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Astrid Miglar: Wortgewalt und Alltagsrassismus

13. November 2020, 17:36 Uhr
 Märsche des Grauens und eine Denunziation
Todesmarsch quer durch Österreich: Diese Aufnahme entstand in Hieflau bei Leoben, heimlich fotografiert durch eine Dachluke. Zwischen 10. und 11. April dürfte der Gefangenenmarsch der ungarischen Juden das oberösterreichische Ennstal erreicht haben. Bild: APA/Archiv Dall-Asen

REICHRAMING. Heute wagt sich Astrid Miglar auf rutschiges Terrain. Rechtspopulismus und Alltagsrassismus sind unter anderem ihre Themen. Und sie erzählt von Todesmärschen, die es auch im Ennstal gab.

Schmerzhafte Sprache: WortGewalt und Alltagsrassismus

Woran denken Sie, wenn sie „SS“ oder „Arbeit macht frei“ lesen? Woran denken Sie, wenn Sie die Worte „Rechtspopulismus“ oder „Hetze“ lesen? 
Ich denke an Vergangenheit, die ich nicht erleben brauchte. Ich denke an einen Großvater, den ich nie kennenlernen durfte, weil er im Krieg gefallen ist. Ich denke an einen anderen Großvater, der vom Krieg erzählte. Ich denke an Verwandte, die Todesmärsche gesehen und ihre Kinder geschickt haben, um Erdäpfel entlang der Straße zu deponieren. Ich denke an politische Sprache, die ich europaweit erlebe. Ich denke an Sprache, die im öffentlichen Sprachgebrauch bitteren Beigeschmack hinterlässt. Historische Ausdrücke wie Nationalsozialismus, völkisch, Schutzstaffel, entartet, Führer, arisch, Untermenschen … sind ideologisch kontaminiert. Ich bin der Meinung, derartige Wörter dürfen keinesfalls verharmlosend dargestellt werden, lassen sie doch nicht nur auf die Gesinnung des Verwenders Rückschluss zu. Es drängt sich mir zudem auf, dass derlei Wörter auf duldende Weise Rehabilitierung erfahren sollen. Belastete Begriffe, häufig genug verwendet, werden plötzlich zu auszuhaltenden Begriffen. Sie wieder als „normal“ im täglichen Sprachgebrauch einzusetzen, bedeutet gefährliches Gedankengut zu legitimieren. Bewusst herbeigeführte Tabubrüche?

Astrid Miglar
Astrid Miglar aus Reichraming (privat)

Kennen Sie Redewendungen, die historisch besetzt sind? Deren grausige Hintergründe aus Zeiten von Holocaust und Gaskammer stammen?
Etwa: „Durch den Rost fallen. Arbeiten bis zur Vergasung.“ 

Zur Bagatellisierung von Worten kommt Alltagsrassismus. Die Abwertung von Menschen. Dabei gehören wir doch alle der Rasse „Mensch“ an und gleichen uns. Spätestens dann sind wir noch gleicher, wenn wir auf Hilfe angewiesen sind. Wenn uns jemand respektvoll behandeln soll. Jemand, den wir zuvor womöglich gedankenlos entwertet haben. Oder bedenkenlos?
Soziale Medien sind voll abwertender Bemerkungen, weil besonders Mutige (Achtung, Sarkasmus!) in Anonymität untertauchen. Wir versinken, so hat es den Eindruck, in Aggression. Nicht nur in passiv-schriftlicher. Meine Gedanken sind in Wien, in Paris, in Deutschland, genauso wie in Neuseeland, in den USA, im Kongo, in Afghanistan, im Jemen oder Äthiopien.

Und auch ich werte. Unabsichtlich oder verdeckt, weil es Verhaltensmuster sind, die ich mitnehme, ohne es zu bemerken. Ich genieße Schwedenbomben, die in Deutschland Schokoküsse heißen. Früher nannte man sie Mohrenköpfe oder Negerküsse. 

Möchten Sie hübsche alltägliche Beispiele dafür, wohinter sich Respektlosigkeit verbergen kann? Womit erniedrigt man? Mit absichtlichem Falschaussprechen eines Namens. Das trägt man nicht und tuschelt darüber: zu langes, zu kurzes, zu verhüllendes, zu durchsichtiges Kleidungsstück. Dagegen protestiert man eifrig: Genderwahnsinn. Darüber kichert man: typisch Blondine. 

Dieselbe Dosis Arsen ins Essen gilt für abfällige Bemerkungen: Homosexualität ist wider die Natur. Weiberklatsch. Krieg der Generationen, … die ausbeuterischen Alten sind unser Untergang. Frustriertes Mannweib. Ausländerflut. Alte Hexe. Schihaserl. Grün hinter den Ohren. Bist du blind? Bist du taub? Du Krüppel! Kampflesbe …

Giftdosen entwickeln ihre Wirkung erst nach einiger Zeit. Es fängt im Kleinen an. „Ach, es war doch nicht so gemeint“, höre ich entschuldigende Worte.
Zu spät: Für boshaft Gesagtes oder gemeine, hinterhältige Handlungen gibt es keine Ehrenrettung.

R.E.S.P.E.K.T. Wut und Zorn sind schlechte Ratgeber. Lasst uns stärker sein als Hass, Terror und Erniedrigung. Die Zeit ist überreif. 

Ach ja: Viel Glück am heutigen Freitag. Es ist ein dreizehnter.

www.astridmiglar.at

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4  Kommentare
4  Kommentare
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NeujahrsUNgluecksschweinchen (26.132 Kommentare)
am 14.11.2020 15:10

Danke, Frau Miglar!

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mitreden (28.669 Kommentare)
am 14.11.2020 09:46

Wie werden das Andersdenkende wohl sehen?

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xerMandi (2.161 Kommentare)
am 13.11.2020 22:58

Der Beitrag wurde wohl mit dem Gedanken an Personen wie die Autorin gemacht: https://www.youtube.com/watch?v=3Pf9eA1c-wA

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4larsen (211 Kommentare)
am 13.11.2020 20:17

Danke Astrid ! Auf den Punkt gebracht. Und du kennst mich und weißt, dass mir Rassismus und Hetze ekelhaft sind - und trotzdem - über viele der Dinge, die Du anführst, habe auch ich schon gelacht, sie unbedacht in den Mund genommen, im Alltag verwendet. Dein Beitrag erinnert mich daran, beim Reden vorsichtiger zu sein und einiges aus meinem Wortschatz zu streichen.

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