondern als bescheidenen Beitrag zur Förderung der leidgeprüften Gastronomie. Die Welt retten zu wollen, verlangt eben manchmal ein schmerzliches Opfer. Die Kopfschmerzen hatten bis zum Abend zwar nachgelassen, dennoch vermied ich es vorsichtshalber, Iannis gleich wieder zu treffen.

Zwei Monate und viele COVID-Statistiken später fällt mir der weise Grieche wieder ein. Respekt und Toleranz, gelebt in Freundschaften und Gesellschaft, das könnte uns jetzt tatsächlich weiterhelfen.

www.franzbrunner.at

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